33

Anschläge in der muslimischen Welt Wo ist die Empathie?

PULS Reporterin Gülseren ist Berlinerin, Deutsch-Türkin, Muslimin. Die Anschläge in Istanbul haben sie ziemlich mitgenommen. Ähnliches hätte sie sich auch von anderen gewünscht: mehr Solidarität, mehr Trauer, mehr Empathie. Gleichzeitig fragt sie sich: Ist das legitim?

Von: Gülseren Ölcüm

Stand: 06.07.2016

Anschläge in der muslimischen Welt | Bild: BR

Als die ersten Twitter-Meldungen zum Anschlag am internationalen Flughafen von Istanbul kamen, hat es mir regelrecht die Sprache verschlagen. Ich wollte nicht telefonieren und nicht sprechen. Ich habe die ganze Zeit vor meinem Laptop gehangen und ich wollte alles darüber wissen. Es war Thema auch bei mir in der Familie.

Im Laufe des Abends habe ich dann angefangen mich zu ärgern, dass der Anschlag scheinbar niemanden so richtig interessiert. Ich hätte mir von Facebook, den Medien und meinen Freunden mehr erhofft. Nach dem Anschlag am Flughafen von Brüssel war das bei allen ein ganz großes Thema. Warum also nicht jetzt?

Professor Ulrich Wagner von der Universität Marburg hatte zumindest ein paar Antworten für mich: "Empathie bedeutet, sich in andere hineinversetzen zu können und zu verstehen, wie der andere denkt und fühlt", erklärt er mir im Interview. Und meint weiter: "Es bedeutet aber auch, mit anderen mitfühlen zu können. Und für die Empathie entscheidend ist, wie sehr uns die Person oder das Opfer ähnlich ist."

Das erklärt, warum das Mitgefühl in Deutschland stärker mit den Opfern in Paris ist als mit denen in Istanbul oder in Bagdad. Denn zur Empathie kommt noch etwas: Seit der Gründung der Europäischen Union gibt es eine gemeinsame Kategorisierung: Wir Europäer - und die Anderen. Durch die politischen Diskurse in unserer Region teilen wir die Welt in unterschiedliche Kategorien ein. Und da fällt der Irak und Saudi-Arabien raus. Und die Türkei auch.

Sich ähnlich sein, Gemeinsamkeiten haben... Ich erinnere mich an viele Gespräche, in denen mir die Leute von ihrem tollen Türkei-Urlaub berichten oder von ihren netten türkischen Nachbarn, die immer so lecker kochen und ihnen was abgeben. Ich denke mir dann: Statistisch gesehen muss jeder in Deutschland doch eher einen Döner gegessen haben als belgische Moules & Frites. Die meisten gehen sicherlich eher beim Türken um die Ecke einkaufen als bei einem französischen Delikatessen-Shop. Und ich könnte endlos weiter aufzählen, warum man doch eigentlich mehr Begegnungen mit Türken in seinem Alltag hat und daher doch mehr Mitgefühl für einen Terroranschlag in der Türkei haben müsste.

Aber noch während mir diese Gedanken durch den Kopf schießen, denke ich mir: Wie kindisch. Kann ich wirklich unterschiedliche Ausmaße von Mitgefühl miteinander vergleichen anhand gefühlter Statistiken, für die ich noch nicht mal offizielle Zahlen zitieren kann?

"Persönliche Begegnungen spielen zwar eine Rolle und können die Empathie stärken", sagt Professor Wagner, "aber der öffentliche und politische Diskurs hat auch einen großen Einfluss. Und die gegenwärtige politische Debatte zwischen der Türkei und Deutschland ist eher negativ geprägt."

Klar, der politische Dialog ist gerade etwas schwierig zwischen der Türkei und Europa. Aber kann ich das nicht trotzdem erwarten, dass alle meine Facebook-Freunde ihre Profilbilder in der türkischen oder irakischen oder saudi-arabischen Nationalflagge einfärben? Ist das nicht eher etwas, was man fühlt oder eben nicht?

Professor Wagner meint: "Man sollte und kann Empathie erwarten. Denn wenn es keine Empathie mehr gibt, dann ist es schlecht bestellt um unsere Gesellschaft."

Trotzdem bin ich irgendwie ratlos. Ich kann nur sagen, dass ich mich gefreut habe, dass viele europäische Städte auf ihre Wahrzeichen - zum Beispiel das Brandenburger Tor in Berlin - die türkische Flagge projiziert haben. Es hat sich nach Solidarität angefühlt und so, als ob ich doch Teil dieser Gesellschaft bin. Verrückt. Eigentlich kann ich nicht behaupten, nicht Teil der Gesellschaft zu sein.

Zeitgleich frage ich mich: Haben türkische, libanesische oder marokkanische Städte die irakische Flagge auf ein Wahrzeichen projiziert? Haben sie mehr Empathie für ihre Glaubensbrüder und -schwestern gezeigt als der Westen? Nach einem der heftigsten Anschläge des IS im Irak? Nicht wirklich.

Und gleichzeitig ertappe auch ich mich dabei, wie ich zwar bei den Anschlägen in Bagdad, Medina und Mekka traurig bin, aber auch von meiner Seite nicht viel Solidarität kommt. Das gleiche gilt für meine Freunde auf Facebook. Da sind viele Türken und Araber dabei, aber nicht unbedingt mehr Empathie. Vielleicht mal ein Tweet oder ein Post. Aber nicht mehr. Nicht einmal vor der türkischen Botschaft in Berlin wurden Blumen niedergelegt. Klar kann man jetzt sagen, die Medien haben ja nicht so viel darüber berichtet, Facebook hat keinen Safety Check und keine Flaggenoption für uns eingerichtet. Aber wenn ich Solidarität zeigen will, dann ist das doch noch nie einfacher gewesen als jetzt, oder?


33