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11:54 Uhr Stop Justice


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Anschläge in Brüssel Kamera aus!

Bei den Anschlägen in Brüssel streamen Nutzer wieder live vom Ort des Geschehens. Das ist falsch. Genauso wie es falsch ist, diese Streams anzuschauen. Denn Livestreams sind das digitale Äquivalent des Gaffers.

Von: Christoph Gurk

Stand: 22.03.2016 | Archiv

Handy mit Livevideo von Krankenwagen | Bild: BR

In Brüssel sterben bei Anschlägen zwei Dutzend Menschen, hunderte werden verletzt. Im Netz sind die Reaktionen darauf schon schreckliche Routine: Unter #PrayForBelgium oder #jesuisbruxelles bekunden Twitter-Nutzer ihr Beileid oder tweeten ihre Meinung, auf Facebook färben die ersten schon Minuten nach dem Attentat ihr Profilbild in den belgischen Farben ein. Man kennt das, all das gab es auch schon nach den Anschlägen von Paris. Und auch damals gab es - leider - schon Videostreams vom Ort des Geschehens, live gefilmt und ungefiltert ins Netz geblasen über hunderte Handykameras. Das Interesse war so groß, dass die Server des Streaminganbieters Periscope zusammenbrachen. Für die Firma war Paris das, was der Flugzeugabsturz 2009 im Hudson River für Twitter war: der Durchbruch in die breite Masse. Nur gibt es dabei einen entscheidenden Unterschied: Der Flugzeugabsturz in New York war ein Unfall. Bei den Anschläge in Paris und jetzt in Brüssel handelt es sich aber um das Werk von Terroristen. Die Attacken waren geplant, es geht um Terror und um Aufmerksamkeit - genau jene Aufmerksamkeit, die das Netz ihnen jetzt gibt.

Wieso ist es ein Unterschied, über die Anschläge in Brüssel im Netz zu reden und zu lesen - oder sich Livestreams anzuschauen?

Das Netz funktioniert nicht anders als das echte Leben auch: Eingefärbte Facebook-Profilbilder oder #PrayForBelgium-Tweets sind Trauerbekundungen und die digitalen Gegenstücke zu Fahnen auf Halbmast. Das gleiche gilt für alle, die Nachrichten zu Brüssel lesen, kommentieren und verbreiten: Nichts anderes machen wir auch in der Teeküche oder der Mensa. All das ist normal und menschlich und manchmal kann das Netz ja sogar auch Hilfe organisieren. Ein Livestream aus Brüssel oder Paris hilft aber ungefähr so viel, wie jemand, der bei einem Unfall stehenbleibt, um zuzuschauen. Livestreams sind das digitale Äquivalent des Gaffers. Wer sie sich ansieht, um sich zu gruseln, ist geschmacklos. Und wer sie schaut, weil er schockiert und betroffen ist, wird es danach nur noch mehr sein.

Was aber soll der Unterschied sein zwischen einem Handyphoto, einem Video und einem Livestream?

Wer ein Foto mit seinem Handy schießt oder ein Video filmt, wählt aus. Was zeige ich? Wie zeige ich es? Wem zeige ich es? Und: Zeige ich das überhaupt? Livestreams wählen nicht aus. Sie zeigen genau das, was vor der Kamera ist. Live und ungefiltert und ganz nah dran. Bei Konzerten oder Sportevents ist das toll - im Falle von Terroranschlägen aber eben fatal, geschmacklos und genau das, was Terroristen wollen. Wir holen uns den Terror direkt in die Bibliothek, die WG-Küche, das Büro und die Hosentasche. Freiwillig. Früher mussten Terroristen erst Journalisten entführen, um maximale Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Livestreams ersparen ihnen diesen Umweg - und maximieren den Effekt.

Und wieso soll es einen Unterschied zwischen Livestreams und Nachrichtenberichterstattung geben?

Wir alle wollen mehr wissen über die Anschläge in Brüssel. Das ist normal, das ist verständlich und das ist auch wichtig. Totschweigen würde ja auch nichts bringen. Livestreams aber verbreiten keine News. Sie ordnen auch nicht ein und sie kommentieren nicht. Natürlich: Es gibt Ausnahmen. Sender und Nachrichtenseiten zum Beispiel, die live und ungefiltert aus Brüssel berichten, oft sogar mit Apps wie Periscope. Genauso gibt es Livestreamer, die einordnen, News liefern und nicht nur Gaffer befriedigen. Für letztere gilt: Go for it! Für den Rest dagegen: Kamera aus! Und wer in Zukunft im Netz über den Link zu einem Livestream von einem Terroranschlag stolpert: Bitte weiterklicken! Nicht, weil es bei den Livestreams nichts zu sehen gibt. Sondern weil man die Sensationslust und Gafferei nicht mit dem Wunsch nach Informationen verwechseln sollte.


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