Kunst-Aktion Pauschalreise in die Diktatur zu gewinnen

Das Angebot klingt irritierend: Schüler sollen kritische Flugblätter entwerfen und diese dann in Diktaturen verteilen. Laut Webseite eine Aktion des bayerischen Staates – dahinter steckt aber ein bekanntes Kunst-Kollektiv.

Von: Tobias Krone

Stand: 26.06.2017

Aktion des Zentrums für politische Schönheit | Bild: Zentrum für politische Schönheit

Ein kritisches Flugblatt entwerfen, hochladen – und das dann in einer Diktatur seiner Wahl unter die Leute bringen. Dazu lädt eine ominöse Webseite namens scholl2017.de bayerische Schüler ein: "Wolltest Du schon immer Flugblätter gegen einen echten Diktator verteilen? Werde Kandidatin oder Kandidat und gewinne mit etwas Glück eine spannende Reise in eine Diktatur Deiner Wahl." Angestoßen wird die absurd klingende Aktion laut der Seite vom Bayerischen Innenministerium. Ein Grußwort von Innenminister Joachim Herrmann steht gleich daneben. Darin ruft er bayerische Schüler dazu auf, sich als Kandidat zu bewerben. In einem Aktionsvideo heißt es zu außerdem: "Wenn du einen Diktaturhintergrund hast, werden wir deine Bewerbung bevorzugt behandeln."

Aktionskunst goes Münchner Schulen

So kühn dieser Aufruf wäre – echt ist er nicht. Dem bayerischen Kultusministerium, das für die Schulen des Freistaats zuständig ist, ist die Seite nicht bekannt. Herrmanns Innenministerium möchte sich nicht dazu äußern. Eben so wenig hat bisher ein Ministerium „für Bildung, Kultur und Demokratie“ in Bayern existiert. Wer bei der Telefonnummer der angegebenen Pressestelle anruft, landet bei einem Künstlerkollektiv, das schon mehrmals für Furore und handfeste Skandale gesorgt hat: dem Zentrum für Politische Schönheit.

Die in Berlin beheimatete Gruppe um den Künstler Philipp Ruch hat beispielsweise schon für Geflüchtete, die auf der Flucht nach Europa gestorben waren, in Berlin eine symbolische Beerdigung organisiert. In ihrer letzten Aktion versuchten sie einen Flieger zu chartern, um Geflüchtete nach Deutschland zu schleusen – andere sollten Raubtieren in einer Arena zum Fraß vorgeworfen werden.

Das Zentrum für Politische Schönheit will provozieren

Fakt ist: Die Aktionen haben nie zu einem echtem "Erfolg" geführt. Die Aktivisten haben es weder geschafft, die Grenzanlagen in Bulgarien zu zerstören, noch Flüchtlinge in einem Flieger illegal nach Deutschland zu bringen. Aber darum geht es den Künstlern nicht. Sie wollen die Öffentlichkeit irritieren – und politische Reaktionen und Diskussionen provozieren. Und dafür sind ihnen viele Mittel Recht – zum Beispiel unter dem Logo des Bundesministerium für Familie eine Suche von Pflegeeltern für Kinder aus Syrien zu initiieren. Die aktuelle Aktion sei natürlich ebenfalls mit der Regierung abgesprochen, sagt uns Cesy Leonard, eine der Aktivisten:

"München ist ja schon immer die Stadt des Widerstandes gewesen – und damit das nicht in Vergessenheit gerät, haben wir gemeinsam mit dem Staatsministerium für Bildung, Kultur, Wissenschaft und Kunst das Scholl-Jahr 2017 ins Leben gerufen."

Cesy Leonard, Zentrum für Politische Schönheit

Doch das Kultusministerium verneint das Ganze, diese Zusammenarbeit gebe es nicht. Keine große Überraschung.

Satire-Aktion mit ernstem Hintergrund

Tatsächlich ist gerade Gedenk-Jahr: Vor 75 Jahren haben die Münchner Studenten Sophie und Hans Scholl, Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", mit Flugblättern gegen Hitler und die Nazi-Diktatur protestiert. Mit der Aktion wollen die Künstler Schüler offenbar motivieren, über Demokratie nachzudenken – und gegen Diktaturen aktiv zu werden.

Auch, wenn das bayerische Innenministerium nichts von der Aktion wissen will – vielleicht wird die gefakte Anordnung von Innenminister Joachim Herrmann, "noch in dieser Woche zwei zusätzliche Doppelstunden zum Thema 'Die Scholls' in den Lehrplan aufzunehmen, ja doch noch Realität.

Sendung: Filter vom 26.06.2017 ab 15 Uhr