Kosten hui, Wirkung pfui Warum Nahrungsergänzungsmittel oft großer Quatsch sind

Schlank, schön und saugesund – Nahrungsergänzungsmittel versprechen große Wirkung und liegen voll im Trend. Dabei sind Vitaminpillen, Gesundheitssäfte und Grünteekapseln oft rausgeschmissenes Geld und manchmal sogar richtig gefährlich.

Von: Miriam Harner

Stand: 30.10.2018

Nahrungsergänzungsmittel | Bild: BR

Fit im Schlaf dank Vitamin-C-Ampullen, Ginkgo-Tabletten für bessere Lernleistung, Cranberrysaft zur Vorbeugung gegen Blasenentzündung – Nahrungsergänzungsmittel sind das Superfood des kleinen Mannes. Und mal ehrlich: Wer stand noch nie in der Drogerie vorm übervollen Pillen- und Pülverchen-Regal und dachte sich "Ein kleiner Immun-Boost in Form von Zinktabletten kann so kurz vor der greisligen Jahreszeit doch nicht schaden?" Eben. Das Geschäft boomt, in der Hoffnung auf Gesundheit und Schönheit geben wir jährlich über eine Millarde Euro aus. Wir verraten euch, ob die Selbstoptimierungshelferlein wirklich so harmlos sind.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?

Kurz gesagt: Fast niemand. Zumindest hier in Deutschland leidet kaum ein Mensch an Vitamin- oder Nährstoffmangel. Das liegt daran, dass wir eine gigantische Vielfalt an Lebensmitteln haben. Über eine halbwegs ausgewogene, vollwertige Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Nahrungsmitteln nehmen wir alle Nährstoffe auf, die unser Körper braucht. Grundsätzlich gilt: Du kannst noch so viele Vitaminpillen schlucken, mit Nahrungsergänzungsmitteln gleichst du deine Pommes-und-Pizzadiät leider nicht aus.

Aber Veganern empfiehlt man doch zum Beispiel Vitamin-B12-Präparate?

Wahr ist: In bestimmten Situationen spricht nichts dagegen, gezielt Nahrungsergänzungsmittel einzuwerfen, zum Beispiel bei bestimmten Krankheiten oder Unverträglichkeiten. Auch Veganer*innen zählen manchmal zu diesen Ausnahmefällen. Sie leiden hin und wieder unter einem Vitamin B12-Mangel, weil das in ausreichenden Mengen nur in tierischen Produkten steckt. Eine Unterversorgung tritt allerdings erst nach zwei bis drei Jahren veganer Ernährung auf, weil unsere Leber eine ordentliche Menge Vitamin B12 speichern kann. Grundsätzlich gilt: Man sollte sich beim Verdacht auf egal welchen Mangel nicht einfach selbst Pillen verschreiben, sondern erst mal beim Hausarzt ein großes Blutbild erstellen lassen. Bei Bedarf verschreibt der dann Präparate.

Wirken die Pillen und Pülverchen?

Im besten Fall sind die meisten Pillen und Pulver wirkungslos für Menschen, die sich normal ernähren. Bei Vorerkankungen oder bei zu hoher Dosierung einzelner Inhaltsstoffe können Nahrungsergänzungsmittel aber üble Folgen haben, warnt Heidrun Schubert, Ernährungsexpertin von der Bayerischen Verbraucherzentrale: "In vielen Fällen sind Nahrungsergänzungsmittel extrem überdosiert.  Bei den fettlöslichen Vitaminen A, D und K kann eine Überdosierung auf Dauer organschädigend wirken. Bei Selen-Überdosierung kann es zu eingerissenen, entzündeten Mundwinkeln kommen. Auch Kopfschmerzen oder depressive Verstimmungen sind eine häufige Folge." Auch über Wechselwirkungen mit Medikamenten weiß man noch nicht genug. Und last but not least: Nahrungsergänzungsmittel werden in Deutschland weder auf ihre Wirksamkeit noch auf ihre Sicherheit geprüft und schon gar nicht, ob sie ihre blumigen Werbeversprechen einhalten. Nur der "Klartext Nahrungsergänzung" der Verbraucherzentrale bietet Infos.

Aber wenn das alles großer Quatsch ist: Woher kommt der Boom?

Im Meer der Nahrungsergänzungsmittel schwimmen in Deutschland inzwischen über 6.000 Präparate – Tendenz steigend (den unendlichen Internetmarkt klammern wir an dieser Stelle höflich aus). Der Nahrungsergänzungsmittel-Boom ist wie Superfood ein Trend und letztlich das Ergebnis cleveren Marketings der Hersteller. Beispielsweise werden uns gerade jetzt zu Beginn der dunklen Jahreszeit Vitamin-D-Präparate als Allheilsbringer gegen Winterdepression und Müdigkeit angepriesen. Dabei würde es ausreichen, im Sommer seinen Rüssel täglich raus an die frische Luft zu hängen und seinen Vitamin-Speicher für die trüben Wintermonate aufzutanken - Vitamin D bildet unser Körper über die Haut in Kombination mit Sonnenlicht nämlich selbst. Kostet garantiert nix und sorgt sogar für einen freshen Teint!

Sendung: Filter am 29.10.2018, ab 15 Uhr