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Spielwiese // Retronostalgie Per Mausklick in die 90er

Tamagotchis und Schnullerketten kennt jeder, der in den 90ern groß geworden ist - Youtube-Compilations erinnern uns gerne an unsere Jugendsünden. Aber auch im TV und der Games-Szene tobt der Retrohype. Mit großem Erfolg.

Von: Ralph Glander und Christian Alt

Stand: 15.05.2015

Ein verwaschenes Polaroidfoto. Darauf zu sehen: du, deine drei besten Freundinnen und deine Mutter. Alle vier Kinder haben Calippo-Eis mit Colageschmack in der Hand, das munter auf die bunten Radlerhosen tropft. Klar: das war ein Ausflug in den Freizeitpark zum fünften Geburtstag. Was für eine unbeschwerte, tolle Zeit. Generell. Nicht nur dieser Ausflug. Baumhäuser, Radlausflüge, Bandengründung, Schatzsuchen in der Kiesgrube. Dir wird wohlig warm um die Magengegend. Mensch, ist das lange her. So lange. Und es kommt nicht mehr. Nie wieder.

Ein bittersüßes Gefühl

Das ist die eine Art der Nostalgie - dieses bittersüße Gefühl von Erinnerungen an Zeiten, in denen vermeintlich alles irgendwie besser war. Wenn man zum Beispiel alte Fotos anschaut oder einem der Geruch von frischem Apfelkuchen in die Nase steigt, den früher nur Oma so gut backen konnte. Dann gibt es aber noch die Mediennostalgie, diese konservierte Form der Nostalgie, mit der wir mittlerweile wohl am besten vertraut sind. Das Hören eines bestimmten Songs, das Gucken eines Films oder einer Serie aus anderen Zeiten, die in uns das Gefühl wecken, dass wir etwas verloren haben, als wir unaufhaltsam in die Zukunft hineingewachsen sind. Doch keine Sorge: Die Medien und die Markenartikler bringen es für uns immer wieder zurück. Denn die konservierte Nostalgie ist momentan ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und trifft offenbar in allen Altersgruppen auf breite Zustimmung.

Nostalgie als Marketingstrategie

Kein Wunder, dass sich Nostalgie deswegen so wunderbar verkaufen lässt. Mindestens so gut wie Sex: Nostalgie sells… und wie. Coca Cola bringt beispielsweise eine Fanta Klassik im schicken Retrodesign in die Supermarktregale, der Schokoriegel Twix nennt sich wieder Raider und das Kultcomic-Heft "Yps" ist plötzlich auch wieder da. Perfekt auf den Punkt bringt den Nostalgie-Hype momentan Microsoft mit seinem Spot "Child of the 90s". Hier wird der Internet Explorer als treuer Bekannter inszeniert, der immer noch cool ist und einen gleichzeitig immer wieder an die gute alte Zeit erinnert:

Der Werbeclip mag cheesy sein aber er trifft den Kern der Sache. Denn durch das Internet geht einfach nichts mehr verloren, was die Menschen an die Vergangenheit erinnert. Wir können uns das Gefühl bittersüßer Nostalgie also per Mausklick jederzeit zurückholen.

Fernsehschauen wie damals

Zum Beispiel mit der liebevoll gestalteten Webseite "My 80's TV". Dort können sich Nostalgiker durch das Fernsehprogramm der 80er zappen - stilecht grisselig auf einem silbernen Röhrenfernseher. Ausgedacht und programmiert hat die Seite Joey Cato, der beruflich als Interface-Designer bei Netflix arbeitet. Seine Motivation, eine Seite für 80er Jahre Fernsehnostalgiker zu machen, beschreibt er folgendermaßen:

"Ich bin schon immer ein riesiger Fan von 80er-Jahre Musik gewesen. Und ich habe generell immer extrem viel Spaß daran, auf Youtube nach 80er Jahre-Sachen zu suchen: Musikvideos natürlich oder auch Werbeclips aus der Zeit. Vor allem die Werbeclips erwecken in mir ein extremes Gefühl der Nostalgie. Die Clips hat man als Kind Hunderte von Malen gesehen, ohne ihnen wahnsinnig viel Beachtung zu schenken. Und dann sieht man sie nach langer Zeit plötzlich wieder - das ist dann einfach ein cooles Gefühl."

Joey Cato

Das fanden auch zahlreiche andere Leute. Das so simple wie effektive Konzept konnte rasch riesige Mengen an Usern verzeichnen und wurde vom Time Magazine sogar unter die besten Webseiten des Jahres 2014 gewählt. Joey Cato hat deswegen mittlerweile nachgelegt. Ebenfalls online sind "My 70's TV" und "My 90's TV". Gleiches Konzept mit anderem Fernsehdesign und natürlich entsprechendem Programm aus dem jeweiligen Jahrzehnt:

"Ich liebe Nostalgie ganz allgemein. Als ich ein Kind war, habe ich Musik aus den 50er und 60er Jahren im Radio angehört. 90er Jahre Musik liebe ich jetzt ebenfalls. Deswegen habe ich dann auch erst mal die 90er TV-Seite gemacht. Und dann kam der Punkt, wo ich gemerkt habe, dass diese Nostalgiesache immer größer wird. Also ging es gleich mit den 70ern weiter. Und ich glaube, dass ich auch noch eine Seite für die 60er machen werde."

Joey Cato

Verloren in der Nostalgiespirale?

Der Schweizer Arzt Johannes Hofer prägte im 17. Jahrhundert erstmals den Begriff der "Nostalgie". Damit diagnostizierte er eine neurologische Erkrankung unter Schweizer Söldnern - ausgelöst durch Heimweh. Eine Krankheit ist Nostalgie heute nicht mehr. Aber wie könnte die Diagnose angesichts des anhaltenden Nostalgiewahnsinns alternativ lauten? Das Spiel mit nostalgischen Gefühlen hat durch das Internet keinerlei Grenzen mehr. Auf Seiten wie Buzzfeed finden sich unendlich viele Listen, die vergangene Jahrzehnte auf mannigfaltige Art und Weise sentimentalisieren. Verlieren wir damit vielleicht auf Dauer unseren tatsächlichen Bezug zur Vergangenheit, wenn wir sie mit den technischen Möglichkeiten immer detaillierter und besser reproduzier- und erlebbar machen können?

"Ich glaube auf jeden Fall, dass es die Technologie wesentlich einfacher macht, sich in nostalgischen Gefühlen zu verlieren. Früher hat man halt einfach nur Musik gehört, um bestimmte Erinnerungen wieder hervorzurufen. Heute hat man alles sofort zum Abruf bereit. Und durch die Entwicklungen im Virtual Reality Bereich, wird das alles bald noch einfacher."

Joey Cato

In Zukunft kann man sich vielleicht also einfach die Oculus-Rift-Brille aufsetzen und zusammen mit MC Hammer im Schulterpolstersakko durch das "Can't Touch This"-Video tanzen oder auf einen verschwitzten Rave im Wendeberlin der frühen 90er gehen. So oder so ähnlich wären wohl die Wunschvorstellungen der Nostalgiefans. Es sei ihnen gegönnt. Denn letztlich sind wir doch alle Nostalgiker. Aber wenn man die Brille absetzt, sollte man vielleicht immer im Auge behalten, dass es im Hier und Jetzt vielleicht auch schon ganz coole Sachen zu sehen gibt. Und nicht erst in zehn Jahren, wenn man die 2010er nostalgisch bei Buzzfeed befüttert.


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