Comic-Workshops für Flüchtlinge Deutsch lernen mit Sprechblasen

Eine der ersten Herausforderungen für Flüchtlinge ist es, die neue Sprache zu lernen. Dabei treffen sie vor allem auf Frontalunterricht und Behördensprech. Drei Münchner wollen ihnen auf eher ungewöhnlichem Weg Deutsch beibringen.

Von: Juliane Frisse

Stand: 17.07.2015

Donnerstagmittag, ein kleines Klassenzimmer im 4. Stock eines Bürogebäudes in der Münchner Innenstadt. Hier beginnt gerade ein Anfängerkurs Deutsch. Die Teilnehmer sind alle junge Flüchtlinge zwischen 16 und 20 Jahren. Heute ist eine besondere Stunde, denn heute wird der Kugelschreiber gegen Bleistift und Filzer getauscht. Auf dem Stundenplan steht: Comics zeichnen.

Superhelden zeichnen, Superhelden-Vokabeln lernen

Deshalb führt heute ausnahmsweise Sebastian Huber durch den Unterricht. Zusammen mit zwei Mitstreitern hat er das Projekt Wolkenschlösser gegründet, um Flüchtlingen einen kreativen Zugang zur deutschen Sprache zu bieten. Eigentlich arbeitet Sebastian bei einer Umweltorganisation. Comics zeichnen hat er sich selbst beigebracht. Heute gibt er seine Zeichenskills ehrenamtlich an junge Flüchtlinge weiter – und die lernen so ganz nebenbei auch Deutsch. Natürlich ist da viel Superhelden-Vokabular dabei, von Umhang über Maske bis Superkräfte.     

Wilson aus Sierra Leone, Said und Fusia aus Somalia, Shirom aus Eritrea, Kanwali aus Afghanistan – vom Fließend-Deutsch-Sprechen sind sie alle noch weit entfernt. Aber das müssen sie auch nicht, um mit Comics Geschichten über Superhelden zu erzählen. Im Zweifel spricht das Bild für sich und die Sprechblase bleibt leer.

Comics für Anfänger, Gedichte für Fortgeschrittene

Für alle, die schon etwas besser Deutsch können, bieten Sebastian und seine Mitstreiter auch Workshops zum Schreiben von Gedichten und Geschichten an. Ihr Ziel mit "Wolkenschlösser": Flüchtlinge sollen die deutsche Sprache auch mal woanders erleben als nur beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen.

"Ich finde es immer ganz erschreckend, dass die erste Begegnung mit der Sprache für Flüchtlinge normalerweise so ein Bürokratendeutsch ist. Da wollen wir mit unserem Projekt gegenwirken. Und wir glauben, dass es auch etwas Ermächtigendes hat, wenn man selbst etwas mit der Sprache macht und eine Geschichte erzählt."

 Sebastian

Der Plan: vom Workshop in den Druck

Am Ende der Doppelstunde sind schon einige kurze Superheldengeschichten fertig. Der Comic von Wilson aus Sierra Leone zum Beispiel handelt von – na klar – Super-Wilson, der mit seinem Schöpfer auch die Liebe zum Fußballspielen teilt. Manche der Teilnehmer an den Comic-Workshops arbeiten auch danach noch an ihren Geschichten weiter. Vielleicht gehen bald auch einige von ihnen in den Druck und werden veröffentlicht – so lautet zumindest Sebastians Plan.

Die Wolkenschlösser-Workshops gibt es seit Anfang des Jahres. Bisher haben fünf Workshops stattgefunden, mehr ist für das kleine Team ehrenamtlich neben ihren normalen Jobs nicht zu schaffen. Deshalb hofft Sebastian, noch mehr Leute zu finden, die Flüchtlinge beim kreativen Erzählen unterstützen wollen.  

Wer Wolkenschlösser unterstützen will - hier geht's zur Website: http://www.wolkenschloesser.com