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Interview // Den of Geek Wieso Superhelden die Popkultur dominieren

Noch nie gab es mehr Superhelden im Kino und TV als heute. Aber warum? Mike Cecchini ist Chefredakteur der Popkultur-Plattform "Den of Geek US". Für uns analysiert er die Hintergründe des aktuellen Superheldenbooms.

Von: Ralph Glander

Stand: 16.06.2016

Spielwiese Superheldenboom Graphik | Bild: BR

Gestern "Batman vs. Superman", heute "X-Men: Apokalypse", morgen "Suicide Squad" und "Doctor Strange". Im Kino gibt's gefühlt nichts anderes mehr als Superheldenfilme. Im Fernsehen ist es nicht anders: "Arrow" verschießt treffsicher seine Pfeile, "The Flash" rennt unnachgiebig durch die Häuserschluchten und "Daredevil" und "Jessica Jones" räumen in New York auf. Und dann sind da noch "Supergirl" und die "Legends of Tomorrow". Klare Sache: Egal, ob im Kino oder im Fernsehen - Superhelden dominieren die Popkultur. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Wieso sind Superhelden seit Jahren so extrem angesagt? Was sagt das über uns aus? Was macht das mit uns als Gesellschaft? Und hört das irgendwann auch mal wieder auf?

Mike Cecchini von "Den of Geek"

Fragen, die wir angesichts der erschlagenden Menge von Heldenstories jetzt mal stellen müssen. Dazu haben wir uns einen ausgewiesenen Experten an die Seite geholt. Mike Cecchini ist selbst nicht nur riesiger Superheldenfan, er ist auch Chefredakteur und Autor bei der vermutlich größten Internetplattform für geeky Entertainment: Den of Geek US. Wir haben mit ihm den Superheldenhype nochmal aufgerollt und analysiert.

PULS: Was bedeuten Superhelden dir persönlich?

Mike Cecchini: Meine erste Erfahrung mit Superhelden ist der Superman-Film mit Christopher Reeve aus dem Jahr 1978. Der hatte als Kind eine riesige Wirkung auf mich und ich habe ihn so oft angeschaut, bis die Videokassette kaputt ging. Durch diesen Film bin ich dann auch auf Comics gestoßen und wiederum durch Comics habe ich angefangen, mich für mythologisches Geschichtenerzählen zu interessieren. Außerdem glaube ich schon, dass die Ideale, um die es in Filmen wie Superman geht – Menschen zu helfen und freundlich mit ihnen umzugehen – einen positiven Einfluss auf mein Leben hatten. Ob ich dann auch immer danach gehandelt habe? Da bin ich mir natürlich nicht sicher. Aber klar ist: Superheldengeschichten haben mir in dieser Phase irre viel bedeutet.

Bist du überrascht, dass Superheldenfilme mittlerweile so unfassbar erfolgreich und populär sind?

Einer der Filme, der den Superheldenhype angestoßen hat: X-Men aus dem Jahr 2000

Ja. Vor allem, wenn ich zurückblicke. Die 80er und 90er Jahre waren bittere Zeiten für den Superheldenfilm. Es gab ein paar gute Supermanfilme und ein paar gute Batmanfilme. Aber der Rest? Meine Freunde und ich konnten es damals nicht fassen, dass man diese Geschichten und diese Charaktere so gegen die Wand fahren kann. Das konnte doch nicht so schwierig sein, aus diesen Vorlagen gute Filme zu machen! Und dann ging es Anfang der 2000er mit den Spiderman- und X-Men-Filmen langsam los, dass Hollywood es richtig machte.  Aber auch zu dem Zeitpunkt hätte ich niemals den heutigen Hype erwartet, der dann in der zweiten Hälfte der 2000er anfing und sich bis heute hält.

Kannst du dir erklären, wieso der Hype gerade Ende der 2000er losbrach?

Ich glaube, dass Superhelden immer auch ein Stück weit widerspiegeln, wie wir uns als Gesellschaft gerne sehen würden. Der Beginn der 2000er war eine dunkle Zeit - gerade hier in den USA. Wir mussten mit den Nachwirkungen von zwei Kriegen im Mittleren Osten, einem sehr unpopulären Präsidenten und einer Wirtschaftskrise klarkommen. Der Superheldenboom fängt genau zu dem Zeitpunkt an, an dem gleichzeitig der Höhe- und Endpunkt all dieser Negativentwicklungen erreicht ist. Wir als Nation wollten da endlich wieder anders wahrgenommen werden. Und auch der Rest der Welt wurde immer entsetzter darüber, zu was für einem schrecklichen Platz wir unsere Welt gemacht haben. Deswegen könnte der Superheldenboom durchaus auch dafür stehen, dass man langsam versteht, dass man endlich etwas unternehmen muss. 

Du schreibst Reviews und Analysen von so ziemlich allen Filmen und Serien für "Den of Geek". Kommst du noch hinterher? Und willst du auch – wenn möglich – alles sehen?

Ich versuche tatsächlich, alles zu sehen und ständig am Ball zu bleiben. Natürlich habe ich da auch Präferenzen: "The Flash" ist zum Beispiel eine meiner absoluten Lieblingsserien – auch weil mir die Figur wahnsinnig viel bedeutet.  Aber ja – auch jemand wie ich, dessen Job es ist, über all das zu schreiben, wird zum Teil regelrecht von all den Filmen und Serien erschlagen. Und stell dir vor: Als Kind und Jugendlicher in den 80er und 90er Jahren war man noch froh, wenn es überhaupt mal eine Superheldenadaption in Kino oder Fernsehen gab. Das hat man sich dann alleine schon aus dem Grund angeschaut, weil man nicht wusste, ob es so etwas jemals wieder geben würde.  Und das ist das Schöne am derzeitigen Superheldenhype: Darüber muss man sich heute wirklich keine Sorgen mehr machen. Es kommt immer wieder etwas Neues.

Aus vielen Kreisen kommt dennoch der Ruf nach weniger Superhelden. Der Regisseur Alejandro Gonzalez Iñárritu hat zum Beispiel gesagt: "Superheldenfilme sind ein kultureller Genozid."  Und sogar Comicguru Alan Moore meinte: "Superhelden sind eine Abscheulichkeit."

Regisseur Alejandro González Iñárritu ("The Revenant") hält Superheldenfilme für "kulturellen Genozid".

Mir ist durchaus klar, was Mr. Iñárritu und Mr. Moore damit meinen. Aber Fakt ist auch: Es wurden noch nie so viele Filme produziert wie momentan – egal ob Superhelden- oder Indiefilme. Die Frage ist nur: Investieren die Studios auch genug Marketingbudget in die kleinen Filme? Und kann das Publikum die kleinen Filme überhaupt noch unterstützen, wenn die Kinos ihre Säle mehrfach mit Superheldenfilmen bespielen? Das hat das Publikum aber tatsächlich auch ein Stück weit selbst in der Hand. Denn wenn sie aufhören in Superheldenfilme zu gehen, dann werden die Studios darauf reagieren.

Was müssen Superheldenfilme machen, damit sie weiterhin die Popkultur dominieren?

Superhelden und kein Ende: Auch Captain America - Civil War ist ein Riesenhit

Zunächst müssen die Studios mal damit aufhören, dass sie ihren ganzen budgetären Jahresplan nach diesen Filmen ausrichten. Dass jeder dieser Filme mindestens eine Milliarde Dollar einspielen muss, ist doch absurd. Auch dass alle diese Filme überhaupt um die 250 Millionen Dollar kosten, ist ziemlich irrwitzig. Es gibt keinen guten Grund dafür, dass ein Captain America-Film nicht zumindest im finanziellen Rahmen eines Jason Bourne-Films produziert werden könnte. 

Und auch die Filme selbst müssen sich langfristig verändern. Marvel hat es mit seinen Netflix-Serien doch selber vorgemacht. "Daredevil" fühlt sich die meiste Zeit über nicht an wie eine Superheldenserie, sondern eher wie ein Crime-Thriller.  Und genau das ist meiner Meinung nach die Zukunft von Superheldenfilmen und -serien. Sie müssen auf lange Sicht mehr sein als nur Filme und Serien über Superhelden. Generell sollte 'Superheld' überhaupt kein eigenes Genre mehr sein. Es sollte darum gehen, wie ein bestimmter Superheld innerhalb eines bestimmten Genres funktioniert. Mehr Filme wie "Guardians of the Galaxy": Das ist in erster Linie ein spaßiger Sci-Fi-Film und nicht einfach nur ein weiterer Marvel-Superheldenfilm.


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