Jetzt Baiya Delphic

Info Die Engländer von Delphic nehmen sich mit der Single "Baiya" ein wenig zurück und werden in ihrer hyperaktiven Version von Elektro-Pop fast schon melancholisch ein erster Vorbote zum zweiten Album "Collections" (2013).

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Superhelden-Therapie Wenn Superhelden wirklich helfen

Superhelden sind meistens auch nur Menschen und haben Probleme wie wir. Deswegen sind ihre Geschichten auch bestens für die Psychotherapie geeignet, meint Dr. Janina Scarlet. Uns hat sie ihre "Superhero Therapy" erklärt.

Von: Ralph Glander

Stand: 16.06.2016

Still aus "Confesstions of a Superhero" | Bild: Virgil Films and Entertainment

PULS: Superhelden haben alle eine sogenannte "Origin Story" – also eine Entstehungsgeschichte. Was ist deine?

Janina Scarlet: Ich bin eigentlich aus der Ukraine, also der vormaligen Sowjetunion. Als ich drei Jahre alt war, wurde ich radioaktiver Strahlung ausgesetzt – ausgelöst durch die Atomkatastrophe in Tschernobyl. Meine körperliche Gesundheit wurde dadurch schwer beeinträchtigt. Ich hatte schlimme Krämpfe und Migräne und musste immer wieder ins Krankenhaus. Als meine Eltern später in die USA auswanderten, wurde ich dort in der High-School ständig gemobbt, verlacht und als "Freak" beschimpft – einfach nur aus dem Grund, weil meine Mitschüler wussten, dass ich als Kind radioaktiver Strahlung ausgesetzt war. Mit 15 Jahren habe ich dann den ersten X-Men-Film im Kino gesehen. Dadurch änderte sich für mich alles: die X-Men waren wie ich. Sie waren körperlich veränderte Mutanten und somit "anders". Ihre Andersartigkeit setzten sie aber dazu ein, Menschen in Not zu helfen. Das war der Moment, wo mir zum ersten mal klar wurde, dass es völlig in Ordnung ist, anders zu sein. Und mir wurde auch klar, dass ich meine Geschichte dazu nutzen kann, anderen Leuten zu helfen.

Wann bist du dann auf die Idee gekommen, Superheldengeschichten in der Psychotherapie zu nutzen?

Dr. Janina Scarlet glaubt an die Kraft von Superheldengeschichten

Das war noch zu meiner Zeit als Doktorandin – da habe ich mit vielen Marines zusammengearbeitet, die unter Posttraumatischer Belastungsstörung litten. Es hat mir das Herz gebrochen, wenn sie erzählt haben, dass sie sich deswegen für "Versager" und "Gebrochene" hielten. Da habe ich angefangen mit ihnen über Superhelden zu reden.

Einem jungen Soldaten stellte ich die Frage: "Wie siehst du eigentlich Superman? Hältst du ihn für unverwundbar?" Und er sagte: "Naja, eigentlich schon. Außer Kryptonit – das macht ihn schon verwundbar". Daraufhin wollte ich von ihm wissen, ob diese Schwäche Superman denn dann weniger zu einem Helden machen würde. Das Gesicht des jungen Marines hellte sich auf – er verstand sofort, was ich meinte. Natürlich ist Superman auch mit einer Schwäche wie Kryptonit immer noch ein Superheld. Diese und ähnliche Metaphern aus Superheldengeschichten habe ich dann mit vielen weiteren Soldaten ausprobiert. 

Warum eignen sich gerade Superheldengeschichten so gut für Therapie?

Auch ein Superheld wie Batman leidet unter Traumata

Leute, die unter Depressionen oder Traumata leiden, suchen oft nach Bezugspersonen, die einst unter ähnlichen Problemen litten - diese aber letztlich überwinden konnten. Also nach Symbolen der Hoffnung. Und genau das können Superhelden sein. Wenn jemand zum Beispiel gerade auf tragische Weise ein Familienmitglied verloren hat, können sie sich mit einem Superhelden identifizieren, dem Ähnliches passiert ist. Etwa Bruce Wayne, der durch den Tod seiner Eltern traumatisiert wurde aber dieses Trauma letztlich dadurch überwinden konnte, dass er zu Batman wurde – zu einem Symbol der Hoffnung, jemandem, der anderen Leuten hilft. Solche Geschichten können Menschen zu Veränderungen motivieren und ihnen dabei helfen, den Helden in sich selbst zu finden. Sie sollen der Alltagsheld werden, der sie sein wollen – trotz ihrer Krankheit und vor allem auch MIT ihrer Krankheit. Und das beinhaltet im besten Fall dann auch noch anderen mit den selben Problemen zu helfen.

Was für Erfolgserlebnisse, die dich besonders berührt haben, hast du mit deiner Superhelden-Therapie schon erreichen können?

Comic Panel Oracle | Bild: DC Comics

Aus Batgirl wird nach einer schweren Verletzung die Heldin "Oracle"

Ich habe mal einen Matrosen behandelt, der in einem Kriegsgefecht schwer verletzt wurde. Die Ärzte rieten ihm eingehend dazu, sich in einem Rollstuhl fortzubewegen. Das verweigerte er aber und schleppte sich lieber mit einem Krückstock voran. Der Mann hatte grenzenlose Schmerzen, hielt sich für einen Versager – vor allem weil er nicht dazu in der Lage war, mit seinem kleinen Sohn zu spielen. Es war ihm also nicht möglich der Superhelden-Dad zu sein, der er sein wollte. Deswegen haben wir uns in der Therapie mit Batgirl auseinandergesetzt – einer Superheldin, die ebenfalls so schwer verletzt wird, dass sie danach an den Rollstuhl gefesselt ist.

Batgirl hat daraufhin erst mal heftige Depressionen und eine schwere Identitätskrise. Doch all das überwindet sie. Sie eignet sich neue Fähigkeiten an und wird schließlich zu der Heldin "Oracle". Und sie realisiert, dass sie auch in dieser Heldenrolle Menschen helfen kann.

Und der Matrose hat durch diese Geschichte bemerkt, dass er trotz seiner schweren Verletzungen nicht "gebrochen" ist?

Ja. Noch am selben Tag legte er den Krückstock weg und setzte sich in den verhassten Rollstuhl. Und da bemerkte er, dass seine Schmerzen im Rollstuhl tatsächlich weit weniger schlimm waren. Außerdem war er damit schneller als mit dem Krückstock. Sogar so schnell, dass er mit seinem Sohn im Garten Fangen spielen konnte. Er hat also realisiert, dass er auch im Rollstuhl immer noch der Superhelden-Dad sein konnte, der er für seinen Sohn sein wollte. Also der Superhelden-Dad, der er eigentlich sowieso die ganze Zeit schon war.


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