TV & Serie // "München – Stadt in Angst" Der Tag, an dem München in Panik verfiel

Als der Amokläufer David S. seine Waffe zieht, herrscht in München Ausnahmezustand: Zehn Tote, über dreißig Verletzte und Panik überall. Eine neue BR-Doku rekonstruiert, wie eine Stadt außer Kontrolle geriet.

Von: Robin Köhler

Stand: 18.07.2018 | Archiv

Die Polizei räumt ein Schuhgeschäft in der Münchner Kaufingerstrasse. | Bild: BR/Christoph Kürbel

Viele Münchner werden noch genau wissen, wo sie am 22. Juli 2016 waren. Der Tag, an dem ein 18-Jähriger aus Fremdenhass am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und schließlich sich selbst tötete. Fast zwei Jahre später erscheint nun die Doku "München – Stadt in Angst". Statt sich mit den Hintergründen der Tat oder den Motiven des als rechtsextremistisch eingestuften Täters zu befassen, rekonstruiert der Film die Geschehnisse. Und zwar aus der Sicht derer, die versuchten den Überblick zu behalten, wo nur noch Chaos war.

Ein Kriminalkommissar läuft die Stationen von David S. ab, zeigt die Tatorte und beschreibt, wie kalt der Täter Menschen aufgrund ihres Aussehens ermordete. Ärzte berichten, wie sie die komplette Klinik in den Ausnahmezustand versetzten und sich auf neue Verletzte im Minutentakt einstellten. Und Polizisten erzählen, wie sie versuchten, die widersprüchlichen Informationen zu ordnen, um darauf zu reagieren.

"Phantom-Tatorte" nennt die Münchner Polizei das heute

Marcus da Gloria Martins, Polizeisprecher der Stadt München

Aber es kommen auch Menschen zu Wort, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren – oder das zumindest dachten. Carl-Christian Schneider zum Beispiel war an dem Freitag in der Innenstadt, über sechs Kilometer entfernt vom eigentlichen Tatort. Doch nach Meldungen, dass auch in der Nähe des Stachus Täter mit Schusswaffen unterwegs sind, bricht auch in dem Brauhaus, in dem er ist, Panik aus: "Das sind Bilder, die werde ich nie vergessen. Es fliegen Tische und Stühle, es fallen Menschen und andere rennen einfach drüber." Dabei wurde in der Innenstadt gar nicht geschossen.

"Phantom-Tatorte" nennt die Münchner Polizei das heute. "Das ist tatsächlich eine Wortneuschöpfung von uns, weil es dieses Phänomen in dieser Intensität und Quantität noch nie gegeben hat. Und an keinem dieser anderen Orte irgendetwas vorgefallen ist", sagt Marcus da Gloria Martins, Polizeisprecher der Stadt München. Schuld daran sind unter anderem Facebook und Twitter. Die Doku zeigt immer wieder Tweets und Posts, Handy-Videos und missverständliche Bilder, die die Panik anheizten. Menschen glaubten Schüsse zu hören und Männer mit Gewehren zu sehen – oder sie spekulieren einfach wild im Netz. Neben dem eigentlichen Amoklauf geht es in "München – Stadt in Angst" vor allem um die Dynamik von Angst in Zeiten von sozialen Medien. Zusätzlich hatte die Polizei mit einer komplizierten Informationslage zu kämpfen: "Zwischen 17:51 Uhr und 24:00 Uhr sind beim Polizeipräsidium München 4.310 Notrufe eingegangen. Davon waren 310 Mitteilungen über Terroranschläge an 71 verschiedenen Tatorten", sagt Bayerns Landespolizeipräsident Wilhelm Schmidbauer.

"Im Prinzip haben wir alle miteinander Terror gemacht"

Die Doku verzichtet auf Rückschlüsse und lässt die Befragten ihr eigenes Fazit ziehen. Martin Breitkopf berichtete am Tag der Tat für den Bayerischen Rundfunk vor Ort und sieht die Verantwortung für die unkontrollierte Panik bei vielen: "Im Prinzip haben wir alle miteinander selber Terror gemacht. Wir als Medien und die Leute, die bei Facebook gepostet haben. Aber auch die Polizei in gewisser Weise, die nicht gesagt hat, es handelt sich nicht um Terror."

"München – Stadt in Angst" liefert keine neuen Erkenntnisse über den Tathergang oder die Motive von David S., aber die Doku führt die Zuschauer noch einmal zurück an diesen verstörenden und chaotischen Tag. Besonders Münchnerinnen und Münchner wird das nicht kalt lassen.

Die Dokumentation "München – Stadt in Angst" gibt's in der BR-Mediathek.

Sendung: Hochfahren am 18.07.2018 ab 7 Uhr