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TV & Serie // "Sacred Games" Dieses indische Gangster-Epos macht "Narcos" Konkurrenz

Gangster, Unterwelt und politische Intrigen kann ja jeder. Aber nur Indien liefert den spirituellen und geschichtlichen Überbau für die göttliche Geschichte eines charismatischen Psychopathen – und die ist ganz schön komplex.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 01.07.2018 | Archiv

Szene aus der Netflix Serie "Sacred Games" aus Indien | Bild: Ishika Mohan Motwane/Netflix

Nennt mich voreingenommen, aber als ich gehört habe, dass Netflix eine indische Serie mit dem Titel "Sacred Games" produziert, dachte ich sofort an eine knallbunte Gotteszeremonie und eine völlig konstruierte Liebesgeschichte. Bollywood eben.

Wie falsch ich lag! "Sacred Games” ist eine lupenreine Unterweltserie über die politischen Verstrickungen in Mumbai und das letzte Aufbegehren eines Gangsterbosses alter Schule – und die Verfilmung des hochgelobten Romans "Der Pate von Bombay" von Vikram Chandra.

Ein gottgleicher Gangster und ein einsamer Cop

Sartaj Singh ist Polizeiermittler in Mumbai. Seine Ehe ist gescheitert, sein Pillenkonsum außer Kontrolle und jetzt hat ihn sein korrupter Boss auch noch suspendiert. Da klingelt plötzlich sein Handy. Eine unbekannte Stimme fordert ihn heraus. Es ist Ganesh Gaitonde, ein legendärer "Bhai", was in Mumbai so viel heißt wie "Gangster". Gaitonde schickt Sartaj auf eine Schnitzeljagd quer durch die Stadt und erzählt ihm dabei am Telefon, wie er zum gefürchtetsten Gangster der Stadt wurde. Als sie sich endlich gegenüberstehen warnt Gaitonde: Mumbai wird in 25 Tagen untergehen. Dann erschießt er sich - am Ende der ersten Folge.
Aber damit ist Gaitondes Story noch nicht vorbei. Denn er erzählt uns Zuschauern weiterhin seine Geschichte aus dem Jenseits, während Sartaj, der Polizist, versucht herauszufinden, was es mit der Warnung auf sich hat.

Wie bei der mexikanischen Mafia-Serie "Narcos” fließt bei "Sacred Games” auch die turbulente Geschichte des Landes mit ein. So ganz nebenbei erfahren wir immer wieder von politischen Ereignissen, die Indien bewegt haben. Aber Gaitonde lässt auch Mythologie in seine eigene Erzählung einfliessen.

Ganesh Gaitonde hält sich nämlich für einen Gott, einen "Bhagwan", und für unsterblich. Und irgendwie ist er ja auch ein Gott - allwissend und allmächtig über seinen Tod hinaus - denn er erzählt uns Zuschauern aus dem Jenseits seine Geschichte weiter. Religion ist ein großes Thema von "Sacred Games": Die Spannungen zwischen den verschiedenen Religionsgruppen, aber auch die Möglichkeit mit Religion Menschen zu manipulieren und aufzuhetzen.

Spannendes Setting - aber flache Charaktere

Gangster-Serien sind oft sehr klischeehaft. Die Figuren sind platt, Frauen kommen selten vor und Gewalt dient mehr der Show, als der Handlung. Diese Probleme hat "Sacred Games” leider auch. Die Charaktere sind nicht annähernd so komplex, wie der geschichtliche und spirituelle Überbau der Serie, der einen immer wieder auf Wikipediaeinträge zur indischen Geschichte führt, weil man einfach alles noch mal nachlesen will. Das macht das Anschauen natürlich auch etwas anspruchsvoller - die Serie aber umso interessanter. Auch sonst erinnert wenig an das klassisch-kitschige Bollywood. Der Look ist in dreckigen Gelb- und Grüntönen gehalten und genauso cool wie der eigens produzierte Soundtrack.

 

Die indische Film-DNA kommt in ungewohnten Kameraeinstellungen und leicht kitschigen Szenen trotzdem hin und wieder durch. Wer da, wie ich, ans Abschalten denkt, sollte versuchen zu widerstehen und die ersten Folgen zu Ende gucken. "Sacred Games" wirkt zwar manchmal etwas fremd, aber das ist auch eine schöne Abwechslung für unsere sonst sehr festgefahrenen Sehgewohnheiten. Wer gern mal was neues ausprobiert, auf Weltreisen, Gangstergeschichten und Wikipedia-Lektüre steht, der ist bei "Sacred Games" richtig.

Sendung: Filter, 04.07.2018 - ab 15.00 Uhr