Serie // "The Society" Wie lebt man in einer Welt ohne Eltern und Gesetze?

Keine Eltern, keine Regeln? "The Society" holt die sozialkritische "Herr der Fliegen"-Story ins Heute und konfrontiert etwa 200 Schüler mit aktuellen politischen Problemen – von Nachhaltigkeit zu Waffengewalt und Sexismus.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 09.05.2019 | Archiv

Eine Mädchenclique in einer Szene aus der Netflix-Serie "The Society". | Bild: Netflix

Diese Serie gehört auf eure Watchlist, wenn... ihr nicht glaubt, dass wir uns in einer Extremsituation wirklich bis aufs Blut bekriegen würden, wie im Jugendbuchklassiker "Herr der Fliegen" und der Gedanke daran, einen Ort niemals wieder verlassen zu können Beklemmungen bei euch auslöst. Vielleicht mochtet ihr aber auch die politischen Teenager-Allianzen aus "The 100".

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In West Ham stinkt's gewaltig. Wortwörtlich. Der Gestank dringt in den Ort ein, in die Klassenzimmer, die Küchen der stattlichen Familienhäuser. Niemand weiß, woher der faule Geruch kommt. Es stinkt so schlimm, dass der Stadtrat die Bundesregierung einschaltet – und die Abschlussklassen auf einen Schulausflug schickt.

Der Ausflug verläuft nicht wie geplant. Statt im Nationalpark werden die Schüler und Schülerinnen mitten in der Nacht wieder zuhause in West Ham abgesetzt. Der Gestank ist zwar endlich weg, aber auch alle anderen Menschen, die in West Ham leben. Der Ort ist wie leergefegt. Keine Tiere, keine Eltern, keine Lehrer, keine Polizei, keine nervigen kleinen Geschwister. Und das ist noch nicht alles: Das Internet funktioniert nicht, die Eltern sind telefonisch nicht erreichbar und ein Fernsehsignal gibt‘s auch nicht mehr. Die 200 Teenager sind von der Außenwelt abgeschottet und raus kommen sie auch nicht aus West Ham: Der ganze Ort ist plötzlich von einem dichten Wald umgeben, die Straßen enden einfach und die Bahnschienen sind zugewuchert.

Alles auf Null

Schülersprecherin Cassandra hat einen Plan. Sie will das Zusammenleben ohne Eltern und Gesetze möglichst friedlich und sicher für alle machen. Aber damit sind nicht alle einverstanden, allen voran Harry, der privilegierte Sohn der Schuldirektorin und Campbell, Cassandras anarchischer Cousin.

Die neue Situation stellt die bisherigen High-School-Hierarchien auf die Probe. Wer entscheidet und wer stellt die Regeln dieser provisorischen Gesellschaft auf, wenn Geld, der Einfluss der Eltern und Status keine Rolle mehr spielen? Die Teenager sehen sich auf einmal mit Problemen konfrontiert, die die Weltpolitik umtreibt: Waffenkontrolle, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung – aber auch mit der Frage, wie Männer und Frauen miteinander leben können – wenn einige von ihnen körperlich unterlegen sind. Die Antworten, die die Teens finden, sind keine einfachen und allzu oft sind es die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, die ihre Gesellschaftssimulation ins Wanken bringen. 

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The Society | Trailer [HD] | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

Trailer zu "The Society"

Wenn aus Teenagersicht das Erwachsensein, wie die große verlockende Freiheit herbeigesehnt wird, dann offenbart sich in "The Society" die harte, ungeile Wahrheit über das Erwachsensein: Niemand macht jemals was er wirklich will, jeder muss sich ständig an Regeln halten, Arbeit übernehmen die nicht erfüllend ist oder Spaß macht. Und die bitterste Erkenntnis: Egoismus muss man sich leisten können.

Trotz einiger Schwächen sehenswert

Auch wenn ein paar Schüler sich in das dunkle Mittelalter zurückversetzt fühlen, immer wieder das Chaos heraufbeschwören und eine Gesellschaftsordnung ersehnen, die auf roher Gewalt und Angst beruht: Die meisten der 200 Teenager suchen nur nach Orientierung und Sicherheit und sind bereit, den Regeln zu folgen, auch wenn sie dafür ihre individuelle Freiheit einschränken müssen. Diese politische Dimension macht die Serie trotz einiger Schwächen sehenswert – nicht das Geheimnis hinter dem rätselhaften, abgeschotteten Ort, der aussieht,  wie ihr Zuhause und doch völlig anders ist.

"The Society" ist leider gerade am Anfang sehr langatmig und nimmt sich zu viel Zeit für Nebenhandlungen. Dann wieder werden Monate übersprungen und die scheinbar wichtigste Frage – nämlich wie sie wieder nach Hause finden – verschwindet völlig im Hintergrund. Man merkt, dass die Serienmacher die Mysteryhandlung nur gewählt haben, um einen halbwegs plausiblen Grund für das Setting zu etablieren. Wirklich wichtig ist sie leider nicht. Die unentschlossene Erzählweise ist besonders frustrierend, weil die Figuren und die Idee der Serie so gut sind und weil "The Society" die Teenager viel ernster nimmt, als ähnliche Serien wie "Between" und "The 100" zuvor. Glücklicherweise findet die Serie zur zweiten Hälfte der ersten Staffel ihren Groove und endet mit einem Cliffhanger, der euch wünschen lässt, ihr hättet die Serie nicht so schnell am Stück weggebingt.

"The Society" startet am Freitag, 10.05., bei Netflix.

Mehr zur Serie "The Society" im PULS Serienpodcast:

Bingen oder sein lassen? Vanessa Schneider checkt für euch neue Serien aus und sagt, was Sache ist. Und sie diskutiert zusammen mit wechselnden Gästen über die Hypes und Geschichten hinter den spannendsten neuen Serien.

Sendung: Hochfahren vom 08.05.2019 – ab 7 Uhr.