Serie // "Quicksand" Diese Serie wird euch lange beschäftigen

Musterschülerin Maja wird verdächtigt ihre Klassenkameraden bei einem Schulmassaker ermordet zu haben – ob sie es wirklich war und wie es dazu kommen konnte, rekonstruiert die erste schwedische Netflix-Serie "Quicksand".

Von: Vanessa Schneider

Stand: 09.04.2019 | Archiv

In dieser Szene aus der schwedischen Netflixserie "Quicksand" macht die mordverdächtige Maja Norberg eine Aussage vor Gericht. | Bild: Netflix

Diese Serie gehört auf eure Watchlist, wenn... ihr Teen-Serien wie "Tote Mädchen lügen nicht" mögt, die nicht vor ernsten Themen zurückschrecken, euch der Umgang der Medien mit der Studentin "Amanda Knox" in der gleichnamigen True-Crime-Doku schockiert hat, und ihr noch immer nicht sicher seid, ob die Täterin in der historischen Krimiserie "Alias Grace" wirklich gefasst wurde.

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Der Bildschirm ist schwarz. Was gerade passiert, spielt sich nur in unseren Köpfen ab: Schüsse, schreiende Schüler. Plötzlich, als ob wir endlich die Augen wieder öffnen können, führt eine hektische Kamera unseren Blick über blutige Kleidung, umgestürzte Stühle, starre Arme und Beine und schließlich zu einem Mädchen, das blutverschmiert zusammengesackt auf dem Boden hockt. Dann stürmt die Polizei in das Klassenzimmer.

Das Mädchen heißt Maja Norberg (gespielt von der unheimlich wandelbaren Hanna Ardéhn), ist 18 Jahre alt und macht gerade seinen Abschluss an einer der besten Schulen Stockholms. Was sie mit der Tat zu tun hat und wie es dazu kommen konnte sind die Fragen, denen "Quicksand" nachgeht. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass Maja schuldig ist. Also landet sie in Untersuchungshaft – allein in einer Einzelzelle. Kontakt zur Außenwelt ist verboten, nicht mal ihre Eltern und ihre kleine Schwester dürfen sie sehen. Immer und immer wieder wird sie zum Tathergang befragt – aber Maja kann oder will sich nicht erinnern.

Das Puzzle eines Traumas

In Rückblenden wird Stück für Stück die Zeit bis zum Morgen des Schulmassakers rekonstruiert. Alles beginnt, als Maja Sebastian begegnet. Er ist der Sohn des reichsten Mannes in Schweden, ein charmanter Draufgänger, der, genau wie Maja und ihre Freunde, zumindest von außen betrachtet keine Probleme hat, die schwerwiegender sind als die Frage an welcher Eliteuniversität im Ausland sie studieren werden. Maja und ihre Freunde sind obszön reich, ihre Partys so over the top, ihr Verhalten so distanziert, dass es am Anfang schwer fällt mit Maja mitzufühlen. Mit jeder in leuchtenden Farben inszenierten Rückblende kommen wir ihr aber ein wenig näher und erfahren mehr über ihre komplizierte Beziehung zu Sebastian, der auch am Massaker beteiligt war und jetzt tot ist. Diese Szenen könnten auch aus einer Teen-Soap wie "Elité" oder "Gossip Girl" stammen und wirken, zumindest am Anfang, wie Fremdkörper in der sonst sehr düster und eintönig gestalteten Serienwelt.

----- ACHTUNG AB HIER SPOILERGEFAHR! -----

Schon bald wird aber klar, dass Majas Freund Sebastian starke psychische Probleme hat. Maja gerät in ein Dilemma, das typischerweise Frauen trifft. Von denen erwartet die Gesellschaft – in diesem Fall Majas Eltern, ihre Freunde, aber auch das Gericht – dass sie die Verantwortung für ihren psychisch instabilen Partner übernehmen und sich um ihn kümmern, bis es ihm besser geht. Majas beste Freundin stellt ihr sogar ein Ultimatum: Entweder du bist für Sebastian da, oder ich kann nicht mehr für dich da sein.

Die Drehbuchautorin Camillla Ahlgren (u.a. "Die Brücke") hat den gleichnamigen Roman von Malin Persson Giolito als erste schwedische Originalserie adaptiert und dabei viel über Maja nachgedacht: "Es gibt viele Situationen, in denen sich Frauen in derselben Lage wie Maja wiederfinden. Deshalb finde ich es so wichtig und interessant zu zeigen, warum und wie so etwas passieren kann."

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Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen | Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen | Offizieller Trailer

Maja ist in ihrer Beziehung zu Sebastian bald genauso gefangen und isoliert, wie in der Untersuchungshaft. Ihr Albtraum findet einfach kein Ende – selbst dann nicht, als Sebastian längst tot ist. Sie wird zur Mittäterin, weil ihr die Verantwortung überlassen wird. Für die Drehbuchautorin Camilla Ahlgren liegt der Schlüssel in einer Szene am Ende der Serie, in der Maja ihre Hilflosigkeit zum Ausdruck bringt: "Sie hatte keine andere Wahl, sie konnte ihn nicht verlassen und niemand konnte ihr helfen. Die Abwesenheit der Eltern und psychische Krankheiten spielen auch eine Rolle. So etwas hat nie nur einen Grund, da kommt viel zusammen."

Von der Musterschülerin zur eiskalten Killerin?

Majas Gerichtsverhandlung erinnert stark an einen wahren Mordfall, der vor einigen Jahren Schlagzeilen gemacht hat. 2007 soll die amerikanische Austauschstudentin Amanda Knox im italienischen Perugia ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Die Klatschpresse stürzte sich auf den Fall, beschrieb Amanda als kaltblütig lügenden Todesengel, der nur Partys und Sex im Kopf hatte. Ähnlich wird auch Maja vor Gericht dargestellt. Die Medien berichten über ihren Drogenkonsum, die ausufernden Partys ihres Freundes, der um die Gunst seiner Mitschüler buhlte und gegen seinen Vater rebellierte. In den Augen der Staatsanwälte ist Maja ein verwöhntes Partygirl, das ihren Freund zum Mord anstiftete. Die Serie spielt natürlich mit diesem doppelten Boden und weckt in den Zuschauer*innen, über eine geschickte Erzählstruktur und eine unzuverlässige, traumatisierte Erzählerin, Zweifel an Majas Aufrichtigkeit. "Es war sehr wichtig für uns genau zu recherchieren, wie sich jemand verhält, der unter Schock steht. Wir wollten, dass sich das Publikum fragt, ob sie die Wahrheit erzählt, ob sie schuldig ist oder nicht, damit sie weitergucken wollen." sagt Drehbuchautorin Camilla Ahlgren.

Kann jemand, der eine abscheuliche und unvorstellbare Tat, wie ein Schulmassker, begeht sympathisch sein? Kann die Tat vielleicht sogar nachvollziehbar sein? Die Antworten von "Quicksand" sind sehr differenziert und nicht so schwarz-weiß, wie in der amerikanischen Teen-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die sich in einem ganz ähnlichen Setting mit psychischen Problemen auseinandersetzt.

"Quicksand" zeichnet in nur sechs Folgen sehr einfühlsam die Umstände nach, die so ausweglos erschienen, dass Menschen sich nur noch mit einem unvorstellbaren Gewaltakt zu helfen wissen. Als Zuschauer sind wir dabei immer an der Seite von Maja und so erfahren auch wir erst in der allerletzten Szene der Serie, was an jenem Morgen im Klassenzimmer wirklich geschah. Wie es für Maja ausgeht, will ich an dieser Stelle nicht verraten. "Am Ende erinnert sie sich wieder daran, was wirklich passiert ist, das ist psychologisch gesehen auch sehr realistisch.” ist sich Camilla Ahlgren sicher. Ein Happy End habe die Serie aber nicht, Maja werde "niemals davon loskommen, sie wird sich immer daran erinnern, was sie durchgemacht hat.” Genau wie wir Zuschauer: Mich haben die Geschichte und Majas Schicksal noch lange nach der letzten Folge beschäftigt.

"Quicksand - Im Traum kannst du nicht lügen" ist komplett bei Netflix abrufbar.

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Sendung: Hochfahren vom 10.04.2019 - ab 7 Uhr.