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TV & Serien // Jessica Jones Superheldin als Superarschloch

Tony Stark hat massig Geld, Clark Kent eine liebevolle Familie und Bruce Banner eine ganze Clique Superheldenfreunde. Marvels Jessica Jones hat nichts davon und ist alles andere als die klassische Superheldin.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 02.12.2015

Jessica Jones sitzt in der U-Bahn | Bild: Netflix

"Zu meinem Job gehört es, die Menschen von ihrer schlechtesten Seite zu sehen. Und darin bin ich hervorragend." Das sagt Jessica Jones. Sie ist not your typical Superhero. Sie kämpft nicht gegen außerirdische Bösewichte, sie rettet die Stadt nicht vor irren Clowns und sie setzt sich auch sonst nicht für das große Gute ein. Sie ist Privatermittlerin. Schnüfflerin. Mit einem Sinn für die Abgründe der Menschen - und übermenschlicher Kraft.

Die Anti-Superheldin im Marvelkosmos

Jessica Jones hat zwar eine Superheldenbegabung, aber das macht sie noch lange nicht zu einer Heldin. Sie hasst sich selbst, säuft wie ein Loch und ist ziemlich einsam, weil sie sich benimmt wie ein Arschloch. Noch dazu leidet sie an Panikattacken - ausgelöst durch eine posttraumatische Belastungsstörung, seit sie vom mysteriösen Kilgrave entführt, manipuliert und missbraucht wurde. Um sich zu beruhigen, geht sie im Kopf den Weg zum Haus ihrer Kindheit durch. Jessica hat Probleme, sich über Wasser und ihre Panikattacken unter Kontrolle zu halten - wie sollte sie da noch die Welt retten? Die Kämpfe, die Jessica Jones austrägt, finden nicht auf einer globalen Ebene statt wie die von Iron Man - sie sind persönlich und intim. Aber auch sie entscheiden über Leben und Tod.

"Jessica Jones" überträgt die Noir-Detektiv-Story perfekt von den Comicseiten ins Bewegtbild. Netflix geht einen ähnlichen Weg wie zuvor mit "Daredevil" und behält den düsteren, blutigen Style der Comics bei. Anders als knallbunte Kinoblockbuster wie "Avengers" behandelt "Jessica Jones" sehr unbequeme, komplexe Themen wie Vergewaltigung und Traumabewältigung.

Und gerade da zeigt sich die Stärke der Serie. Wie die verschiedenen Charaktere mit ihren Missbrauchserfahrungen umgehen, welche Wege sie für sich finden, wie sie scheitern, wieder aufstehen und jeden Tag an ihre Grenzen gehen, um zu überleben - das wird als beinahe übermenschlicher Kraftakt dargestellt. Einer, der eine Superkraft erfordert, die jeder Mensch in sich trägt. Die traumatischen Erlebnisse verändern die Figuren in "Jessica Jones" zwar, aber sie lassen sie nicht als hilflose Opfer zurück - wie Krimiserien es sonst so gern tun.

Ein kleiner TV-Meilenstein

Dass sich Netflix für Jessica Jones entschieden hat, ist ein Statement. Auch, weil sie eine Frau ist. Und gerade als solche ein ziemlich sperriger Charakter - gemessen an dem, was wir sonst so aus dem Marvel-Universum gewohnt sind: Nämlich lustige, kinderfreundliche, männliche Superhelden. All das ist Jessica Jones nicht.

Showrunner Melissa Rosenberg zeigt, wie's auch anders gehen kann: Die Schlüsselfiguren in ihrer Serie sind Frauen - aber keine von ihnen ist idealisiert. Ihre Weiblichkeit definiert nicht, wer sie sind - das tut schon ihre jeweilige Geschichte. Damit ist Rosenberg ein kleiner TV-Meilenstein gelungen. Die Serie würde genauso funktionieren, wenn man die Charaktere mit Männern besetzen würde. Bester Beweis dafür: Jessicas Auftraggeberin, die Anwältin Jeri Hogarth. Im Originalcomic ist sie zwar ein Mann - in der Serie wird sie dennoch nicht zur Karikatur. Das macht "Jessica Jones" so bemerkens- wie sehenswert - auch für Leute, die so gar nicht auf Superhelden stehen.

"Jessica Jones" und "Daredevil" können bereits bei Netflix gestreamt werden.

Das neue Marvel-Superhelden-Team: The Defenders

Nach Daredevil nimmt Netflix mit Jessica Jones eine zweite Superheldin aus dem "Defenders"-Team ins Programm. Einige Charaktere, die in "Jessica Jones" und "Daredevil" bereits vorgestellt wurden, werden ebenfalls noch eine eigene Serie bekommen: "Luke Cage" und "Iron Fist" sollen beide 2016 starten. Genau wie eine Miniserie, die alle Helden zusammenbringt: "The Defenders".


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