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Info Helmut macht schlauen Indie mit ein bisschen Afrobeat und aufrichtigen Texten. Er liebt die Provinz - schließlich kommt er vom Ammersee - lebt inzwischen aber in Neukölln. Der hiesigen Musikszene verordnet er eine Frischzellenkur.

Interview mit "Fett und Fett"-Macher Jakob Schreier "Die Serie war ursprünglich eine Schnapsidee"

Nicht nur Netflix und Co. können Serien – auch die öffentlich-rechtlichen Sender haben einiges im petto. Ganz neu ist die urkomische ZDF-Mini-Serie "Fett und Fett". Wir wollten von Macher Jakob Schreier wissen, warum die Serie vor allem bei Münchnern einen krassen Hype ausgelöst hat.

Von: Melanie Hoog

Stand: 17.10.2019 | Archiv

Titelbild | Bild: ZDF

Was ein Karrierestart! Kaum raus aus der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF), schon läuft die erste Serie des Münchners Jakob Schreier im ZDF. Er hat zusammen mit Chiara Grabmayr nicht nur das Drehbuch der schreiend komischen Mini-Serie geschrieben, sondern spielt sogar selbst die Hauptrolle: Jaksch, ein Endzwanziger, der nicht so recht weiß, wohin mit sich selbst und seinem Leben nach der Uni. Jaksch stolpert erst in München, dann in Berlin von einem Fettnäpfchen ins nächste und trifft durch Zufall auf die abgefahrensten Leute. Egal ob verrückter neuer Mitbewohner oder schulschwänzendes, neunmalkluges Mädchen. Irgendwie findet er überall Freunde. Nur in der Liebe, da läuft es für ihn nicht so. Wir finden, die Serie ist heißer Anwärter auf einen Kultstatus à la Monaco Franze.

PULS: "Fett und Fett" ist ein ungewöhnlicher Name für eine Serie. Wo kommt der her?

Jakob Schreier: Der Name kommt von der Regisseurin Chiara Grabmayr. Es gibt diesen Witz, der am Anfang von "Fett und Fett" erzählt wird: Man kommt an einen Punkt in seinem Leben, wo man merkt, dass es nur noch wenige Dinge gibt, die einem Spaß machen. Essen, Trinken, Sex und Geld. Aber Sex und Geld sind schwierig – also endet man fett und besoffen. Und Chiara ist Österreicherin und auf Österreichisch heißt besoffen auch "fett". Und insofern ist es dann "Fett und Fett" - also "fett und besoffen" auf Österreichisch.

Die Idee zur Serie kam euch während des Studiums an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. War die Serie ursprünglich eine Schnapsidee?

Ja, tatsächlich. Wenn wir gewusst hätten, wohin es geht mit der Serie, hätten wir sie wahrscheinlich anders genannt. Chiara und ich kennen uns aus der Filmhochschule und ich wollte mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren und irgendwie wollte da keiner so richtig mitkommen. Ich wäre dann auch alleine gefahren, bis kurz vor knapp Chiara gesagt hat, dass sie das auch schon immer mal machen wollte und dann ist sie mitgekommen. Und dann haben wir sehr viel Zeit miteinander verbracht, weil man macht da nichts anderes, als im Zug zu sitzen und rauszuschauen. Und jetzt sagt sie, dass sie da die Idee hatte, als sie mich Essen gesehen hat.

Wie kam es dazu, dass du die Hauptrolle spielst?

Ich war am Anfang erst skeptisch, ob wir das ganze Projekt überhaupt machen sollen, weil es sehr zeitaufwändig ist. Chiara hat dann gemeint, wir machen das ganz schnell, einfach bei mir zuhause in der Küche und ich soll die Hauptrolle spielen. Ich habe echt erst nein gesagt, aber dann haben wir es gedreht, so über Nacht. Wir dachten auch nicht, dass es irgendwo hingeht damit. Wir haben die Folge erst mal online hochgeladen, damit sie die Leute anschauen können, die mit dabei waren. Und dann fanden es auch Leute gut, die nicht mit dabei waren. Wir wollten dann noch einen zweiten Film machen, aber die Leute meinten dann "Hey, das ist doch eine Serie" - und da haben wir es dann erst verstanden.

Ist Jaksch so ein Prototyp der Generation y? Diese innere Zerrissenheit: Wir haben eigentlich alle Möglichkeiten, wissen aber trotzdem nicht so richtig, was wir mit unserem Leben anfangen sollen?

Ja, Jaksch wird als der Prototyp der Generation Y gesehen. Ich sehe das jetzt auch so, aber wenn wir eine Serie über die Generation Y geplant hätten, wäre "Fett und Fett" wahrscheinlich anders geworden. Wir hatten dieses Ziel aber gar nicht, vielleicht ist die Serie gerade deswegen so prototypisch geworden.

Keine Waschmaschine, Kühlschrank leer, neuer crazy Mitbewohner: Ganz ohne Klischees kommt die Serie nicht aus oder muss das so?

Für mich sind es fast keine Klischees, sondern Lebenswirklichkeiten. Ich meine, jedes Klischee kommt ja auch irgendwo her. Aber ja, es waren schon die Sachen, die wir lustig fanden. Diesen Mitbewohner gab es wirklich bei mir, genauso wie den leeren Kühlschrank und die kaputte Waschmaschine.

Du bist gleichzeitig Hauptdarsteller und Macher der Serie – war das ein schwieriger Spagat? Welche Rolle taugt dir mehr?

Ich bin ja Hauptdarsteller und mein anderer Job ist Drehbuchautor. Das gefällt mir beides gleich gut. Nur Drehbuch habe ich oft gemacht und Schauspiel habe ich noch nicht so oft gemacht, deswegen war das jetzt eher der aufregendere Part an der ganzen Sache. Als Drehbuchautor ist man sehr weit im Hintergrund und bekommt selten irgendwelche Lorbeeren ab. Zu Unrecht, wie ich finde. Aber insofern habe ich es jetzt auch mal genossen, im Vordergrund zu stehen.

Hattest du Schauspielunterricht?

Ne, Training hatte ich keins. Ich hatte aber kurz den Gedanken, da hat man sich dann aber dagegen entschieden, weil alle Angst hatten, dass man dann was kaputt macht. Es ging ja langsam los, die ersten drei Jahre habe ich mich da in diese Rolle reingefunden, die ich gut spielen kann, weil sie nah mir selbst ist.

Der Hauptdarsteller trägt deinen Namen, du spielst ihn auch noch selbst – wie viel Autobiographisches steckt in der Serie?

Recht viel. Auch von Chiara Grabmayr, der Regisseurin, vom Kameramann und von vielen anderen Leuten, die mitgemacht haben. In der Zeit, in der der Prequel entstanden ist, haben wir uns am Wochenende immer mal zusammen gesetzt und alle sollten Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Daran haben wir uns dann bedient.

Die erste Staffel ist herrlich unperfekt, ihr habt zum Beispiel zum Teil Versprecher drin gelassen. Warum?

Die eine Antwort wäre: um alles authentisch zu machen. Wir haben ja mit Laien gedreht und deswegen hat die Serie die Echtheit bekommen, die die Leute jetzt daran loben. Die andere Antwort wäre: Es ging nicht anders. Wir haben das alles ohne Geld und ohne Zeit gemacht und manchmal war der Take mit dem Versprecher auch der einzige, den wir hatten.

Ihr habt ja die ersten Staffeln in Eigenregie gedreht, mega low budget. Wie muss man sich das vorstellen? Seid ihr einfach durch München gelatscht und habt wild drauf los gedreht?

Eigentlich kann man es sich genau so vorstellen. Durch München gelaufen, Kamera an. Die erste Folge spielt ja bei mir Zuhause. Das war noch meine echte Wohnung, später haben wir die mal gewechselt. Die Schauspieler waren eigentlich alle Freunde von der HFF. Es gab im Prinzip nicht viel Planung und gar kein Geld. Wir haben nicht aufs Geld geachtet, weil es das einfach nicht gab. Es lief so: Der Kameramann hat eine Kamera daheim privat, die leihen wir uns. Wir laden Freunde zu mir nach Hause ein und spendieren denen Getränke, die bei mir zuhause rumstehen und bestellen Pizza. Vier oder fünf Pizzen, das war unser Budget.

Die zweite Staffel ist jetzt mit dem ZDF zusammen entstanden. Was hat sich dadurch verändert?

Es ist vieles anders geworden. Wir hatten auch ein bisschen Angst, ob das mit den geänderten Produktionsbedingungen noch so wird, wie wir es am Anfang hatten. Ganz anders war, dass wir mit dem ZDF alles am Stück gemacht haben. Wir hatten ja zuerst diese fünf Folgen vom Prequel und die sind über einen Zeitraum von drei Jahren entstanden. Das heißt, man hat mal eine Idee gehabt, dann vergehen ein paar Monate, dann plant man, dreht und dann vergehen wieder ein paar Monate bis man alles geschnitten hat. Oft haben wir nochmal was nachgedreht. Einmal haben wir noch ein halbes Jahr später einfach ein paar Szenen dazu gedreht, das ging beim ZDF nicht mehr. Wir haben Anfang 2018 angefangen zu planen, dann geschrieben und dann innerhalb eines Monats alle sechs Folgen dieser ZDF-Staffel am Stück gedreht.

Hat der Erfolg der Serie für dich etwas verändert?

Bisher weiß ich es noch nicht, aber wir bekommen schon echt sehr gutes Feedback und wir haben uns über die positiven Kritiken sehr gefreut. Was es konkret verändert, weiß ich noch nicht. Auf der Straße in München hat mich jetzt aber noch keiner erkannt.

"Fett und Fett" könnt ihr ab sofort kostenlos in der ZDF-Mediathek streamen.

Sendung: PULS am 15.10.2019 - ab 15.00 Uhr