Evolution der Scream Queens Die Braut haut ins Auge

"Scream Queens" nennt man die Schauspielerinnen aus Horrorfilmen, die dort gegen das Entsetzen anschreien. Zu ihrem und zum Glück der Zuschauer haben die Damen irgendwann gelernt, dass Stimmgewalt allein zum Wehren nicht reicht.

Von: Ralph Glander

Stand: 22.09.2015 | Archiv

Scream Queen Neve Campbell | Bild: picture-alliance/dpa

Die unschuldige Jungfer, gelähmt von blankem Entsetzen und ohne männliche Hilfe völlig wehrlos. Scream Queen nennt man besonders populäre Vertreterinnen aus Slasherfilmen, die gegen den Horror anschreien. Gerade ist im US-Fernsehen eine Serie gestartet, die eine ganze Armada von Scream Queens auffährt – und genauso heißt: "Scream Queens". Eine der Hauptrollen spielt dabei die Queen unter den Scream Queens: Jamie Lee Curtis. Seit sie in "Halloween" beim Anblick von Serienkiller Michael Myers ordentlich geplärrt hat, ist einige Zeit vergangen. Die Scream Queen von heute ist eine andere. Zum Glück. Aber der Reihe nach.

Fay Wray als Ann Darrow in "King Kong" (1933)

Sie ist die Vorläuferin aller Scream Queens. Sozusagen die Scream Queen bevor es den Begriff Scream Queen überhaupt gab. Als Regisseur Merian C. Cooper ihr die Rolle für seinen Film "King Kong" anbot, sagte er angeblich: "Dein Filmpartner wird der größte und dunkelste Mann in Hollywood sein". Fay Wray freute sich auf Cary Grant und bekam den Riesenaffen King Kong an ihre Seite gestellt. Vielleicht sind  ihre markerschütternden Schreie also auch Schreie der Enttäuschung.

Janet Leigh als Marion Crane in "Psycho" (1960)


Janet Leigh ist für einen der bekanntesten und schockierendsten Schreie der Filmgeschichte verantwortlich. Die Rede ist natürlich von jenem unter der Dusche, kurz bevor sie von Psycho Norman Bates unerbittlich mit einem Messer attackiert wird. Alleine für diese Szene und diesen Schrei hat sich Janet Leigh einen Platz in der Scream Queen Hall of Fame redlich verdient. Selbst wenn Janet Leigh ansonsten wenig bis gar nichts mit Horrorfilmen zu tun hatte und ihre "Psycho"-Figur Marion Crane nach dem Schrei tot ist. Ihre Nachfolgerinnen zeichneten sich dann vor allem dadurch aus, bis zum Ende des Films zu überleben.

Marilyn Burns  als Sally Hardesty in "Texas Chainsaw Massacre" (1974)

Die letztes Jahr verstorbene Marilyn Burns ist als erstes, richtiges Final Girl in die Horrorfilmgeschichte eingegangen. Sie überlebt 1974 als Einzige das "Texas Chainsaw Massacre" des inzestuösen Kannibalen Leatherface. In der legendären Schlussszene mischen sich ihre gellenden Schreie zunächst mit dem bedrohlichen Rattern der Kettensäge - bis aus dem Schreien des Final Girls schließlich ein hysterisches Lachen wird. Dem grausigen Riesen Leatherface hat sie aber außer Schreien und Rennen wenig entgegenzusetzen. Doch nur vier Jahre später begannen sich die Final Girls auch zu wehren. 

Jamie Lee Curtis als Laurie Strode in "Halloween" (1978)


Der Status von Marilyn Burns als erstes Final Girl in allen Ehren – der auf Jahrzehnte hinweg geltende Prototyp der Scream Queen wurde von Jamie Lee Curtis begründet. Als Tochter von "Psycho"-Opfer Janet Leigh lag ihr das Schreien eben auch im Blut.

In John Carpenters Slasher-Schlüsselwerk "Halloween" darf sie als keusche und brave Laurie Strode alle ihre promiskuitiven Freunde überleben. Und mehr noch: Laurie wehrt sich mit Kleiderbügeln und Messern gegen den übermächtigen Michael Myers anstatt nur schreiend die Treppe nach oben zu laufen. Mit Jamie Lee Curtis lernte die Scream Queen endlich, dass sie sich gegen den Killer auch wehren kann.

Sigourney Weaver als Ellen Ripley in "Alien" (1979)

Auch wenn Sigourney Weaver in ihrer langen Karriere viele bekannte Rollen gespielt hat – im popkulturellen Gedächtnis von Filmnerds wird sie auf immer und ewig vor allem mit ihrer Darstellung der taffen Alien-Arschtreterin Ellen Ripley verbunden sein. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen ihrer Zeit brauchte sie keine männliche Unterstützung, um den Alien-Invasionen Herr zu werden. Im Gegenteil: Ripley ist schlauer und taktisch cleverer als die Männer an Bord, die allesamt recht schnell Opfer des Aliens werden. Alleine das macht sie zu einer essentiellen Scream Queen.

Neve Campbell als Sidney Prescott in "Scream" (1996)

"Scream" wurde in den 90ern als Revitalisierung und Erneuerung des verstaubten und reaktionären Slasher-Genres wahrgenommen. Und damit wurde das Final Girl Neve Campbell natürlich gleichzeitig zum Gesicht einer neuen Generation von Scream Queens. Anstatt kopflos dem Killer immer wieder in die Arme zu laufen, teilte Neve Campbell als Sidney Prescott ordentlich aus. Auch weil ihr der Meta-Ansatz von "Scream" ein umfangreiches Wissen über die Regeln des Slasherfilms zugestand. Sidney wurde so zum Postergirl einer neuen Generation von Scream Queens: Sie schrie, sie wehrte sich, sie killte den Killer. Und das, obwohl sie bereits Sex hatte.

Maika Monroe als Jay Height in "It Follows" (2014)

Adam Wingard und David Robert Mitchell zählen gerade zu den heißesten Horror-Regisseuren des amerikanischen Indie-Kinos. Ihre jeweils aktuellen Werke "The Guest" und "It Follows" teilen sich die selbe Hauptdarstellerin: Maika Monroe. Mit diesen zwei gefeierten Filmen wurde sie über Nacht zur Scream Queen der Gegenwart. Die Intelligenz und die selbstbewusste Sexualität hat sie von ihren Vorgängerinnen aus den 90ern behalten. Aber "It Follows" geht sogar noch weiter: Für die Protagonistin ist Sex die einzige Möglichkeit, der drohenden Gefahr zu entkommen. Der Horror ist wieder unberechenbarer geworden als in den ironischen 90ern. Sidney Prescott hatte in "Scream" – genauso wie die Zuschauer – genug baugleiche Horrorfilme gesehen, um zu verstehen, wie sie sich in einem Horrorszenario zu verhalten hat. Das Wissen um solch ein Regelwerk des Horrorfilms reicht der neuen Scream Queen aber nun nicht mehr aus. Das macht die aktuellen Scream Queens aber nicht schwächer, sondern nur menschlicher.

Sendung: Hochfahren, 05.04.2017 ab 07 Uhr