Jetzt mit Stephan Rehm und Simon Frontzek In die Nacht

Info Aus Liebe zu den Tönen starten wir Sonntag in die Nacht mit alternativen Klängen: Tomte-Keyboarder Simon Frontzek und Musikexpress-Redakteur Stephan Rehm legen jeden zweiten Sonntag aktuelle Hits und vergessene Geheimtipps auf.


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Charthits-Analyse Mainstream-Songtexte sind auf Grundschulniveau

Songtexte gewinnen keine Lyrik-Preise: Eh klar. Eine Analyse von US-Charthits hat jetzt aber ergeben, dass sie nicht einmal das Niveau der vierten Klasse erreichen. Noch überraschender ist, wie Nickelback oder Beyoncé abschneiden.

Stand: 19.05.2015 | Archiv

Popsongs auf Grundschulniveau | Bild: BR

Deutsche Chart-Rapper verwenden in ihren Songs mitunter mehr Wörter als Johann Wolfgang von Goethe. Geht man aber nach einer aktuellen Analyse von US-Charthits der letzten zehn Jahre, kommen US-Musiker mit ihren Text-Skills dagegen gerade einmal auf das Niveau von Grundschülern. Die Daten-Visualierungsseite SeatSmart hat die Reading-Levels - eine in den USA verbreitete Einstufung von Texten anhand von Wörter-, Silben- und Buchstabenanzahl - von Songtexten der größten US-Chart-Hits analysiert. Die Ergebnisse sind gleich in mehrerlei Hinsicht überraschend.

Da wäre zunächst der pauschale Befund, dass die Texte der Songs noch einmal um ein Vielfaches einfacher gestrickt sind, als man eh schon vermutete: Sie liegen im Durchschnitt auf dem Lese-Niveau von Zweit- und Drittklässlern. Und sind in den letzten zehn Jahren immerhin eine ganze Klassenstufe gefallen: 2005 erreichten sie noch das Niveau der dritten und vierten Klasse.

Country intelligenter als HipHop und Rock


Besonders schön: Die Studie schlüsselt die Ergebnisse auch nach Genre, Geschlecht und einzelnen Bands und Musikern auf. Während es kaum einen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann den Text singt - geschrieben wurde der ja unter Umständen sowieso von einem Repräsentanten des anderen Geschlechts - gibt es beim Genre deutliche Unterschiede.

Anders als man meinen könnte, schneiden hier HipHop und R'n'B nicht gerade gut ab - das Genre unterschreitet in einem Jahr sogar die Zweitklässler-Grenze. Die größte poetische Kraft - wenn man denn überhaupt von so etwas sprechen kann - hat ausgerechnet Countrymusik, während sich Popsongs im Mittelfeld bewegen. Schlechte Nachrichten gibt es für den Rock: Überboten Rocktexte vor zehn Jahren noch die Texte von Countrysongs und kratzten einmal sogar am Niveau der vierten Klasse, entsprechen sie heute nur noch den Lesefähigkeiten von Zweitklässlern und unterbieten in manchen Jahren sogar HipHop-Lyrics.

Eminem vorn, Beyoncé und Lady Gaga hinten

Ohne Frage die größte Überraschung gibt es beim Vergleich der einzelnen Musiker: Denn Nickelback landen mit durchschnittlich 3,3 Punkten nicht irgendwo tief, tief im Keller, wie man vermuten würde. Sondern führen die Liste der Rockmusiker an und überflügeln damit auch die Foo Fighters. Nickelback erreichen damit allerdings immer noch nicht das Niveau von Taylor Swift (3,4 Punkte), obwohl die in der Liste der Popmusiker gerade einmal Platz fünf belegt.

Nicht minder überraschend: Eminem sichert sich mit 3,7 Punkten die Pole Position im Bereich HipHop/R’n’B - und schlägt damit Nicki Minaj, Macklemore, Drake, Kanye West, Chris Brown und Beyoncé, die mit mageren 2,25 Punkten das Schlusslicht des Genres bildet. Unterboten wird sie nur noch von Lady Gaga (2,15 Punkte) und Ke$ha. Die wortgewandtesten Songs singt Mariah Carey - vielleicht auch, weil sie noch einer Ära angehörte, in der Pop-Texte insgesamt etwas komplexer waren. Einer der schlausten Songs ist "Dani California" von den Red Hot Chili Peppers - er bewegt sich auf Sechstklässler-Niveau.

Natürlich sagen diese Zahlen, wie schon bei unserer Analyse der Deutschrap-Wortschätze, wenig über die tatsächliche Intelligenz eines Songs aus - Metaphern und andere rhetorische Stilmittel werden genauso wenig erfasst wie mitunter gewollte Wiederholungen und Vereinfachungen. Die Tendenz ist aber schon erschreckend: Ein wenig mehr Tiefe hätten wir Pop schon zugetraut.


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SebasCOLE, Freitag, 22.Mai, 00:20 Uhr

3. Bullshit

Das mag ja alles sein, aber man kann auch mit wenigen Worten viel erreichen.
Natürlich bestehen die Charts aus schlechten, minderwertigen Texten, aber das zu generalisieren finde ich "bullshit".
Es gibt Rapper mit einem höheren Wortschatz als Shakespear (aber nicht im Mainstream)... deshalb kann man das alles nicht auf Rock, Hip Hop oder sonst etwas generalisieren. In den Charts, wohl möglich, aber nicht über all.
Englisch ist aber eben auch keine komplizierte Sprache, da versteht man schnell was los ist, deshalb ist es ja so einfach.

Luiza, Donnerstag, 21.Mai, 00:17 Uhr

2. Singbarkeit

Songtexte müssen für Sänger singbar sein und den Zuhörern ins Ohr gehen. O.K. das tut "Beds are burning" von Midnight Oil auch. Dennoch gibt es Wörter die vielleicht bedeutungsschwanger jedoch schwer singbar sind. Alles mit viel Vokalen funktioniert, sowie kurze Wörter. Schliesslich werden die langgezogenen Töne immer auf Vokalen gesungen: meistens a, u, i, o oder ae. Da sind einem als Texter bei der Wortwahl Grenzen gesetzt.
Allerdings hat die heutige Generation anscheinend wenig zu sagen. Die Songs werden meistens von Produzenten im Studio zusammengestrickt und sollen sich nur gut anhören. Der Inhalt ist egal.
Sia schreibt einen Song für Rhianna in 45 Minuten, zu wenig Zeit für Tiefgang. Oft wird auf eine bestehende Melodie getextet, was den Texter vor extreme Herausforderungen stellt. Da fallen einem keine komplizierten Themen ein, sondern man ist froh, wenn es passt und sich reimt.

Schupfer Erwin , Mittwoch, 20.Mai, 17:13 Uhr

1. Analyse

Zurück zu den Wurzeln. Die Studie zeigt, dass sich unsere Spezi in wichtigen Bereichen intellektuell zurückentwickelt. Dabei sind wir doch geradezu umhäuft mit technisch ausgereizten Instrumente.
Vielleicht besinnt sich unsere Gesellschaft auf die wahren Werte, die eine Hochkultur zeichnet.