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TV & Serie // Marseille Warum "Marseille" nicht an "House Of Cards" rankommt

Sonne, Mafia, Sex in Südfrankreich - das sind die Zutanten von Netflix' erster europäischer Serienproduktion. Aber was ein französisches "House Of Cards" hätte werden können, ist leider eine Enttäuschung.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 03.05.2016 | Archiv

Serie "Marseille" | Bild: Netflix

Robert Taro (Gerard Depardieu), der Bürgermeister von Marseille, will nur noch sein Lebenswerk zu Ende bringen und sich dann zur Ruhe setzen. Seine Stadt wähnt er in guten Händen, schließlich hat er seinen politischen Ziehsohn Lucas Barres (Benoît Magimel) vorausschauend auf seine Nachfolge vorbereitet. Unter Taros Leitung wird er Marseille mit einem neuen Hafenkomplex zu einer Tourismusmetropole am Mittelmeer machen. Der Plan ist verheißungsvoll: Ein städtisches Casino soll die Mafia schwächen, der neue Tourismus Arbeitsplätze schaffen. Die Abstimmung über das Großprojekt ist eigentlich nur noch eine Formalität. Eigentlich - denn Barres hat zwanzig Jahre auf genau diesen Moment hingearbeitet. Mit einem 1A-Frank-Underwood-Move holt er aus, um Robert Taro seine große Liebe zu entreißen: Marseille.

Marseille ist nicht Paris - und erst recht nicht Washington D.C.

“House of Cards” auf französisch also? Leider nein. Denn das Kaliber der Netflix-Hitserie erreicht “Marseille” in keiner Sekunde. Das liegt sicher nicht an Gerard Depardieu, der als  Machtmensch alter Garde tatsächlich sehr würdevoll durch die Szenen walzt. Und auch nicht an der südfranzösischen Verbrecherhauptstadt mit der großartigen Mittelmeeraussicht. “Marseille” zeigt ein Frankreich, so wie man es sich wahrscheinlich in Hollywood gern zusammenfantasiert: Ein Ort an dem sexistische Witze immer noch lustig und Frauen jederzeit zu Sexskapaden bereit sind, während die Männer ihre Moral mit Wein runterspülen.

Ein Griff in die Klischeekiste

Wo “House of Cards” uns mit brillianten Figuren fesselt, holt “Marseille” einfach ein paar eindimensionale Abziehbilder aus der Klischee-Kiste. Und lässt einem nicht mal die Chance, selbst hinter die Intrigen zu kommen, die da von allen Seiten gesponnen werden. Jede Wendung wird durch bedeutungsschwangere Musik vorweggenommen - oder von unsinnigen Voice-Over-Flashbacks schon mal angekündigt. So sehr können einen die vielen nackten Brüste gar nicht von der Story ablenken. Von Netflix' erster europäischer Serie habe ich echt mehr erwartet.

"Marseille" startet am 5. Mai auf Netflix.


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