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Männermodels mit großen Größen Mehr Toleranz durch "dicke" Models?

Einen riesigen Medienrummel gibt es zur Zeit um Zach Miko – das erste Plus-Size-Männermodel mit Vertrag bei der international bekannten Agentur IMG. Die Frage ist: Wird dieser Mann die Modebranche revolutionieren?

Von: Elisabeth Volkmer

Stand: 23.03.2016

Kate Moss, Gisele Bündchen und Miranda Kerr haben seit Kurzem einen neuen Kollegen – Zachary, kurz Zach, Miko. Zach Miko ist das erste Männermodel, das keine David-Beckham-Hüften hat und trotzdem bei der Agentur IMG Models unter Vertrag genommen wurde. Er ist fast zwei Meter groß und trägt Kleidergröße 60. Bei IMG ist er unter der Kategorie 'brawn', also muskulös zu finden. Zach Miko ist also nicht fett, sondern nur gut gebaut. Drei-Tage-Bart und Tattoos runden das Bild ab: ein gestandener Kerl mit Holzfällerqualitäten – gar nicht so weit weg vom männlichen Schönheitsideal.

What a wonderful life this is! #img #wwd #brawn #bodypositivity #effyourbeautystandards #bigandtall

Ein von Zach Miko (@zachmiko) gepostetes Foto am

Plus Size heißt nicht dick

Die Plus-Size-Größen für Männer gehen in Agenturen von 52 bis 64. Der Durchschnittsdeutsche trägt Größe 50/52, also M oder L. Heißt also: Eigentlich ist ganz Deutschland Plus Size. Dominique van Eijs arbeitet bei Brigitte Models, Deutschlands ältester Plus-Size-Modelagentur. Sie sagt:

"Wenn ein Model Plus Size in der Modelbranche ist, heißt das noch nicht, dass es auch ein Plus Size Mensch ist. Deswegen muss man auch immer den Unterschied machen zwischen Plus Size Model und jemanden, der eine Übergröße im normalen Leben trägt."

Dominique van Eijs, Modelbookerin

Hans Peter Reichart, Plus Size Male Model | Bild: Robert Flammier @ Studio Penkwitt

Jemand, der im echten Leben Übergröße trägt, shoppt T-Shirts von 3XL bis 10XL und kann sich erlauben, auf Fitnessstudio und gesunde Ernährung zu pfeifen. Ein Plus Size Modell kann das nicht, erzählt Hans Peter Reichart, der selbst schon jahrelang als Plus-Size-Model arbeitet:

"Man sollte auch als Plus Size Male Model sein Gewicht halten und darauf achten, was man isst. Ich muss schon schauen, dass ich nicht weiter zunehme oder drastisch abnehme. Ich stehe ja für einen bestimmten Typ. Den einzigen Vorteil, den ich habe, ist, dass ich kein Sixpack haben muss."

Hans Peter Reichart, Plus Size Model

Viel Schlaf, wenig Sonne, keinen exzessiven Alkohol- oder Drogenkonsum, gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport sind ein Muss – der Druck der Modebranche lastet auch auf Plus-Size-Models. Der Körper ist schließlich bei ihnen das Kapital, betont Dominique van Eijs.

Medienhype um nichts

Aber warum tut IMG dann so, als hätten sie die Plus-Size-Branche neu erfunden? Warum wirbt die Agentur in der internationalen Presse damit, dass sie den ersten vermeintlich "Dicken" unter Vertrag genommen hat, wenn sich das Plus Size nicht grundlegend vom Skinny Model abhebt? Mit Akzeptanz und Toleranz hat es jedenfalls wenig zu tun, sagt Dominique van Eijs:

"Ich denke, dass das Image dieser Modelagenturen, die jahrelang ihr Geld mit Magermodels gemacht haben, mittlerweile so schlecht ist, dass sie es jetzt mit solchen Pressekampagnen aufpolieren müssen. Heute wirbt man gerne mit Toleranz und will natürlich auch die breite Masse erreichen. Deswegen buchen Designer auch mal ein Plus Size Model für eine Show."

Dominique van Eijs, Modelbookerin

Diese Erklärung erscheint plausibel, geht doch der Trend schon seit Jahren zum Plus Size Model – sogar auf der Titelseite der Bademodenausgabe der Sports Illustrated gab es schon eins.

Kein Plus-Size-Siegeszug

Modelagenturen bewerben ihre "Dicken" – Modelabels wollen ihre Mode aber noch lange nicht mit Dicken präsentieren. Es gibt zwar immer mehr Marken mit sogenannten Übergrößen, doch trotzdem werden wir wohl auch in Zukunft keine stämmigen Männer auf Plakaten sehen. Beim Modehaus Hirmer in München wurde schon häufiger darüber diskutiert, Plus-Size-Models auf Plakate zu drucken – gemacht wurde es nicht. Die Gründe, die Vinzenz Huber von der Abteilung für große Größen nennt, sind eher vage:

"Wir sagen aktuell noch, dass wir die Outfits jetzt nicht zwingend mit einem Gesicht verknüpfen wollen. Wir wollen das noch etwas offener halten, als es bei Normalgrößen der Fall ist, und somit soll sich eigentlich jeder angesprochen fühlen."

Vinzenz Huber

Dominique Van Eijs wird ein bisschen konkreter und erklärt, dass sich Männer mit Übergröße nicht mit dicken Männern auf Plakaten identifizieren wollen, da sich Menschen grundsätzlich lieber mit Dünneren identifizieren.
Natürlich geht es auch um Geld. Fotokampagnen sind teuer. Die hohen Kosten beim Druck, der Kauf der Bildrechte und der hohe Preis für die Werbeflächen führen dazu, dass viele vor dem Risiko zurückschrecken, dicke Models auf die Plakate zu drucken, ohne zu wissen, wie es bei der Bevölkerung ankommt.

Schubladendenken trotz aus der Reihe tanzen

Die Modebranche ist eine Kommode mit verschiedenen Schubladen – jede Schublade entspricht einer "Art" von Models – Männer, Frauen, dunkelhäutige und europäische Models, und und und. Individualität ist eher Mangelware. Mittlerweile ist eine weitere Kategorie dazu gekommen – die Plus-Size-Schublade. Die wird jetzt je nach Belieben von Designern und Werbenden aufgezogen, um den Medien Toleranz und Akzeptanz vorzugaukeln. Da Auftritte von stämmigen Männern oder kurvigen Frauen in der Modebranche immer noch etwas Besonderes sind, stürzen sich die Medien darauf und sorgen so für PR. Zach Miko ist nur ein Zeichen dafür, dass die Modewelt jetzt entdeckt hat, dass gerade männliche Plus-Size-Models für Aufregung sorgen. Die Modebranche verändern wird das aber nicht.


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