5

Künstler JC Sheitan Tenet Der Mann, der mit seiner Armprothese tätowieren kann

Vor 22 Jahren verlor JC Sheitan Tenet den rechten Unterarm - tätowieren wollte er trotzdem. Mit einem Freund entwickelte er die erste Armprothese mit eingebauter Tattoonadel. Ob ihn das zum Cyborg macht? Wir haben JC gefragt.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 13.07.2016

Cyborg JC kann mit seiner Prothese tätowieren | Bild: facebook.com/jc.sheitan

Sein fehlender Unterarm hat JC Sheitan Tenet noch nie von seinem Traumberuf abgehalten: Tätowierer. Anfang des Jahres entwickelte er dann mit einem befreundeten Tätowierer aus einer normalen Armprothese, einer Nähmaschine und einem Plattenspieler den ersten Prototyp für eine Prothese, mit der er selbst mit rechts stechen kann. Seitdem wird der Franzose als erster Tattoo-Cyborg im Netz gefeiert. Wir haben den französischen Tattoo-Künstler gefragt, wie es sich anfühlt, mit dieser Tattoo-Prothese zu stechen und ob er sich selbst als Cyborg bezeichnen würde.

PULS: Hast du jemals ein Tattoo gemacht, bevor du deinen Arm verloren hast? Oder bist du erst durch den "neuen Arm" zum Tätowierer geworden?

JC Sheitan: Ich habe auch schon Tattoos gemacht, bevor ich meinen "neuen" Arm bekommen habe. Das mit dem Arm ist passiert, als ich zehn Jahre alt war, also vor 22 Jahren. Seit acht Jahren arbeite ich als Tätowierer. Bevor ich den "neuen" Arm bekommen habe, habe ich die Tattoos mit der linken Hand gemacht. Bis zu meiner neuen Prothese habe ich die rechte Hand nicht zum Tätowieren genutzt.

Wer hatte die Idee für deinen "neuen Arm" und wie hat es sich angefühlt, damit zum ersten Mal ein Tattoo zu stechen?

Ich habe Jean-Louis Gonzal bei vielen Tattoo-Conventions getroffen und bin ein großer Fan von seiner Kunst. Eines Tages habe ich ihn gefragt, ob er an einer meiner Prothesen arbeiten will. Ich habe ihn gebeten, mir eine Steampunk- oder Dieselpunk-Tattoo-Prothese zu machen, die ich aber am liebsten auch benutzen wollte. Der Prozess, um die Prothese auszuklüngeln, dauerte einen Monat. Auf einer Tattoo-Convention habe ich dann versucht, die Prothese zum ersten Mal zu benutzen und es hat ziemlich viel Spaß gemacht, mit meiner "Geisterhand" zum allerersten Mal zu tätowieren. Da haben wir uns sofort dafür entschieden, einen zweiten Prototyp zu entwickeln, der effizienter und präziser sein soll. Im Moment benutze ich die Prothese nicht jeden Tag. Sie ist eher eine Art Skulptur und ziemlich schwer. Wir arbeiten daran und kriegen das in Zukunft hoffentlich besser hin.

Wie hat sich deine Art zu tätowieren seitdem verändert?

Der Unterschied zwischen Tätowieren mit meiner Prothese und ohne ist, dass ich jetzt quasi mit dem Geist meiner rechten Hand tätowiere. Der zweite Prototyp wird so konzipiert, dass ich mit beiden Armen gleichzeitig tätowieren kann. Damit kann ich vielleicht neue Designs ausarbeiten und neue Arbeitswege finden. Aber das sind momentan noch alles Ideen und ich weiß nicht, ob das wirklich funktionieren wird. Aber ich kann es kaum noch abwarten.

Im Internet gibt es mittlerweile ziemlich viele Artikel über dich. Hast du jetzt mehr zu tun als früher? Und welche Türen öffnet dir das?

Natürlich bin ich durch diese Idee berühmter geworden. Sie geht ja gerade weltweit rum. Aber ich habe nicht mehr zu tun als vorher, weil ich vorher schon echt viel zu tun hatte. Ich arbeite jeden Tag von morgens bis abends. Mehr als bisher kann ich gar nicht arbeiten [lacht]. Der Unterschied ist aber, dass jetzt Leute aus ganz Europa und sogar aus Nordamerika zu mir nach Frankreich kommen, um sich von mir tätowieren zu lassen. Das Allerwichtigste ist: Jetzt kennt die ganze Welt meine Tattoo-Kunst. Das ist sehr, sehr cool. Natürlich öffnet mir das auch ein paar Türen. Ich bin zum Beispiel nächsten Oktober zur "American Ink Tattoo Convention" in Costa Rica eingeladen, außerdem zu einer Tattoo-Conevntion auf Hawaii. Nächstes Jahr fahre ich nach Rio de Janeiro. Das ist richtig, richtig cool. Viele Leute interessieren sich für meine Arbeit und natürlich dafür, wie ich arbeite mit meiner Prothese.

Eine normale Armprotese kam für dich nicht in Frage?

Wir haben die Prothese nicht nur gebaut, um eine menschliche Hand nachzubilden, sondern als spezifisches Tool, das ich brauche. Nachdem ich meine Hand verloren hatte, brauche ich keine neue rechte Hand, ich brauchte ein Werkzeug, das effizienter sein sollte als eine Hand. Ich interessiere mich einfach sehr für die Diesel- und Steampunk-Kunst, deswegen sieht sie so aus. Ich habe einen rostigen Effekt kreiert, aber der Rost und Schmutz ist natürlich fake. Das ist alles wie ein Gemälde. Ich kann die Prothese auch saubermachen - das dauert nur sehr lange.

Nennst du dich selbst Cyborg?

Nein, ich nenne mich selbst nicht Cyborg. Der Arm ist nur ein Werkzeug an meinem Körper und die Funktion der Prothese ist ziemlich einfach. Im Endeffekt ist das eine Tattoomaschine, die an einer alten Prothese angebracht wurde. Es wird mit einem normalen elektronischen Tattoogerät angeschaltet. Ich benutze auch meine Füße, um die Tattoomaschine an- und auszuschalten.


5