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Interview mit den Machern von "The Cleaners“ Der digitale Müllberg von Manila

10.000 Kilometer von uns entfernt sitzen die Leute, die unsere Timelines sauber halten. Auf den Philippinen arbeiten nämlich zehntausende sogenannte "Content-Moderatoren“. Welche Folgen das hat, haben Moritz Riesewieck und Hans Block in dem Film "The Cleaners“ dokumentiert.

Von: Johanna Siegemund

Stand: 15.05.2018 | Archiv

The Cleaners | Bild: Riesewieck/Block

Vor fünf Jahren tauchte auf Facebook ein Video auf, in dem ein älterer Mann ein Kind missbraucht. 16.000 Mal wurde es geteilt, 4.000 Mal geliked. Dann war es verschwunden. Solche Abscheulichkeiten sieht man in den sozialen Netzwerken aber eher selten. Warum taucht sowas nicht öfter in unseren Timelines auf? Das haben sich auch die Film- und Theaterregisseure Hans Block und Moritz Riesewieck gefragt. Ihre Recherche hat sie in die philippinische Hauptstadt Manila geführt, wo täglich zehntausende sogenannte "Content- Moderatoren“ genau daran arbeiten: Sie entfernen den Dreck aus unseren Timelines. Über diese Menschen und die Auswirkungen ihrer Arbeit haben die beiden den Dokumentarfilm "The Cleaners“ gemacht. Am 17. Mai startet er in den Kinos.

PULS: Drei Jahre lang recherchiert ihr schon zu den Content-Moderatoren auf Manila. Was habt ihr eigentlich erwartet, als ihr dort zum ersten Mal hingefahren seid?

Hans Block: Wir sind mit relativ geringen Erwartungen dorthin gefahren. Manila hat uns dann aber überwältigt. Dort wirkt alles ein bisschen wie Gotham City: Eine überfüllte 18 Millionen-Stadt, smogverhangen und total überbevölkert. Und das wollten wir filmisch einfangen. Wir hatten aber große Schwierigkeiten, an diese Leute ran zu kommen. Der unerwartete Moment war tatsächlich, dass die Leute mit uns reden wollten, um ihre Mission zu beschreiben. Nämlich das Internet zu sichern und für die User zugänglich zu machen.

Moritz Riesewieck: Was vielleicht besonders perfide daran ist: Sie versuchen sich in vielen Fällen selbst einen Sinn zu verschaffen und ihren Job zu einer Mission verklären. Sie sagen, dass sie sich für die Sünder der Welt aufopfern müssen. Wenn sie es nicht tun, wie würde dann das Internet dastehen? Die Ausbeutung wird also ganz selbstbewusst betrieben. Aber natürlich ist es nichts anderes als Ausbeutung. Was für drastische Folgen das bei den Moderatoren hat, äußert sich dann ganz unterschiedlich. Zum Beispiel: Keine Lust mehr auf Sex, Magersucht oder Existenzängste.  

Warum sitzen gerade so viele Content-Moderatoren in Manila?

Hans: Das haben wir uns auch gefragt. Und da gab es eine sehr überraschende Erkenntnis: 90 Prozent der jungen Filipinos sind katholische Christen und das ist bei denen sehr extrem. Zum Beispiel spielt da Aufopferung eine ziemlich große Rolle. Viele der Moderatoren haben uns tatsächlich gesagt, dass sie die Sünden der Welt auf ihre Schultern nehmen. Fast so ein bisschen wie Jesus, der am Kreuz gehangen hat, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen.

Moritz: Die Firmen werben auch damit, dass die Philippiner angeblich unsere Werte und Moral teilen. Wenn man aber genauer hinschaut, ist das natürlich Quatsch. Das hat dort nichts mehr mit unserem Kommunionsunterricht zu tun.

Wie sieht denn so ein klassischer Arbeitsalltag eines Content-Moderatoren aus?

Hans: Die meisten Content-Moderatoren wohnen auch außerhalb von Manila, weil sie sich innerhalb der Stadt keine Wohnung leisten können. Zum Beispiel wohnt einer der Moderatoren, der auch in unserem Film vorkommt, in einer kleinen Holzschabracke in der Vorstadt von Manila, zusammen mit seiner siebenköpfigen Familie.  Die Schicht beginnt für ihn also um zwei Uhr nachts, da klingelt sein Wecker.

Er macht sich los, fährt drei Stunden durch den übelsten Stau und eine smogverhangene Stadt zu einem gläsernen Büro. Dort geht er in die 23. Etage, setzt sich vor den Computer und sieht acht bis zehn Stunden lang Bilder, Videos und Texte, die er moderieren muss. Sie haben eine Pause dazwischen und müssen innerhalb von drei bis vier Sekunden entscheiden, ob ein Bild oben bleiben darf oder nicht.

Moritz: Sie dürfen nach der Arbeit mit ihren Familien nicht darüber sprechen, was sie dort getan haben. Das schließen die Verträge aus. Und selbst wenn sie es dürften, würden sie es ganz oft gar nicht tun. Das passt nämlich nicht zu dem konservativen Weltbild, das viele Familien haben. Gleichzeitig sind diese jungen Philippiner aber auch oft die Brötchenverdiener. Sie bringen ganze Großfamilien mit dem immer noch geringen Lohn durch, den sie dort beziehen.

Warum ist es so gefährlich, dass diese Arbeit geoutsourct wird?  

Moritz: Es ist ein Outsourcen von Verantwortung. Da geht es ja nicht nur um Schwanz- und Brustbilder, sondern es geht in vielen Fällen auch um politische Inhalte, über die kontrovers diskutiert werden könnte. Zum Beispiel: Was ist gewaltverherrlichend? Was dient der Aufklärung? Was ist ein Regierungsgegner? Was ist ein Terrorist? Da müsste man eigentlich genauer hinschauen und diese Transparenz ist nicht gegeben. Die sozialen Netzwerke machen es sich dadurch einfach, da sie ja nicht bei denen angestellt sind. Wenn dort Fehler passieren, dann passieren sie einem anderen Unternehmen. Und sie passieren vor allem an einem Ort, der schwer zugänglich ist.

Sendung: Hochfahren, Donnerstag 17.05.2018 - ab 7.00 Uhr