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Interview // Sabine Resch "Mode darf genauso viel wie die Kunst"

Sabine Resch ist Diplom-Modedesignerin und Studienleiterin für den Bereich Modejournalismus an der Akademie Mode & Design in München. Für sie hat Fashion das Recht auf eine politische Aussage. Egal, ob das Federn auf dem Kopf von Pharrell Williams sind oder die Turnschuhe von Joschka Fischer.

Von: Teresa Fries

Stand: 13.06.2014

PULS: Frau Resch, in den USA gab es relativ viel Aufregung um das Elle-Cover mit Pharrell Williams als Indianer. Zurecht?

Sabine Resch | Bild: Sabine Resch

Sabine Resch: Bei diesem Thema kommt vieles zusammen: Was darf die Mode? Was darf ein Magazin? Und was darf die Kunst? Meine Antwort ist: Die Mode darf genauso viel wie die Kunst. Wer aber so handelt, muss mit den Konsequenzen rechnen, mit Reaktionen auf eventuelle provokante Aussagen, die mit der künstlerischen Ebene verbunden sind. Und wer sich mit ethnischen Themen beschäftigt, muss darauf achten: Wer wird wo wie inszeniert?

Jetzt sind die Leute von der Elle ja nicht doof. Und Pharrell auch nicht der erste, der mit seinem Kopfschmuck daneben gegriffen hat. War die Diskussion vielleicht beabsichtigt? Schließlich hat das Cover nun jeder gesehen.

Natürlich ist das auch eine PR-Geschichte. Aber es ist so: Pharrell Williams hat in einer Talkshow mal gesagt, dass unter seinen eigenen Vorfahren Ureinwohner Amerikas sind. Wenn nun Williams mit diesem Hintergrund im Jahr 2014 dunkelhäutig und mit indianischem Kopfschmuck auf einem Magazin-Cover zu sehen ist - dann kann das auch eine positive Botschaft sein.

Pharrell sah das wohl anders. Der hat sich ja relativ schnell für das Cover entschuldigt.

Ja, das verwundert mich fast. Denn: Bei wem entschuldigt er sich denn? Er gehört ja zu dieser Menschengruppe dazu.

Aber es darf ja nicht einmal jeder Indianer so einen Kopfschmuck tragen. Das ist ja der Punkt der Kritiker. Die Federn sind heilig und müssen verdient werden.

Natürlich ist Pharrell kein Häuptling. Aber da geht es um ein Spiel mit Symbolen. Darum, eine Botschaft rüberzubringen. Und das muss in der Mode als Kunstform erlaubt sein.

Das macht man aber doch mit anderen Religionen auch nicht.

Modedesigner John Galliano mit Federschmuck

Die Mode traut sich auch da sehr viel. Zum Beispiel Gaultier, der 1993 zum ersten Mal eine Rabbiner-Kollektion auf die Pariser Laufstege brachte. Und Glaubens-Kennzeichen wie das christliche Kreuz oder buddhistische Symbole tauchen immer wieder nicht nur in der High Fashion, sondern auch in der Alltagsmode auf. Ein Beispiel sind die T-Shirts mit der Aufschrift: "Jesus loves me". Und immer mal wieder entwerfen Designer zum Beispiel auch liturgische Gewänder für Päpste, wie Jean-Charles de Castelbajac für Johannes Paul II.

Und trotzdem sind viele immer noch der Meinung: Mode soll schön aussehen, aber mehr auch bitte nicht.

Ja, da muss leider die Toleranz und das Bewusstsein für Mode gerade in Deutschland noch etwas wachsen. Wir dürfen hierzulande nicht länger den Fehler machen, Mode nur als kommerzielles Kaufobjekt zu sehen. Es gibt Modemacher, die wie Konzeptkünstler arbeiten, die sich Gedanken machen und politisch ausdrücken. Andersherum drücken Politiker sich ja auch mit Mode aus.

Ehrlich gesagt scheint es immer so, als würden sich Politiker eher wenig Gedanken um Fashion machen.

Aber für Mode als Medium der Anschauungen gibt es etliche Beispiele aus der Politik: Vielleicht das berühmteste ist Joschka Fischer mit Turnschuhen bei seiner Vereidigung in Hessen 1985. Ähnlich wirkt noch heute Kohls Weste von 1990: Er demonstrierte bei einem Treffen im Kaukasus mit Gorbatschow durch seine Strickjacke ein entspanntes Verhältnis zu Russland. Das alles sind Botschaften, verdeutlicht mit dem Mittel der Kleidersprache. Auch wenn Obama zu wichtigen Anlässen keine Krawatte mehr trägt. Oder wenn Angela Merkel am Tag nach der Wahl, auf die Frage nach ihrem Blazer antwortet: "Naja, ich hab mir überlegt: Gelb war gestern" –  dann ist das ein hochpolitischer Satz.

Wo liegt für Designer denn noch der Reiz daran, sich aus anderen Kulturen zu bedienen?

Wir erfahren dadurch natürlich neue Inspiration. Es entsteht eine neue Ästhetik. Und ganz nebenbei feiern wir damit, dass wir auf dieser Welt gemeinsam leben. Dass wir Zugang haben zur Kultur des anderen und dass alle Kulturen gleich zählen und aufgegriffen werden. Mit anderen Worten: Die Vereinigung der Kulturen gelingt – zumindest auf dem Laufsteg!


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