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Traumjob Biersommelière "Alles was man braucht, ist Durst"

Sophia Wenzel ist Biersommelière. Sie testet Biere und berät Bars oder Restaurants, welches Bräu zu ihnen passt. Im Interview verrät sie Gründe für den neuen Bier-Boom – und warum uns Craft vielleicht bald zum Hals raushängt.

Von: Christoph Gurk

Stand: 15.04.2016

Biersomelière Sophia Wenzel | Bild: phantom-mgmt.com

PULS: Sophia, du bist Biersommelière, also eine Expertin für Bier. Klingt nach einem super Job – und nach sehr viel Trinken!

Sophia Wenzel: Stimmt. Das ist wirklich ein super Job! Und ich trinke auch viel Bier – aber nicht den ganzen Tag. Ich schaue mir auch Preise, neue Hersteller oder Brauereien an. Und ich erkläre Gästen in Restaurants, was es für Biere gibt. Ich empfehle Biere für Bars, halte Vorträge und gebe Seminare.

Woran erkennt man denn ein gutes Bier?

Das sind verschiedene Faktoren: Von außen ist das der Preis oder dass auf den Flaschen kein ewig langes Mindesthaltbarkeitsdatum steht. Und dann sind da natürlich der Geruch, das Aussehen und der Geschmack.

Anders als ein Weinsommelière, der den Wein nach dem Verkosten auch wieder ausspucken kann, musst du als Biersommelière wirklich trinken. Hast du oft einen berufsbedingten Kater?

Nein. Ich brauche ja keinen halben Liter, um zu wissen, ob ein Bier gut ist. Meist reicht dafür schon ein kleiner Schluck. Dass ich das Bier nicht ausspucke hat damit zu tun, dass die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge unterschiedlich verteilt sind: Bitterkeit ist ein entscheidender Faktor beim Bier - und die schmeckt man nur ganz hinten auf der Zunge. Ausspucken geht also nicht. Eine Alternative wäre gurgeln. Aber das wäre ein bisschen unschön.

Wie kam es denn dazu, dass du Biersommelière geworden bist?

Ich arbeite schon sehr lange in der Gastronomie und habe das auch gelernt. Irgendwann wollte ich mich weiterentwickeln und dann war es mein damaliger Chef, der vorschlug, dass ich mich doch auf Bier spezialisieren sollte. Ich fand das eine gute Idee. Bier ist schließlich ein wirklich tolles Getränk mit vielen Facetten. Also habe ich einen Kurs gemacht und mich immer weiter gebildet.

Es gibt immer mehr Leute, die sich für Bier interessieren. Vor allem die Craft Szene boomt. Woher kommt dieses neue Interesse an Bier?

Viele Menschen fragen sich heute: Was kaufe ich? Was konsumiere ich? Sie essen vegan oder vegetarisch, sie kaufen im Biomarkt ein statt beim Discounter. Das spielt dem Craft Bier in die Karten. Warum soll man sein Essen bewusst aussuchen und dann bei den Getränken Halt machen?

Der Boom ist schon so weit, dass auch große Brauereien mitmachen. Ist ein Bier von denen aber überhaupt noch ein "Craft Bier"?

Der Begriff "Craft" ist nicht geschützt, genauso wie "Wellness", oder "Premium". Der Begriff steht im Marketing gerade sehr hoch, aber er wird uns in paar Jahren vielleicht zu den Ohren rauskommen. Ganz einfach, weil ihn jeder verwenden kann, egal ob er handwerklich braut und mit tollen Rohstoffen arbeitet oder nicht. Viele Brauereien gehören internationalen Konzernen, da geht es nicht um Qualität oder Leidenschaft, sondern um Geld. Sie stellen einen Brauer ab, damit der ein Craft Bier entwirft, werfen die Marketingmaschine an und machen ein neues Logo. Alles kein Problem. Ein kleiner Brauer braucht dafür viel mehr Zeit. Viele handwerkliche Craft Brauer erkennt man darum auch daran, dass sie nicht perfekt sind. Sie müssen an ihren Produkten noch schrauben, aber die Liebe zum Detail ist da.

Es heißt ja immer, ausgerechnet das Bierland Deutschland sei bei dem Craft Bier Boom ein bisschen hintendran. Wie siehst du das?

Wir haben einerseits eine lange Biertradition, auf der anderen Seite aber auch große Brauereien, die stark auf Masse gegangen sind. In den letzten Jahren haben die den Biermarkt teilweise heruntergewirtschaftet. Es ging nur noch um den Preis und darum, wer einen Kasten unter zehn Euro anbieten kann. Dann kamen Leute, die das ändern wollten. Mittlerweile ist schon ein ganz buntes Feld entstanden, aber es gibt noch Luft nach oben.

Viele kleine Brauereien beklagen, dass sie sich durch das Reinheitsgebot eingeschränkt fühlen. Sie dürfen zum Beispiel keine Kräuter beim Brauen verwenden und keine Früchte. Das macht Innovationen schwer. Was glaubst du: Wird Deutschland beim Bier irgendwann mal wieder Trendsetter?

Schwierig. Allein schon, weil es Gründern in Deutschland viel schwerer gemacht wird als zum Beispiel in den USA. Eigentlich schade, denn wir waren ja schon mal Trendsetter: Wir haben Biere wie das Bamberger Rauchbier erfunden, die Hälfte der Hefen in Asien kommt aus deutschen Hefebanken und wir haben Biere wie Helles oder Zwickel. Wir nehmen die als selbstverständlich und vergessen sie gern. Dabei werden gerade diese Stile in den USA gerade bei coolen Brauereien nachgebraut und neu interpretiert.

Und das, während hier in Deutschland gerade IPA's und Stouts steil gehen. Werden wir in ein paar Jahren alle Craft Bier trinken?

Es gibt Biere, die haben etwas, was wir "High Drinkabilty" nennen. Helles zum Beispiel, Pils, Weißbier. Die kann man auch im Biergarten bei 35 Grad trinken. Da will niemand ein Porter, das ist süß und klebrig und eigentlich nur für Hafenarbeiter. Wer das mag, der trinkt es zum Desert. Es gibt viele Craft Biere, die haben einen ausgefallen Geschmack, aber von denen kann man eben nicht viel trinken. Nach fünf IPA's freue ich mich zum Beispiel auch über ein anderes Bier.

Wenn ich jetzt auch Lust auf Craft Biere mit ausgefallenem Geschmack bekomme, brauche ich dann wirklich einen Satz spezieller Gläser und muss ich wissen, welche Hopfenarten es gibt?

Nein. Du brauchst vor allem Durst! Und den Mut und die Zeit, etwas Neues zu probieren. Einfach hinsetzen und durchtrinken. Ganz entspannt. Das ist der beste Weg.


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