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Interview // Regisseur Asif Kapadia Warum "Amy" auch ein Film über uns und unsere Zeit ist

2015 ist das Jahr der Musikdokus: Nach "Montage of Heck" über Kurt Cobain und "What happened, Miss Simone?" über Nina Simone kommt jetzt "Amy" ins Kino. Darin erzählt Asif Kapadia die Geschichte von Amy Winehouse. Und zwar so, wie wir sie noch nicht kennen.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 15.07.2015

Filmszene aus "Amy" | Bild: Prokino

Asif Kapadia hat überhaupt keine Stimme mehr, als wir ihn in München treffen – seit Wochen reist er mit seinem Film "Amy" von Filmfestival zu Filmfestival und von einem Kontinent zum nächsten. Er sieht ziemlich erledigt aus. Aber auch glücklich. Seine neue Dokumentation hat am Vorabend auf dem Filmfest München ihre Deutschlandpremiere gefeiert. Und da ist der Film genauso gut angekommen, wie bei den Kritikern in Cannes, Venedig und Sydney.

PULS: Ich hatte immer das Gefühl, dass die Geschichte von Amy schon auserzählt war, bevor sie starb. Ich hätte nicht gedacht, dass man noch etwas Neues über sie erzählen könnte – warum hast du trotzdem einen Film über Amy gemacht?

Asif Kapadia: Ich hatte so ein Gefühl, dass da eine Geschichte verborgen ist, die wir noch nicht kennen. Als ich anfing den Film zu machen, hatte ich kein Skript – ich kannte sie nicht, hatte sie nie getroffen. Also bin ich auf eine Reise gegangen. Und so ist auch der Film aufgebaut - auf den Dingen, die mir die Leute erzählt haben. Und alle sagten immer wieder: "Du musst einen Film über die echte Amy machen!" Die echte Amy – ich hatte keine Ahnung, wer die echte Amy war. Bis ich Aufnahmen von ihr als Teenager sah. Und dann habe ich verstanden, wer dieser Mensch war, der ihnen so viel bedeutete. Sie war lustig, so intelligent, mit wachen Augen, wunderschön und gesund. Sie hat Spaß mit ihren Freunden, spielt Gitarre. Und dann hört man plötzlich ihre Stimme! Ihre Songtexte waren großartig, sehr persönlich. Wie ein Tagebuch. Sie hatte so viel Talent. Ich wollte, dass das Publikum versteht, wer dieses Mädchen war, die echte Amy. Und dann sieht man sie an und fragt sich: Wie konnte sie sich innerhalb von zwei Jahren in diese andere Person verwandeln, die wir alle kannten? Man stellt fest: Die Probleme waren alle lange schon da, aber sie hatte sie unter Kontrolle.

Der Film kommt komplett ohne "talking heads" aus: Man hört all die Leute aus Amys Leben sprechen, aber man sieht sie nicht. Der Fokus liegt immer auf Amy Winehouse. Warum hast du deine Interviewpartner nicht gefilmt?

Ich mache Interviews gern nur mit einem Audioaufnahmegerät, so ähnlich wie beim Radio. Wir treffen uns in einem Raum und setzen uns zusammen hin. Und die Leute fühlen sich wohler. Sie fühlen sich weniger unter Druck gesetzt, als mit einer Kamera. Und sie antworten viel ehrlicher. Die Leute, die ich für den Film getroffen habe, waren sehr nervös und paranoid. Es war das erste Mal, dass sie mit jemandem über Amy Winehouse gesprochen haben, der nicht zu ihrer eigenen Gruppe gehörte.

Aber es hat auch filmische Gründe. Wenn es um das Bild geht, möchte ich am liebsten einfach in Amys Augen schauen. Ich will ihr Gesicht sehen – es ist sehr ausdrucksstark. Man kann ihre ganze Geschichte in ihren Augen und von ihrem Körper ablesen.

Für die Dokumentation hast du mit über 100 Leuten über Amy Winehouse gesprochen. Darunter sind ihr erster Manager Nick Shymansky, ihre Eltern, ihre besten Freunde, ihr Ex-Mann – und ihre Produzenten Salaam Remi und Mark Ronson. Wie konntest du diese Leute davon überzeugen, mit dir zu reden?

Es hat wirklich lange gedauert, bis sie mit mir sprechen wollten. Ich habe zweieinhalb, fast drei Jahre lang daran gearbeitet. Und bei manchen Leuten habe ich fast ein Jahr gebraucht, bis sie sich mit mir getroffen haben. Sie vertrauten niemandem. Also musste ich erstmal ihr Vertrauen gewinnen. Nach dem Interview sagten dann viele, "Hey, ich habe noch ein paar Fotos, ich habe Videoaufnahmen, ich habe Nachrichten vom Anrufbeantworter, ich habe ihre Tagebücher." Alle hatten irgendein Erinnerungsstück. Und sie mussten sich sicher sein, diese Sachen mit mir zu teilen. Denn sobald ich sie im Film verwende, hat sie auch die ganze Welt. Deshalb waren die Interviews fast schon wie eine Therapie.

Gab es irgendwann einen Moment, wo du wütend geworden bist, als du die Leute interviewt hast? Ich persönlich bin so wütend geworden, dass ich Tränen in den Augen hatte.

Nachdem ich alle Geschichten gehört und das Filmmaterial gesehen hatte, bin ich auch wütend geworden. Ich hatte das Gefühl, dass ihr etwas wirklich Schlimmes passiert war – vor unseren Augen. Und niemand hat was dagegen getan. Sie war ein Kind, sie hat viele dumme Sachen gemacht, so wie wir alle in ihrem Alter. Nur um sie herum lief diese Maschine, dieser ganze Zirkus. Ich konnte nicht glauben, dass niemand etwas unternommen hat. Immer wenn ich einen Film mache, frage ich mich: Was soll das Publikum fühlen, wenn es den Film sieht? Das war kein Film, wo man denkt "Oh, das ist aber traurig." Es war etwas anderes. Ich wollte, dass das Publikum wütend ist – und zwar auf verschiedenen Ebenen: Das Publikum soll wütend sein auf das, was ihr widerfahren ist, aber auch die eigene Schuld daran erkennen. Wir alle sind schuldig: das Publikum, die Medien, die Paparazzi. Sie war so ein leichtes Ziel. Und sie war einer der ersten Popstars, die unter dem digitalen Wandel litten: Wenn sie ein schlechtes Konzert gab, konnte es jeder sofort sehen und kommentieren. Sie hatte das Pech, ausgerechnet in einer Zeit zusammenzubrechen, als sich die Medien so stark verändert haben.

Also ist die Geschichte von Amy Winehouse eigentlich eine Geschichte über uns und unsere Zeit?

Als ich mit dem Film anfing, sagten alle Leute zu mir: Es ist zu früh dafür! Und das dachte ich selbst ja auch. Aber als ich dann anfing zu recherchieren, habe ich gemerkt, dass ihre Geschichte eine wirklich wichtige Geschichte über unsere Zeit ist. Und dann dachte ich: "Bin ich mit diesem Leben zufrieden? Bin ich glücklich mit dieser Gesellschaft?" Nein, war ich nicht. Ich bin ein Tagträumer. Ich weiß, es ist verrückt, aber ich mache einen Film und ich hoffe, dass die Leute ihn anschauen und dass sie der Film bewegt. Ich bin nicht glücklich darüber, wie wir mit Amy Winehouse umgegangen sind. Aber wenn auch nur ein Mensch sein Verhalten gegenüber dem nächsten Newcomer ändert oder wenn das Management sagt: "Du bist krank, du gehst nicht auf Tour!"... dann hat dieser Film etwas bewirkt. Wenn wir nichts sagen, wird sich nichts ändern!

Aber du hast auch Paparazzi-Aufnahmen im Film verwendet. Hast du dich damit nicht selbst zum Mittäter gemacht?

Vielleicht. Aber ich habe das Material aus einem anderen Grund verwendet. Nicht um Amy auszubeuten – sondern um sie besser zu verstehen. Das Material, das mich besonders beeindruckt hat, waren Aufnahmen, wo Amy die Menschen, die sie filmen, direkt anschaut. Sie sieht sie an und spricht mit ihnen. Und sie spricht auch mit uns, dem Publikum. Im Film passiert also Folgendes: Wir, die Zuschauer, werden zu ihren besten Freunden. Wir sind ihr Manager Nick Shymansky, wenn sie mit ihm flirtet. Wenn ihr Freund sie filmt, schaut sie uns an. Wenn sie auf der Bühne steht, schaut sie uns an und spricht mit uns. Wir filmen sie. Ich dachte, das ist eine interessante visuelle Reise: Wir lernen, was es bedeutet, von den Paparazzi angegriffen zu werden – ohne dass es kommentiert werden muss. Wenn man das nur von außen sieht, dann denkt man: "Ja, natürlich ist das schlimm." Aber wenn man mitten drin ist, dann fühlt man es auch.


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