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Games // Until Dawn Zum Sterben schöner Teenie-Schocker

Die Zicke, der Schönling, der Nerd. Anfangs liefert das Horror-Adventure lauter Klischees, mit Figuren wie Abziehbildern aus Teenie-Slashern. Aber dank perfekter Schock- und Ekelmomente man nicht mehr aufhören mitzufiebern.

Von: Franz Liebl

Stand: 24.08.2015

Josh muss echt eine Schraube locker haben. Da lädt er doch tatsächlich seine Freunde wieder auf dieses Anwesen in den Bergen ein. Ausgerechnet am Jahrestag der Tragödie. Das Jahr zuvor sind die beiden Schwestern von Josh nach einem Streit im verschneiten Bergwald verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Auch der erneute Ausflug endet in einem Desaster. Und was für einem! "Until Dawn" ist ein super Horrorgame! Man muss ihm aber ein wenig Zeit geben.

Strotzt anfangs vor Teenie-Slasher-Klischees.

Mindestens die erste Stunde war ich fast gelangweilt. Die acht Teenager auf Bergausflug sind nämlich dermaßene Abziehbilder aus sämtlichen Teenie-Slashern dieser Welt, von "Scream" über "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" bis "Wrong Turn". Der Schönling, die Zicke, die Nerds, die Prom-Queen – furchtbar, wie am Reißbrett und ich mag auch noch keinen einzigen von ihnen. Dazu kommt mir dieser typische Teenie-Slasher-Gedanke: "Warum zum Teufel gehen die alleine in diese verfallene Hütte rein, das macht man doch nicht!" Und die ein oder andere arg konstruierte Wendung ist auch noch dabei: "Scheiße, die hüfthohe Gartentür ist zu. Da kommen wir nicht drüber. Da müssen wir wohl wieder zurück in den gruseligen Wald."

Schockt mit perfekten Schreck- und Ekelmomenten.

Dann aber hat mich das Game für die restlichen etwa 8 Stunden gepackt wie noch was. Erst einmal, weil es super inszeniert ist. Der vom Sturm gezeichnete Wald, die modernden Hütten, die finsteren Keller und verlassenen Minen, es sieht einfach alles nur schrecklich toll aus. Vor allem im spärlichen Licht von Feuerzeugen, Taschenlampen und Fackeln. Richtig hell ist es hier nie.

Das ständige Halbdunkel allein macht mich schon mal fertig. Aber meine Neugier jeden Winkel auszuleuchten ist dann doch größer als mein Ekel und meine Angst. Dafür werde ich mit unzähligen Schreck- und Ekelmomenten abgestraft, was das Spiel jede Sekunde zum zerreißen spannend macht. Mehrmals habe ich abbrechen müssen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Ein Schocker, wie er besser nicht geht.

Lässt einen schnell heftig mitfiebern.

Und dann sind es tatsächlich die Charaktere, die mich fesseln, denn ich bin es, der den Teenie-Deppen Charakter verleiht und so wachsen sie mir ans Herz. "Until Dawn" ist ein interaktiver Film. Das heißt, ich spiele relativ wenig, ich steuere die Figuren von A nach B, dazwischen darf ich die Umgebung ein wenig untersuchen, manchmal gibt es kleine Reaktionstests. Das kennt man von "Heavy Rain" und vergleichbaren Games. Ich mache zwar nicht viel, aber wenn, dann sind es entscheidende Dinge. An vielen Stellen bestimme ich, was die Teenies sagen, was sie tun. Ich spiele Schicksal, auch ob sie die Nacht überleben werden. Da wird jede riskante Kletterpartie plötzlich zum Reaktionstest über Leben und Tod.

"Until Dawn" spielt außerdem mit dem "Butterfly Effect". Eine noch so unbedeutende Entscheidung am Anfang des Games kann sehr spät noch großen Auswirkungen haben. So hab ich zum Ende mit den Figuren mitgefiebert, als ob es meine eigenen Freunde wären - und war auch richtig mitgenommen, wenn jemand starb. Gut, dass ich es mehrmals spielen kann, um alle möglichen Verläufe der Geschichte zu sehen. "Until Dawn" ist einfach zum Sterben schön.

Until Dawn (Sony // für PS4 // USK: ab 18)


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