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Games // Her Story Ein spielbarer Krimi

Eine Videodatenbank durchforsten - das ist die Hauptaufgabe in "Her Story". Klingt staubtrocken. Ist es aber gar nicht. Selten hat ein Game mit so wenigen Mitteln eine derartige Spannung erzeugt.

Von: Franz Liebl

Stand: 10.07.2015

"Murder". Mord - mit diesem Wort beginnt "Her Story". Es steht in der Suchzeile eines Programms, das auf einem alten Röhrenbildschirm läuft. In dem Monitor spiegelt sich schemenhaft mein Gesicht. Wer ich bin? Das weiß ich nicht. Und vor allem: Wer hat wen ermordet? Die Antwort ist irgendwo in diesem Uraltrechner verborgen, an dem ich sitze. Versteckt in einem Videoarchiv bestehend aus über 230 kurzen Videoschnipseln. "Murder" also. Ich drücke auf Return und die ersten vier Videos erscheinen. Die Schnipseljagd geht los.

Echte Schauspielerin, echte Emotionen

"Mord, ja, es muss sich um Mord handeln," erzählt mir eine Frau im Verhör. Schon nach diesem ersten Video, das bloß sieben Sekunden dauert, bin ich voll im Ermittlermodus. Simon, ihr Mann, ist tot. Was ist passiert? Sie nennt Namen, die mir nichts sagen, und Orte, die ich nicht kenne. Also merke ich mir die Namen und gebe sie in die Suchleiste ein, zum Beispiel "Eric". Jetzt erscheinen alle Videos, in denen die Frau Eric erwähnt. Habe ich diese Videos gesehen, weiß ich, wer Eric ist, aber was hat es mit Diane auf sich? Also gebe ich "Diane" in die Suchleiste ein. Schnell stellt sich das Gefühl ein: Ich bin es, der hier die Fragen stellt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Nach und nach setzt sich so das Puzzle zusammen, ich tauche immer weiter in das Leben und die Psyche dieser Frau ein, und eine traurige, unerwartete Wahrheit kommt ans Licht. Oder ist es vielleicht doch ganz anders? Das Ende zumindest lässt Raum für Spekulationen.

"Her Story" spielt sich zwar komplett auf dem gekrümmten Röhrenbildschirm ab, aber es ist trotzdem sauspannend. Das liegt vor allem an der Schauspielerin Viva Seifert. Sie spielt die Frau in den Verhören. Ich sehe keine Pixelfigur, sondern einen echten Menschen und damit auch echte Emotionen: Angst, Trauer, Verstörung, Freude, Wut. Irgendetwas stimmt hier nicht, und das merke ich vom ersten Video an.

Ungewöhnlich erzählte Geschichte, außergewöhnliches Erlebnis

Manchmal wird das Spiegelbild auf dem Monitor deutlicher oder eine melancholische Musik setzt ein. Das sind kleine Hinweise des Games, dass ich gerade auf einer heißen Spur bin. Sonst aber bin ich voll auf mich allein gestellt. Ich kann einzelne Videos selber mit Begriffen taggen oder sie in eine Favoritenliste aufnehmen. Es ist aber vor allem mein Geschick für die richtigen Suchbegriffe, das mich in der Geschichte weiterbringt. Und das ist auch das, was den spielerischen Reiz ausmacht. Das bedeutet aber auch: Solide Englischkenntnisse sind Voraussetzung hier. "Her Story" ist einfach ein Erlebnis, ein spielbarer Thriller, der seine Faszination mit einfachsten Mitteln herstellt. Ein tolles Game.

Her Story (Sam Barlow // für iOS, Mac, PC)


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