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Games // Fallout 4 Ein Game im Kälteschlaf

Acht Jahre sind seit "Fallout 3" vergangen, einem der besten Rollenspiele ever. Seitdem haben sich Games erzählerisch massiv weiterentwickelt. Die "Fallout"-Reihe nicht. Enttäuschend - aber an Teil 4 kommt ihr trotzdem nicht vorbei.

Von: Franz Liebl

Stand: 16.11.2015

200 Jahre. So lange lag ich im Kälteschlaf, in diesem Atomschutzbunker tief unter der Erde, zusammen mit meiner besseren Hälfte und meinem Sohn Shawn. Wir haben die totale Vernichtung der Erde gerade noch so überlebt. Und das erste, was nach dem Aufwachen passiert? Ein dreckiges Narbengesicht tötet meinen Partner und entführt meinen Sohn. Den schnapp ich mir! Da muss ich sofort hinterher! Nur... diese verfallene Siedlung am Horizont würde ich davor gerne noch erkunden. Dieses alte Autokino sieht auch interessant aus. Und  den Ausblick von dem rotweißen Hochhaus muss ich unbedingt auch noch auschecken. Was war noch mal meine Aufgabe?

They call me the Wanderer

Es ist wie gehabt im Endzeit-Rollenspiel "Fallout": Keine zwei Stunden im Game werde ich schon zum Entdecker, streune neugierig durch die Welt und will einfach bloß alles sehen. Kein Wunder, dass einer der vielen Vorabtrailer zu "Fallout 4" mit dem Oldie "The Wanderer" unterlegt war. Diesmal macht es noch mehr Spaß als in den Vorgängern. Es vergeht kaum eine Minute, in der mir nicht etwas Interessantes unter die Augen kommt, was mich von dem ablenkt, was ich gerade vorhatte. Die spezielle "Fallout"-Mischung aus Entdecken, Rollenspiel und Ego-Shooter rockt nach wie vor hart. Die Grafik gewinnt zwar immer noch keinen Preis, aber die riesige Spielwelt hat wieder diesen morbiden Tschernobyl-Charme. Alles liegt gefährlich ruhig, halb kaputt in Schutt und Asche.

"Fallout 4" schwächelt allerdings erzählerisch. Die Hauptgeschichte um meinen entführten Sohn Shawn macht zwar durchaus Spaß: Sie ist eine Art apokalyptische Version des Sci-Fi-Klassikers"Blade Runner". Eine Detektivgeschichte über künstliche Intelligenz, Maschinen, die wie Menschen aussehen, und ob das überhaupt alles ethisch klar geht. Aber hinsichtlich Skript und Präsentation hat sich in den  acht Jahren seit "Fallout 3" leider kaum etwas getan - im Gegensatz zur restlichen Videospielwelt. Großproduktionen vom Kaliber  "Fallout" kommen meist filmreif daher. "Fallout 4" aber hat im Kälteschlaf gelegen wie seine Hauptfigur. Oft sind die Dialoge so holprig wie der Boden im Ödland Bostons steinig. Haupt- wie Nebengeschichten sind manchmal so unbeholfen erzählt wie erste Schreibversuche in der Grundschule. Die Charaktermodelle und ihre Mimiken sind ungelenk und wächsern. Da hätte ich mir nach so vielen Jahren einen Fortschritt erwartet.

Die Spielwelt fängt die Story-Schwächen locker auf

Sämtliche Kritik aber ist spätestens dann vergessen, wenn ich nach zig Stunden Spielzeit dann doch einmal durch das Waldstück neben meinem Haus streife und plötzlich hinter einer Lichtung einen verlassenen Steinbruch entdecke. Hier war ich noch nicht. Ob es hier Menschen gibt? Ghule vielleicht? Schätze? Schon hat es mich wieder voll in seinen Bann gezogen, dieses "Fallout 4".

Fallout 4 (Bethesda Softworks // für PC, PS4, Xbox One)


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