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Games // Everybody's Gone To The Rapture Endlich Ruhe!

Schauen statt schießen, spazieren statt springen, zuhören statt zuschlagen: "Everybody's Gone To The Rapture" macht vieles anders als andere Spiele. Ganz anders.

Von: Christian Schiffer

Stand: 16.08.2015

Mein Gott ist das schön hier! Die Bäume! Die Wolken! Die Betttücher, die an den Wäscheleinen sanft im Wind hin und her wiegen! Die kleinen Kringel, die der Regen auf die Oberfläche der pittoresken Binnengewässer zaubert! Ja, sogar die Dachziegel sind so schön, dass man kurz innehält, um sie genauer zu betrachten. "Everybody’s Gone To The Rapture" sieht so verdammt gut aus, dass es manchmal weh tut - und das Beste daran: Man ist hier ganz alleine! Keine nervenden Sidekicks, keine tumben Bösewichte, keine in der Gegend herumstehenden Charaktere, bei denen man sich irgendwelche Missionen abholen muss. Nein: Hier hat man seine Ruhe, denn "Everybody’s Gone To The Rapture" spielt nach der Apokalypse, die Menschheit ist weg. Warum, das findet man nach und nach heraus, indem man auf herumstehende Radios klickt oder seltsamen Lichtsäulen zuhört.

Schlendern, schauen und spazieren

Trifft man auf eine dieser Lichtsäulen, kann man einer Szene aus der Vergangenheit des Dorfes lauschen. Und zwar wirklich nur lauschen: Man kann keine Fragen stellen oder sonst wie eingreifen. Man kann generell nicht besonders viel tun hier in diesem beschaulichen Videospiel: Man kann nicht springen, keine Gegenstände aufnehmen, man kann nicht sprechen, nicht schießen und rennen kann man auch nicht, sondern nur gehen. "Everybody’s Gone To The Rapture" ist eben ein "Walking Simulator" und da geht man eben, man geht und geht und geht und geht, sieht, fühlt, taucht ein in die Atmosphäre, die von wunderbarer sphärischer Milchglasmusik untermalt wird – und legt so nach und nach die Geschichte frei. Denn so idyllisch, wie es scheint, ging es hier vor der Apokalypse nicht immer zu. Beim Zuhören erfährt man eine Menge über das ein oder andere Techtelmechtel.

Meisterwerk oder doch nur Esokitsch?

Die einen werden "Everybody’s Gone To The Rapture" für ein Meisterwerk halten, für ein Stück digitale Poesie und für ein dickes fettes "Fuck You" right in the face der immer gleichen, totgerittenen Gameplaykonventionen. Und die anderen? Die werden ins Koma fallen und anschließend Witze machen über die sedierende Wirkung dieses unfassbar langweiligen "Spiels". Keiner von beiden hat Recht: In seinen guten Momenten ist "Everybody’s Gone To The Rapture" tatsächlich eine wunderbar eindringliche Erfahrung. In seinen schlechten Momenten kippt das Spiel manchmal leider ein wenig ins Esoterische und fühlt sich an wie die digitale Entsprechung eines Seidenmalereikurses in Südengland. Trotzdem: So schön war sie noch nie, die Apokalypse.

"Everybody’s Gone To The Rapture", Download für PS4, ca. 20 Euro


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