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Buchautor Klaus Farin im Interview Frei.Wild als missverstandene Antifaschisten?

Klaus Farin hat Frei.Wild zwei Jahre lang begleitet und ein Buch über die umstrittene Band geschrieben. Darin erteilt er Frei.Wild eine weitgehende Absolution: Bei den Südtirolern handle es sich um "konservative Antifaschisten".

Von: Sammy Khamis

Stand: 22.04.2015

Philipp Burger von der Tiroler Band Frei.Wild vor der Messe Berlin, nachdem die Musiker vom Echo wieder ausgeladen wurden | Bild: picture-alliance/dpa

Sie polarisieren, so viel ist unbestritten. Alle anderen Meinungen über Frei.Wild gehen extrem weit auseinander. Nicht nur Internet-Trolle und andere Musiker bezeichnen die vier Männer als nationalistische Rechtsrock-Band. Auch Politiker wehren sich gegen Auftritte in ihrer Stadt. 2013 gab es wegen der Nominierung zum Musikpreis ECHO einen Shitstom und Frei.Wild wurden daraufhin von der Veranstaltung ausgeschlossen. Im folgenden Jahr wurden sie zwar wieder nominiert, sind aber aus Protest selbst zurückgetreten. Trotzdem oder gerade deshalb: Frei.Wild haben großen Erfolg im Business. Mit ihrem neuen Album stehen sie ganz oben in den Charts.

Klaus Farin hat die Band zwei Jahre lang begleitet, mit Fans gesprochen und darüber das Buch "Frei.Wild: Südtirols konservative Antifaschisten" geschrieben. In früheren Büchern hat er sich mit den Fans der Böhsen Onkelz, mit der Skinhead- und der Gothic-Bewegung beschäftigt. Er ist Mitgründer des Berliner Archivs der Jugendkulturen.

PULS: Klaus, du hast zwei Jahre Frei.Wild gehört und begleitet. Kannst du der Musik heute irgendetwas abgewinnen?

Klaus Farin: Ich bin ein linksorientierter Mensch, also kein Freund von Konservatismus. Ich mag pathetische Texte nicht. Heimatliebe und Patriotismus ist auch inhaltlich nicht mein Thema, vieles von dem, was Frei.Wild besingt, ist nicht meine Welt. Ich bin kein Christ, komme nicht aus einem Südtiroler Dorf. Aber das sind natürlich eher geschmäcklerische Sachen. Fundamentale Kritik habe ich eigentlich nicht. Ich war eher überrascht, wie offen sie waren.

Wieso wird Frei.Wild denn immer noch als Rechtsrock-Band bezeichnet?

Ein Grund, warum ich dieses Buch gemacht habe, ist, dass mich Mythen, Vorurteile und Klischees interessieren. Irgendjemand bringt etwas in Umlauf, dann sind alle empört, wollen dagegen unterschreiben - und keiner hat sich mit der Band beschäftigt. Eigentlich gibt es keinen objektiven Grund, Frei.Wild als Rechtsrock-Band zu bezeichnen. Das ist eine absolute Verharmlosung der neonazistischen Musikszene.

Der Sänger Philipp Burger hat aber gesagt, er hätte kein Problem mit Skinheads auf Konzerten - sie müssten sich nur gut aufführen. Wie geht das zusammen?

Das Zitat stammt aus einem Interview und ist ein halbes Jahrzehnt alt. Die Praxis sieht anders aus. Eine sehr strenge Security achtet darauf, dass Konzertbesucher mit einschlägiger Bekleidung oder Labels überhaupt nicht erst in die Halle reinkommen. Die haben da einen strikten Katalog. Bei der letzten Tour waren das zwei oder drei Seiten. Wenn im Saal selbst etwas passiert - wenn Leute beispielsweise rechte Sprüche brüllen - greift die Security sofort ein. Das war früher anders. Noch vor sechs oder sieben Jahren hat die Band das nicht gemacht. Diese Veränderung ist sicherlich auch dem öffentlichen Druck geschuldet.

Trotzdem finde ich das nicht unglaubwürdig. Wenn man sich ausführlich mit den Bandmitgliedern unterhält, vertreten sie die Meinung: Klare rechte Positionen oder Symbole gehen gar nicht. Ihnen ist bewusst, dass auch rechte Leute im Publikum sind, rechts im weitesten Sinne. Die gibt es aber wahrscheinlich auf jedem Konzert dieser Größe. Szeneleute finden fast nie den Weg dahin, das sind rechts-orientierte Menschen. Und wenn diese Leute zum Konzert gehen, gibt es eine Chance, dass sie sich aus dem rechten Millieu wegentwickeln. Denn dort werden Nazis beschimpft und Texte gesungen, die für Toleranz einstehen.

Glaubst du daran, dass Frei.Wild-Songs ernsthaft jemanden aus der rechten Szene holen können?

Das kann keine Band. Aber wenn jemand schon auf dem Weg ist, seine Meinung zu ändern, dann setzt er gerne Musik ein, um seine Meinung zu bestätigen. Man sieht, es gibt andere Leute, die genauso denken wie ich.

Nachdem ich mein Skinhead-Buch veröffentlicht habe, habe ich dutzende Briefe bekommen mit dem Tenor: Nach dem Buch bin ich aus der rechten Szene ausgestiegen. Das ist natürlich Quatsch. Eigentlich haben sie sich in ihrer Szene schon nicht wohl gefühlt. Durch das Buch haben sie nur den letzten Kick bekommen, sich einer anderen Szene zuzuwenden.

Die ganzen Leute, die Frei.Wild als Rechtsrock-Band bezeichnen: Wovor haben die mehr Angst? Vor der Band oder vor 40.000 Fans, die "Heimat Heimat" in verschiedenen Hallen mitsingen?

Wenn man einen Song hat und drei Leute nach der Bedeutung fragt, zieht jeder etwas anderes daraus. Im Extremfall sieht der eine in ihm die Notwendigkeit zum linken Widerstand, der andere zum rechten, der dritte findet einfach nur den Text cool. Rockmusik lebt davon, dass die Texte ambivalent sind. Jeder kann seine eigene Geschichte da hineinlesen. Das funktioniert bei Bruce Springsteen, genau wie bei den Toten Hosen. Frei.Wild geben auch keine eindeutige Richtung vor. Außer, dass sie immer wieder betonen: Wir sind für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Das finde ich gut und wichtig. Die Fans, von denen ich 4.000 befragt habe, haben ganz unterschiedliche Positionen daraus gezogen.

Ich hatte angenommen, dass die Band sehr patriotisch ist. Auch, wenn das medial sehr überschätzt wird, denn das sind nur wenige Lieder. Da grölen dann mal 40.000 Fans "Heimat" mit, aber die grölen eben auch "Nazis raus". Darüber wird nur weniger berichtet. Ich hatte bei den Befragungen auch Fans, die gesagt haben, dass sie sich aufgrund der Texte von Frei.Wild mit Patriotismus auseinandergesetzt haben und das Thema jetzt noch kritischer sehen als früher. Das ist vielleicht nicht im Interesse der Band, aber es ist auch eine Wirkung. Es hängt also immer vom Konsumenten ab, was er aus den Texten macht.

Gerade läuft in Hamburg wieder eine Petition gegen ein Frei.Wild-Konzert. Was hälst du davon?

Ich bin generell gegen Konzertverbote. Zensur hat in der Demokratie nichts zu suchen. Demokratie besteht auch darin, dass Idioten ihre Meinung haben dürfen und dass alles gestattet ist, so lange man andere nicht bedroht. Demokratie funktioniert nur, wenn sich der Bürger mit solchen Themen auseinandersetzt. Und bei Frei.Wild gibt es keinen Anlass, Konzerte zu verbieten, weil es eben keine rechtsextreme Band ist. Und die Begründung der Petition ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Klischees.

Nach all den Gesprächen - was ist die größte Kritik an der Band, die du üben kannst?

Ich musste lernen, dass Heimatliebe und Regionalpatriotismus groß im Kommen sind.  Das habe ich in meinen Gesprächen mit der Band, aber auch mit den Fans gemerkt. Trotzdem sind das keine Nationalisten. Nach wie vor sehe ich da ein Risikopotential - denn der Weg vom Patriotismus zum Nationalismus und Rassismus ist nicht so weit. Das finde ich persönlich nicht sympathisch. Bei der überwiegenden Mehrheit der Frei.Wild-Fans wird dieser Weg aber nicht gegangen, sie distanzieren sich glaubwürdig vom Rechtsextremismus und begreifen sich dennoch als Patrioten.

Auf YouTube finden sich nach wie vor absolute Neonazi-Song-Klassiker. Stört dich das? Oder sollte man dagegen vorgehen?

Es stört mich natürlich, dass es überhaupt Neonazis, Rassisten und Homophobe gibt auf der Welt. Aber dieses Phänomen bekommt man nicht durch Verbote oder Zensur in den Griff, sondern ausschließlich durch Bildung, Diskussionen und Auseinandersetzung. Und dadurch, dass die Zivilgesellschaft reagiert. Auch mit Ausgrenzung. Da muss man klar machen: Nazis können nicht meine Freunde sein.


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Skaestro, Samstag, 25.April, 11:40 Uhr

15. Ich weiß ja nicht.

Natürlich muss man sich mit dieser "Band" auseinandersetzen, so undurchsichtig wie das Herr Farin aber macht, spricht ehrlich gesagt nicht für seine Erfahrung. Burger sagt er sei aus der rechten Szene ausgestiegen, zugleich spielt er aber heute noch immer einen nicht gerade unpolitischen Song namens "Südtirol". Ein Song, der während Burgers "dunklen" Zeit enstanden ist, sollte meines Erachtens nicht mehr im Repertoire sein, im Gegenteil, er sollte sich wirklich davon distanzieren. Auch seine Zeit bei den Freiheitlichen beendete er vom Management geraten aus Imagegründen, wirklich distanziert hat er sich vom Inhalt dennoch nicht. Ich finde es mehr als bedenklich, wenn ein ehemaliger Rechtsextremer nun auf gemäßigten Patrioten macht, der sich gleichzeitig aber als unpolitisch ansieht (Patriotismus ist nicht unpolitisch). Vielmehr verursacht Frei.Wilds Nationalstolz eine Legitimierung des Nationalismus, der gerade europaweit viele Freunde findet und deutlich negativer ausfällt.

Jesse James , Samstag, 25.April, 08:27 Uhr

14. Ja sie können

Ja diese Band kann und hat mich aus einer Perspektive geholt die mir so noch nicht klar war. (Rechts)

Christian, Freitag, 24.April, 15:08 Uhr

13. Wunderbar

Herr Farin, Sie sind der erste Linksorientierte, der die Band so sieht, wie sie ist.
Vieles von dem, was Sie gesagt haben, konnte ich selbst in ähnlicher Form auch feststellen.

Danke dafür. Das Buch fällt auf jeden Fall auf die Kaufliste für die nächsten 2 Monate bei mir.
Bleibt nur zu hoffen, dass Ihre Lektüre auch bei den meisten Menschen ankommt. ;-)

HHbrauchtFreieMeinungsäußerung, Donnerstag, 23.April, 21:01 Uhr

12. Guter Mann, der Farin!

Herr Farin begleitet verschiedenste Jugendkulturen seit fast 30 Jahren. Er ist einer der ganz wenigen Medienschaffenden, die sich mit Themen wirklich intensiv beschäftigen. Daher sollte man dieses Interview aufmerksam lesen & die Meinung von Herr Farin ernst nehmen.
Leider ist es heute attraktiver eine ungefilterte Meinung in die Welt zu posaunen (Bild, Spiegel, Taz, Frankfurter, NDR...etc.), die billiger, aber extrem lukrativ ist, als sich intensiv & fair mit Inhalten auseinander zu setzen.
Noch ungläubiger stehe ich dem Phänomen der heutigen "Protest"bewegung gegenüber. Da haut irgendeine Medienplattform etwas über bspw. Frei.Wild raus & es entwickelt sich eine Anti.Frei.Wild Bewegung!
Wenn ihr die Kraft und das Organisationstalent besitzt Molotowcocktails gegen Bandbusse zu schmeißen und Mahnwachen zu organisieren, dann ist es euch auch möglich eure Kraft in wirklich wichtige Belange der Gesellschaft zu investieren. Nur das wäre sinnvoll und würde etwas verändern.
Denken hilft!

Nanu, Donnerstag, 23.April, 19:27 Uhr

11. Toleranz hört da auf wo Schmerzen anfangen.

Hab mir alle Alben angehört und die meisten besitze ich auch. Auf den meisten Alben gibts 3/4 der Songs die wirklich gut sind und der Rest geht so. Es gibt von denen kein Album was absolut Schrott ist. Ich bin auch bekennender Ärzte und Hosen Fan, welche aber Alben raus gehauen haben worüber ich mich echt ärgere das ich dafür Geld bezahlt habe. Frei Wild hat mittlerweile aussagekräftigere Songs wie die anderen Bands zusammen. Der neue Song weil ihr gerne Kriege führt ist der absolute Knaller und würde auch platzt in der Flower Power Generation finden.
Toleranz und Integration haben sie schon immer bewiesen, was sie auch in alten Tagen in Ruppichteroth nach gemeinsamen Auftritten mit Kärbholz ausstrahlten wenn man mit den Jungs noch das eine oder andere Bierchen geschlabbert hat.