Neonazi-Webserie vom ZDF Drei Gründe, "Familie Braun" zu schauen, auch wenn alle schimpfen

Zu platt? Zu blöd? Von wegen! Die vom ZDF produzierte Neonazi-Webserie "Familie Braun" hat einen internationalen Emmy gewonnen – obwohl sie bei uns ganz schön viel Kritik einstecken musste.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 16.02.2016

Familie Braun | Bild: ZDF // C.Pausch Fotografie

Die PULS Webserie "MANN/FRAU" von und mit Christian Ulmen kam wahnsinnig gut an - jetzt zieht das ZDF nach. "Familie Braun" über eine Nazi-WG steht seit ein paar Tagen komplett im Netz - und wird von Kritikern ganz schön getreten. "Hintersinnig, historisch versiert, schauspielerisch überzeugend - nichts davon ist 'Familie Braun', sondern eine unfassbar platte Comedy-Serie" - das schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Und der Spiegel setzt noch einen drauf: "'Familie Braun' ist im Sinne einer Abfolge nächstliegender Pointen 'witzig'. In knapp fünf Minuten wird keine Aufmerksamkeitsspanne überstrapaziert." Dabei ist die Serie gar nicht so schlecht, wie die Kulturkritiker behaupten. Unsere drei Gründe, sich "Familie Braun" anzugucken.

Grund 1: Das ZDF kann doch Internet

Schauspieler Vincent Krüger in "Familie Braun"

Also, wenn es will. Genau das, was die Kritiker bemängeln, ist nämlich die eigentliche Stärke von "Familie Braun": Die Episoden sind auf knapp sechs Minuten komprimierte Pointengewitter, perfekt geeignet für YouTube. Die Charaktere - der trottelige aber einfühlsame Thomas Stahl, sein Mitbewohner, der radikale und strunzdumme Kai Stahl sowie Thomas' naive, unbedarfte Tochter Lara. Dabei bleiben die Charaktere genauso flach, wie die Attribute, die sie beschreiben - und das muss auch sein, denn die Figuren dienen allein der völlig absurden Handlung. Angefangen bei Lara, die von den beiden Nazis in der Serie konsequent "Negerkind" genannt wird, und die eigentlich nur dazu da ist, die fragwürdige Weltsicht der beiden zu entblößen. Eine halbstündige Qualitätsserie würde so nicht funktionieren - für eine knackige Youtube-Satire ist diese Art der Erzählung allerdings genau richtig. Dazu kommen zwei Hauptdarsteller, die nicht nur tolle Schauspieler sind, sondern im Netz auch nicht wirken wie Aliens: Vincent Krüger aus "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" und sein Kumpel Edin Hasanovic, der gerade erst mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde. Ganz zu schweigen von einer ganzen Armada an YouTube-Stars, die in der Serie Gastauftritte haben und zusammen mit Manuel Meimberg, dem Macher der Serie, und den Usern über "Familie Braun" diskutieren.

Grund 2: Hier regiert der Mittel- statt der Zeigefinger

"Achtung, Nazis sind auch unfassbar lächerlich!"

"Familie Braun" ist anarchisch und politisch unkorrekt. Und zwar gleich so krass, dass wahrscheinlich jeder ZDF-Zuschauer kurz schockiert überlegen musste, ob er noch auf dem richtigen Kanal guckt. Ganz anders als viele Nachrichtensendungen, Talkshows und Dokus richtet sich "Familie Braun" nicht mit einem gefühlten Zeigefinger an die Zuschauer, sondern mit einem ganz offensichtlichen Mittelfinger: "Nicht Achtung, Nazis sind gefährlich!" - sondern: "Achtung, Nazis sind auch unfassbar lächerlich!" Stahl und Braun randalieren in einem ehemaligen Flüchtlingsheim, basteln Hitler-Jute-Beutel mit "deutschen" Kartoffeln und sind noch dazu in betrunkenem Zustand so unzurechnungsfähig, dass sie mit einer geflüchteten Frau aus Eritrea bei einer Nazi-Demo ein Kind zeugen. Das ist natürlich nicht realistisch - das ist Nazidummheit auf die Spitze getrieben. Und man kann das für die Thematik zu krass und mitten in der Flüchtlingssituation auch unpassend finden. Aber statt Nazis zu verharmlosen, macht "Familie Braun" sie zu austauschbaren Pappfiguren, die gar nicht wissen, wogegen sie eigentlich genau sind - und warum. Und über die man genau deshalb lachen sollte.

Grund 3: "Familie Braun" entlarvt falsche Toleranz

Die zwei Protagonisten

Es fällt schwer, die beiden Protagonisten der Serie nicht zu mögen, denn eigentlich sind sie ziemlich sympathische Vollhonks - und das kann man durchaus kritisch sehen. Aber diese Sympathie ist auch entlarvend, wenn einem auffällt: "Hey, der Typ ist zwar Rassist - aber eigentlich ganz in Ordnung". Denn genauso läuft’s im Alltag, wo Freunde, Familie und Nachbarn das Verhalten von Nazis oft verharmlosen. Genau dieser Moment der Selbstreflexion macht die Serie sogar noch sehenswerter, weil sie dem Zuschauer den Spiegel vorhält.

Die komplette Serie auf YouTube: