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Doku "The Wolfpack" Wie man die Welt sieht, wenn man sie nur aus Filmen kennt

Sechs Brüder werden von ihrem Vater 14 Jahre lang in einem Apartment in Manhattan gefangen gehalten. Ihr einziges Fenster zur Außenwelt sind die tausende Filme, die sie über die Jahre schauen. Wir haben ein paar ihrer Lieblingsfilme dem Realitätscheck unterzogen.

Von: Franziska Gromann

Stand: 16.02.2016

The Wolfpack | Bild: http://www.thewolfpackfilm.com/

Stellt euch vor, ihr habt eure gesamte Kindheit und Jugend innerhalb der vier Wände der Wohnung eurer Eltern verbracht. Eine absurde Vorstellung - aber nicht unmöglich: In der Doku "The Wolfpack - Mitten in Manhattan“ stellt die Filmemacherin Crystal Moselle sechs Brüder vor, denen es genau so erging. Der Vater, Anhänger einer Hare-Krishna-Sekte, wollte seine Frau und Kinder vor der gefährlichen Außenwelt schützen - und sperrte sie in ihrem Apartment ein, zu dem nur er den Schlüssel hatte. Und das Ganze ausgerechnet in New York, der Stadt, die für ihren Trubel und das Menschengedränge berühmt ist - nicht nur aus Filmen.

Ein Fenster zur Außenwelt öffneten den Angulo-Brüdern ausschließlich Filme. Zusammen schauten sie tausende Filmklassiker aus der DVD-Sammlung ihres Vaters, schrieben eigene Filmskripte, drehten sie in der Wohnung nach und erweckten mit einfachsten Mitteln auf engstem Raum ungefähr die letzten 70 Jahre amerikanischer Filmgeschichte wieder zu neuem Leben. Heute sind die Brüder frei und stehen nicht nur wegen ihrer Geschichte, sondern auch als Filmexperten im Rampenlicht. (Ihre Lieblingsfilme könnt ihr auf Reddit nachlesen.) Aber was für ein Weltbild hat man eigentlich, wenn man die Welt nur aus Filmen kennt? Wir haben uns ein paar der Lieblingsfilme des "Wolfpacks" genauer angeschaut.

"Der Pate" (Teil 1 und 2)

Was uns der Film über die Welt sagt: Schießereien sind in New York an der Tagesordnung. Die Stadt ist grundlegend böse und gefährlich.

Wie es in echt aussieht: Ein Moloch ist New York auf jeden Fall. Aber es gibt ja auch schöne Ecken und Millionen Menschen verbringen hier ihr Leben ohne größere Schwierigkeiten (abgesehen von Schneestürmen und U-Bahn-Defekten). Es stimmt schon: Schießereien kommen hier ab und zu vor. Aber nicht an jeder Ecke und auch keine exzessive Straßenschlachten wie in Francis Ford Coppolas Mafia-Epos. Man kann das Haus also auch mal verlassen ohne erschossen zu werden.

"Halloween - Die Nacht des Grauens"

Was uns der Film über die Welt sagt: Maskieren ist zwar etwas bizarr, aber kommt vor.

Wie es in echt aussieht: In vielen Filmen spazieren Maskierte einfach so durch die Gegend und es interessiert eigentlich niemanden - das ist schon etwas bizarr, verglichen mit der Realität. Im Horrofilm "Halloween" überträgt die Maske auch noch besondere Kräfte auf den Träger. Deshalb zieht sich Mukunda Angulo, einer der Brüder, bei seinem ersten heimlichen Ausflug in die Realität dann auch eine Maske im Michael-Myers-Style über, wie er in der Doku erzählt. Vielleicht, um dessen beinahe magische Unsterblichkeit zu besitzen? Total überraschend für Mukunda rufen Passanten dann aber die Polizei, als sie ihn in diesem Aufzug sehen.

"Reservoir Dogs"

Was uns der Film über die Welt sagt: Rauchen ist cool. Und Killer sind humorvolle, coole Menschen.

Wie es in echt aussieht: Als typischem 90er-Film wird in Reservoir Dogs wirklich viel geraucht. Wer nun also keine Nachrichten schaut und nicht in öffentlichen Gebäuden abhängt, kann schnell mal verpassen, dass es inzwischen sowas wie Nichtraucherschutz gibt. Der coole Look der Ganoven von "Reservoir Dogs" scheint‘s den Jungs vom "Wolfpack" angetan zu haben - sogar auf dem Plakat zu ihrer Doku sind sie entsprechend gestylt (siehe oben) - mit Anzug und Sonnenbrillen. Die zynischen Witze haben sie aber zum Glück noch nicht übernommen.

"Batman - The Dark Knight"

Was uns der Film über die Welt sagt: Verrückte Technologie kommt nur im Film vor.

Wie es in echt aussieht: Viele Gadgets, die in älteren Filmen als Science-Fiction gezeigt werden existieren heute tatsächlich. Aber wenn man weder einen Computer noch ein Handy besitzt und nicht weiß, wie das Internet funktioniert - woher sollte man da wissen, dass keine der verrückten Technologien reine Film-Spielereien sind? Genau diese Erfahrung machen auch die Angulo-Brüder nach ihrer Befreiung: Eine Therapeutin konfrontiert Mukunda Angulo mit der Technologie des 21. Jahrhunderts. Er bekommt seine erste eigene E-Mail-Adresse - und weiß erstmal rein gar nichts damit anzufangen.

"Vom Winde verweht"

Was uns der Film über die Welt sagt: Frauen sind WIRKLICH komisch.

Wie es in echt aussieht: Ein großer Klassiker des amerikanischen Kinos - und einer der absoluten Lieblingsfilme der Angulo-Brüder - ist diese Geschichte um Liebe, Tod, Verrat, Sklaverei, Familiendramen und rauschende Feste. Mindestens genauso berühmt ist die Protagonistin Scarlet - eine ins Korsett eingeschnürte Frau, die sich nach dem Zufallsprinzip ver- und entliebt und insgesamt psychisch ziemlich labil erscheint. Keine wirklich realistische Darstellung einer Frau - vor allem für eine Gruppe Jungs, die außer zu Mutter und Schwester keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht haben. Deshalb können sich manche der Brüder immer noch eher eine Zukunft als Einsiedler vorstellen als eine Beziehung.

"The Wolfpack - Mitten in Manhattan" ist am 14. Februar auf DVD erschienen.


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