Adpocalypse Wie YouTube das Internet langweiliger macht

YouTuber sind seit Monaten in Aufruhr, ein Update bringt keine Verbesserung – die Demonetarisierung straft alle ab, die ansatzweise anstößigen Content produzieren. Geht das so weiter, wird YouTube bald ziemlich langweilig.

Von: Cosima Weiske

Stand: 06.12.2017

Illustration: Jemand weißt gewalttätige Symbole ab  | Bild: BR

Was haben die Marmeladen-Oma, Gronkh und Hiphop.de gemeinsam? Alle drei sind auf YouTube. Und alle drei sind von der Demonetarisierungswelle auf Youtube betroffen. Diese Demonetarisierung bringt einige YouTuber seit Anfang 2017 um ihr Geld. YouTube findet nämlich, dass bestimmte Themen wie Sex, Rap und sogar die Märchenvideos von der Marmeladen-Oma "nicht werbefreundlich“ sind. Da reicht schon mal der Begriff 'gay' oder 'refugee' im Titel, und zack, gibt‘s keine Werbung mehr – und damit weniger Geld für die Macher der Videos.

Weniger Werbung – ist doch eigentlich geil?

OK, denkt ihr euch jetzt vielleicht,  dann gibt‘s halt weniger Werbung auf YouTube… was geht mich das an?  Das ist wichtig, weil in den Kanälen ziemlich viel Arbeit steckt. Was das bedeutet, erklärt Toxik von Hiphop.de:

"Wir haben den YouTube-Kanal seit zehn Jahren, wir haben über eine halbe Millionen Abonnenten und wir veröffentlichen mehr als ein Video pro Tag. Videoproduktion ist nicht unaufwendig."

Toxik von Hiphop.de

Wenn jetzt auf einmal diese ganzen Videos als nicht mehr werbefreundlich gelten, ist das natürlich nicht so geil für die Macher…

"(…) deshalb ist das natürlich demotivierend und alles andere als ein gutes Gefühl, wenn einem da plötzlich so superradikal die Umsätze wegbrechen. Vor allem, wenn einem das dann auch deutlich macht, wie abhängig man da ist."

- Tobias Kargoll alias Toxik von HipHop.de

Heißt im Klartext: Wenn das mit der Demonetaridings so weitergeht, wird YouTube bald ziemlich langweilig. Für Dagi und Bibi ist das womöglich kein so großes Problem, die haben ihre Werbedeals auch anderswo am laufen und sind nicht so abhängig von den YouTube-Werbeeinahmen. Aber Kanäle mit Themen wie Gaming, HipHop, Sexualität - sogar wenn’s nur um Aufklärung geht -  sowas mögen die Werbekunden angeblich nicht und deswegen markiert YouTube diese Videos seit einer ganzen Weile als "nicht werbefreundlich". Auch bei Stichworten wie 'Rassismus' und 'Flucht' schlägt der Algorithmus zu. Explizit werden in den YouTube-Richtlinien "politische Konflikte, Terror, Extremismus, Tod und Tragödien" als nicht werbefreundlich genannt. Davon will sich Toxik von Hiphop.de aber nicht abhalten lassen:

"Wenn's jetzt irgendwas aus dem ganzen Themenfeld Rassismus, Flucht, Migration und so weiter wäre - was im HipHop ein großes Thema ist -  auf gar keinen Fall würde ich darauf verzichten wollen, das zu machen. Da würde ich dann im Zweifelsfall auch sagen, ja gut, dann wird das halt eben auf YouTube im Zweifelsfall nicht monetarisiert, aber wir machen's trotzdem. Die Gefahr ist auf jeden Fall da, so dieses Schere-im-Kopf-Ding."

Tobias Kargoll alias Toxik von Hiphop.de

Ist eine Verbesserung in Sicht?

Ende Oktober hat YouTube seinen Algorithmus zwar nachgebessert - trotzdem, die meisten YouTuber müssen sich immer noch sehr genau überlegen, worüber sie in Zukunft Videos machen. Selbst, wenn ihnen die Kohle egal ist – der neue Algorithmus kostet sie auch Reichweite. Das Gefühl hat zumindest Rob, der den YouTube-Kanal Gameomat betreibt.

"Die Videos werden aus der Verbreitung genommen. Das haben mir auch schon andere Leute geschrieben und ich hab da auch schon Tweets gelesen, wo Leute etwas sehr, sehr ähnliches geäußert haben: Dass sie das Gefühl haben, immer wenn das Video demonetarisiert wird, gehen die Views runter, weil das Video eben nicht mehr vorgeschlagen wird."

Rob (Gameomat)

Rob macht auf seinem Kanal oft Videos über Horrorgames und Spiele, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Damit muss er sich jetzt zurückhalten - oder eine werbefreundliche Fassung mit Katzenbildern basteln, weil er eben nicht weiß, bei welchem Spiel der Algorithmus als nächstes zuschlägt. Trotz des Updates. Gleichzeitig schaltet YouTube selbst aber auf seine freigegebenen Videos Werbung für USK-18-Games. "Genau mein Humor", scherzt Rob. Auch Blogs und werbefinanzierte Online-Magazine sind von dieser ganzen Entwicklung betroffen: Denn die neuen Richtlinien gelten auch für Google-Werbung, schließlich gehören YouTube und Google zum gleichen Mutterkonzern.

Natürlich werden Gameomat und auch Hiphop.de weiterhin ihr Ding machen, auch wenn sie mal was ausbleepen oder hinter süßen Katzenbildern verstecken müssen. Eines ist allerdings klar: Wenn sich mit dem ganzen Aufwand kein Geld und keine Reichweite mehr erzielen lassen, dann haben besonders neue YouTuber bald keinen Bock mehr, auf interessante Themen zu setzen. Dann gibt es auf YouTube bald nur noch familienfreundlichen Content, DM-Hauls und Contouring-Tutorials.

Disclaimer: Die Google-Pressestelle war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags nicht für ein Statement erreichbar.

Sendung: Netzfilter, 02.12.2017 ab 12 Uhr