So unterschiedlich denken Europäer darüber Wo fängt sexuelle Belästigung an?

Diese Frage haben Menschen in sieben europäischen Ländern beantwortet. Das Ergebnis: Wir Deutschen sind bei dem Thema sexuelle Belästigung nicht sehr sensibel - anders als beispielsweise Franzosen oder Schweden. Nur warum?

Von: Kevin Ebert

Stand: 09.11.2017

Sexuelle Belästigung | Bild: BR

Habt ihr euch während der aktuellen Debatte um sexuelle Belästigung mal gefragt, ob ihr euch immer korrekt verhalten habt? Ob ihr vielleicht doch einmal euer Gegenüber zu offensiv angetanzt oder vollkommen unangemessen angeflirtet habt? Für eine klare Antwort müsste aber erst einmal geklärt werden, wann sexuelle Belästigung genau anfängt.

Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat sich mit damit beschäftigt und Männer und Frauen in sieben europäischen Ländern gefragt – in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. Das Ergebnis: Sexuelle Belästigung ist nicht gleich sexuelle Belästigung. Zumindest werden Situationen von den Befragten in den verschiedenen Länder unterschiedlich eingeschätzt.

Interessant wird es bei vermeintlich harmlosen Situationen

Bei krassen Handlungen wie "ein Mann fotografiert einer Frau unter den Rock" oder "wenn ein Mann vor einer Frau seine Genitalien entblößt", sind sich alle Nationen einig: absolutes Unding! In jedem Land definieren das mindestens 90 Prozent als sexuelle Belästigung.

Interessant wird es aber, wenn man sich die Einschätzung vermeintlich harmloser Situationen ansieht. Während acht von zehn Briten fest davon überzeugt sind, dass es bereits sexuelle Belästigung ist, eine Frau auf einer Party mit Körperkontakt anzutanzen, sind die Deutschen hier nicht so sensibel. Nur die Hälfte findet das schlimm.

Die Hälfte der Schweden hingegen hält es zum Beispiel für ein No-Go, wenn ein Mann einer Frau auf die Brüste schaut. Franzosen reagieren besonders sensibel auf einen Mann, der einer Frau seinen Arm um die Taille legt. Die meisten Briten finden Männer, die vor Frauen sexuelle Witze machen, überhaupt nicht komisch. Die YouGov-Studie zeigt klar, die anderen befragten Nationen haben eine engere Definition von sexueller Belästigung als wir - nur Dänen sehen es ähnlich locker.

Warum sind die Deutschen so unsensibel?

Eine Erklärung ist, dass das deutsche Sexualstrafrecht lange Zeit nicht ausreichend war, sagt Katharina Wagner von der Uni Würzburg. Sie beschäftigt sich intensiv mit sexueller Gewalt: "Sexuelle Gewalt gegen Frauen wurde sehr lange bagatellisiert und unsichtbar gemacht", sagt Wagner. Erst nach der sogenannten Kölner Silvesternacht hat der Gesetzgeber reagiert und den "Vergewaltigungsparagraphen" angepasst. Stichwort: "Nein heißt nein" - ein einziges Wort genügt seitdem, um von Vergewaltigung zu sprechen. Vorher musste ein Opfer mit Gewalt oder Gewaltandrohung zum Sex gezwungen werden, damit das vor Gericht anerkannt wurde.

Das ist aber nicht der einzige Grund: "In Deutschland werden sexuelle Übergriffe als normal wahrgenommen, vor allem wenn sie sich im Alltagsleben abspielen. Das hat viel mit Sozialisation und kulturellen Aspekten zu tun", sagt Wagner. Sie ist sicher, wer nicht über sexuelle Übergriffe redet, der verhindert damit, dass Menschen – Männer und Frauen – sich trauen laut "Nein" zu sagen. Wir müssen aufhören sexuelle Belästigung klein zu reden.

Bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Debatte rund um #metoo das ändert. Nicht nur kurzfristig, sondern auf Dauer!

Sendung: Filter vom 9.11.2017 - ab 15 Uhr