Achtung, Emotionsexplosion! Wie ich meinen Bruder nach 20 Jahren über Facebook fand

Den echten Namen bei Facebook angeben müssen? Fand ich bis jetzt blöd. Doch ausgerechnet die verhasste Klarnamenpflicht hat dazu geführt, dass ich meinen kleinen Bruder, nach 20 Jahren Suche, in London ausfindig machen konnte.

Von: Schlien Schürmann

Stand: 20.11.2017

Grafik mit einer weißen Lupe auf blauem Hintergrund, in der Lupe sieht man einen Stammbaum mit zwei Personen, eine davon mit Fragenzeigen versehen | Bild: BR

Mein Leben ist eine einzige Recherche. Vermutlich ist auch das der Grund, weswegen ich Journalistin wurde. Seit ich das erste Mal im Internet war – damals auf der Lycos Seite – tippte ich den Namen meines Vaters ins Suchfeld. Wer kann sich schon an seinen ersten Suchmaschinen Begriff erinnern? Ich kann es. Ich hatte nie Kontakt zu meinem Vater und wusste nur schemenhaft seit meiner Teenagerzeit, dass er offenbar in den 90ern eine neue Familie in England gegründet hatte. Ich wollte sie kennenlernen. Machte mich über Ämter und Telefonbücher auf die Suche nach ihnen. Leider erfolglos.

Wie ein zusammengestürztes Kartenhaus

Mit 21 Jahren fand ich heraus, dass mein Vater 1995 bereits gestorben war. Das war ein Schock. Mein Leben fiel regelrecht zusammen wie ein Kartenhaus. Mein Denken, mein Handeln, alles war darauf ausgerichtet eines Tages vor meinem Vater zu stehen, ihm zu erzählen, wer ich bin, was ich so tue. Englisch lernen beispielsweise hatte für mich ab der 5. Klasse höchste Priorität. Und plötzlich der Schlag in die Magengrube. Das würde alles niemals passieren. Es ist zu spät. Ich war zu langsam. Das Gefühl des totalen Versagthabens. Alles schien plötzlich so unendlich sinnlos. Es war alles umsonst. Die kommenden Monate verkroch ich mich in einem emotionalen Loch und wusste nicht weiter. Irgendwann aber regte sich dann doch zaghaft wieder die Neugier. Was war mit dem Rest der Familie? Zwei weitere Kinder soll er nach mir noch gehabt haben, mein Vater, einen Jungen und ein Mädchen. Nur wo? Wie spannend wäre es, Geschwister zu treffen. Vielleicht wären wir uns ähnlich? Welche Geschichten wir uns wohl zu erzählen hätten? Welche Erinnerungen haben sie wohl an unseren Vater? Wie spannend wäre es wohl, mit echten Geschwistern über all diese Fragen, die sich mein Leben lang angesammelt hatten nachzudenken.

Endlich gibt es Internet!

Ich hatte also das Bedürfnis meine Suche fortzusetzen. Über Onkel und Tanten ließen sich wenigstens die Namen herausfinden und dass sie vermutlich in London lebten. Die Suche ging weiter. Jetzt schon mit technologischem Fortschritt, dem Internet. Wobei das nicht unbedingt leichter wurde. Mein Bruder heißt zwar genauso wie mein Vater – am Suchbegriff an sich änderte sich also nichts – aber es ist ein verdammter britischer Allerweltsname. Da hätte ich auch genauso gut nach Daniel und Anna Meier in Berlin suchen können.

2009 meldete ich mich bei Facebook an. Klar, erstmal schöne neue Welt. Bilder posten, Kommentare schreiben, mit Freunden vernetzen. Aber nicht nur das. Denn für mich war Facebook vor allem eins: Eine riesige Datenbank, mit der ich meine Lebensaufgabe fortsetzen konnte. Meine erste Kontaktsuche war der Name meines Bruders. Ich war zwar nicht wirklich schockiert, dass die Suche tausende Ergebnisse lieferte, aber künftig alle abzuklappern, war dann doch eine ganz schöne Herausforderung. Aber hilft ja nichts. Wenn du ein großes Ziel vor Augen hast, dann nimmst du diese Herausforderung an. Alle paar Wochen schrieb ich also random Menschen aus aller Welt mit den Namen von Bruder und Schwester an. Innerhalb weniger Stunden bekam ich natürlich von Facebook erstmal eine Spamwarnung. 50 Personen hintereinander anzutexten kam Facebook erstmal komisch vor. Das war vielleicht ein bisschen überambitioniert. Also nutzte ich zeitgleich weiterhin die Recherche über’s Netz. Immer die Überlegung: Wie alt könnten sie jetzt sein? Hat vielleicht mal jemand von ihnen einen Buchstabierwettbewerb gewonnen oder einen Preis beim Notting Hill Stadtlauf?! Googlen. Googlen. Googlen. Stundenlang. Aber: Völlig aussichtslos. Nur noch mehr Menschen mit dem gleichen Namen allerdings keinen Verwandtschaftsverhältnissen zu mir. In der Zwischenzeit antworteten mir hunderte Menschen auf Facebook auf meine immer gleiche Nachricht. Nein, ihr Vater hieß leider nicht so, nein, sie seien nicht in London aufgewachsen, nein, sie hätten leider keine weiteren Geschwister – aber durch die Bank wünschte man mir viel Erfolg bei der weiteren Suche und teilweise tat es den Leuten in ihren Nachrichten fast schon spürbar leid, dass sie nicht die gesuchte Person sind. Leider, leider, leider. Man hätte gern geholfen. Acht Jahre lang lief das jetzt so. Bis vor etwa zwei Wochen.

Der Moment, in dem du deinen Bruder nach 20 Jahren findest

WhatsApp Schürmann | Bild: Schlien Schürmann

Ohne jegliche Aussicht auf Erfolg, schrieb ich fast ein bisschen hoffnungslos meine ständige Copy/Paste-Routinenachricht an vier neue, vermeintliche Namensbrüder: "You’re not coming from London, are you?" Dann die übliche Abfrage nach dem Namen des Vaters. Aber diesmal, nur zwei Stunden später, kam die seit so vielen Jahren ersehnte Antwort. Ja, sein Vater hatte diesen Namen. Und auch seine Schwester und seine Mutter heißen so, wie ich es erhofft hatte. Man spürte regelrecht das vorsichtige Zögern in seinen Nachrichten. Während ich zeitgleich komplett austickte. FUCK! Das gibt’s nicht! Ich habe meinen Bruder gefunden.

Der Moment, in dem du zitternd mitten in deinem Wohnzimmer stehst, dir kurz schwindlig wird, weil du zu schnell von der Couch aufgesprungen bist, du instant Tränen in den Augen spürst und realisierst: Das ist ein unendlich großer Moment gerade in deinem Leben. Nach 20 Jahren Suche hast du ihn ausfindig gemacht. Deinen kleinen Bruder. Es lässt sich nicht beschreiben, was in einem vorgeht, in dieser Minute. Es hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen, mit tausenden Emotionen in unserer Geschichte, mit Enttäuschungen und Hoffnungen. Und mit ganz ganz ganz lange warten.

Sich das erste Mal in die Arme fallen

Man kennt diese Sendungen auf RTL, in denen Moderatorinnen wie Sandra Eckardt Familien zusammenführt. Man erfährt dabei von der Verzweiflung der Menschen, die einen Angehörigen suchen, begleitet die Moderatorin auf der Recherchereise, bis das Ganze in einem tränenreichen, emotionsgeladenen Finale mündet, bei dem die Protagonisten hinter einem Busch hervorkommen, sich zum ersten Mal sehen und in die Arme fallen.

Genau diesen Moment hatte ich letztes Wochenende mitten in London an der U-Bahn Station.

Demnächst wollen wir auch gemeinsam unsere Schwester überraschen, die noch nichts von mir weiß.

Das hätte man auch früher haben können

Warum die ganze Suche so unglaublich lange gedauert hat und ich mittlerweile etwa 1000 Personen aus aller Welt bei Facebook kenne, die so heißen wie mein kleiner Bruder? Weil der Vogel nie seinen richtigen Namen angegeben hatte. Natürlich, alle hassen diese Klarnamenpflicht. Menschen gehen sogar auf die Straße um dagegen zu protestieren! Es ist ein Unding, dass Facebook seine User dazu zwingen will, ihren richtigen Namen zu verwenden. Niemand will das, nicht mal ich selbst! Und auch mein kleiner Bruder nicht. Bis vor ein paar Wochen, als Facebook seinen Ausweis sehen wollte.

Danke Facebook.

Sendung: Filter, 15.11.2017 – ab 15 Uhr