Unsichtbare Essstörung "Als hätte ich ein kleines Monster in mir"

Anna* litt an Bulimie, einer unsichtbaren Essstörung. Die sind gefährlich, weil Betroffene sie gut verstecken können. Wir haben mit Anna und Psychologinnen über die Krankheit gesprochen.

Von: Cornelia Neumeyer

Stand: 29.05.2020

Unsichtbare Esstörung Bulimie - eine Frau steht selbstrktisch vor einem Spiegel, in dessen Spiegelbild sie sich anders sieht, als wir sie sehen | Bild: BR Grafik

Als die Waage nur noch 49 Kilo anzeigt, bekommt Anna* Angst vor dem Tag, an dem die Zahl auf dem Display noch kleiner wird. Noch dünner, noch schmaler zu werden, ist für sie auf einmal schlimmer als zuzunehmen. Anna beginnt, ihr Leben zu ändern: Sie will nicht mehr, dass Essen und ihr Gewicht weiter ihr Leben bestimmen. Sie sucht sich Hilfe bei einer Beratungsstelle.

Dieser Moment ist sechs Jahre her. Heute, mit 25, hat Anna die Bulimie hinter sich. Insgesamt litt sie vier Jahre an der Essstörung. Betroffene beschäftigen sich pausenlos mit ihrem Essen, nehmen große Nahrungsmengen in kurzer Zeit zu sich und erbrechen sie dann wieder. Durch Abführmittel, Hungerperioden oder übermäßiges Sporttreiben versuchen Erkrankte noch mehr abzunehmen. Häufig nehmen sich die Betroffenen als "zu fett" wahr, das Selbstwertgefühl hängt von Gewicht und Figur ab.

In Deutschland leiden etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung an einer Essstörung. Frauen und Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: 0,5 bis 1,2 Prozent im Alter zwischen 12 und 35 Jahren leiden an Bulimie. So wie Anna noch vor ein paar Jahren.

Anna*, litt vier Jahre lang an Bulimie

PULS: Wie hat sich die Bulimie bei dir entwickelt?

Anna:
Angefangen hat das, als ich etwa 15 Jahre war. Ich hab eine Diät und eine Ernährungsumstellung gemacht und die hat super geholfen. Aber es ging mir einfach nicht schnell genug. Und ich hab den Gedanken von einer Sucht total unterschätzt. Ich hab gedacht, ich hätte die Kontrolle darüber und ich wüßte, wann ich erbreche und wann nicht. Ich bin ja dafür selbst verantwortlich, also kann ich nicht süchtig danach werden. Was soll schon passieren? Und es war ja auch "erfolgreich", ich hab 20 Kilo abgenommen. Und die Nebenwirkungen waren dafür eben notwendig: Ich hab meine Knochen gemerkt, aber das war okay, weil ich war dünn. Ich hatte Herzrhythmusstörungen, aber das war auch okay, weil ich war ja dünn. Und das war so dieser Teufelskreis. Mir waren diese ganzen körperlichen Folgen total egal, weil ich ja in den Spiegel geguckt hab und gesehen hab: Okay, ich hab abgenommen.

Du hast vier Jahre an der Essstörung gelitten. Wie ging es dir damals?

Das war definitiv eine dunkle Zeit. Zum einen dreht sich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, alles nur um Gewicht, Essen, Abnahme. Zum anderen ist man irgendwann auch ausgelaugt und kraftlos, das Erbrechen und Hungern zehrt ja auch am Körper. Ich hatte mich in der Zeit oft gefühlt als hätte ich ein kleines Monster in mir. So lässt es sich am besten beschreiben. Das kann man sich so vorstellen: Macht man Sport, erbricht, kontrolliert sein Gewicht und tut generell alles was "gut" für die Sucht ist, ist das Monster friedlich und ruhig. Tut man aber etwas was der Sucht "schadet", tobt das Monster in einem. Damit meine ich jetzt, wenn man zum Beispiel keinen Sport machen möchte. Jemand anderes würde es wohl mit dem klassischen Bild vergleichen, in dem eine Person einen Engel auf der einen Schulter und einen Teufel auf der anderen sitzen hat. Der eine sagt dies, der andere das - und man selbst steht in der Mitte und ist überfordert und hin und hergerissen.

Wie geht es dir heute, was ist davongeblieben?

Ich hab das tatsächlich so gut überstanden, dass ich wirklich sagen kann: Ich hab gar kein Problem. Gott sei Dank. Ich hab wahrscheinlich auch einfach schnell genug aufgehört. Man muss bei mir aber auch sagen, ich war kein Extremfall, der sich zehn oder zwanzig Mal pro Tag übergeben hat. Bei mir war das Maximum fünfmal am Tag. Was definitiv Schaden genommen hat, sind meine Zähne. Ich habe ganz empfindliche Zähne seitdem und das ist natürlich etwas, was mich daran erinnert. Ich meine so Säureschäden, die gehen nicht einfach spurlos weg. Damit hab ich jetzt zu kämpfen.

Bulimie gilt als eine unsichtbare Essstörung, weil sie von außen nicht gleich erkennbar ist und Betroffene sie gut verstecken können. Lediglich die sogenannten "Hamsterbacken" oder Schwielen am Handrücken weisen manchmal auf die Krankheit hin. Durch das häufige Erbrechen produzieren die Ohrspeicheldrüsen mehr Speichel und schwellen an, die Wangen werden dicker. Die Schwielen am Handrücken entstehen, weil sich die Erkrankten zum Erbrechen die Hand in den Mund stecken, um den Würgereflex auszulösen.

Eveline Müller, Psychologische Psychotherapeutin und Geschäftsleitung beim Therapienetz Essstörung

PULS: Welche Essstörungen gelten als unsichtbare Essstörungen?

Eveline Müller:
Die Essstörung, die am wenigsten sichtbar ist, deshalb oft auch sehr spät entdeckt wird, ist die Bulimie. Allerdings ist die Binge-Eating-Störung auch häufig, wenn sie nicht mit einem starken Übergewicht gekoppelt ist. Zum Teil ist es aber auch die Anorexie. Bei der Anorexie kann man grob zwei Untergruppen von Patienten unterscheiden: Die einen, die diese Magerkeit sehr zur Schau stellen und die anderen, die versuchen, das extrem zu verdecken, mit ganz viel Kleiderschichten, sodass man das auf den ersten Blick gar nicht sieht.

Sind unsichtbare Essstörungen gefährlicher als andere?

Ja, unsichtbare Essstörungen sind insofern gefährlicher, weil die Störungen länger andauern und dann schwerer zu behandeln sind. Außerdem können vielfältige körperliche Begleiterkrankungen hinzukommen, die im schlechtesten Fall nicht mehr reversibel sind, somit die Prognose schlechter ist. Gerade die Anorexie ist eine der psychischen Erkrankungen mit der höchsten Mortalitätsrate - und auch bei der Bulimie ist die Mortalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht. Hinzu kommen bei langjährigen Essstörungen die sozialen Folgeerscheinungen, also Einsamkeit oder Isolation. Wichtige Lebensaufgaben können oft nicht bewältigt werden, da die Essstörungssymptomatik das ganze Leben dominiert. Das kann zu weiteren psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel schweren Depressionen führen.

Wie spreche ich jemanden darauf an, wenn ich eine Essstörung vermute?

Es ist wirklich wichtig, Betroffene behutsam anzusprechen, wenn man eine Vermutung hat. Lieber einmal mehr als einmal zu wenig. Viele "Essgestörte" berichten auch, dass sie sich das retrospektiv sehr gewünscht hätten, wenn das Umfeld eher darauf reagiert hätte und am Ball geblieben wäre, trotz der eigenen, vielleicht zunächst abweisenden Reaktion, die ja oft aus Scham so ausfällt.

Neben der Bulimie gelten zwei weitere Essstörungen als unsichtbar: Die Binge-Eating-Störung und die Anorexie (Magersucht). Die Binge-Eating-Störung wurde erst vor ein paar Jahren definiert, deswegen gibt es noch wenige Studien zur Häufigkeit. Expert*innen schätzen, dass etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung daran leiden. Beim Binge-Eating treten häufig Essanfälle auf, Betroffene essen in kurzer Zeit sehr viel. Dabei haben sie das Gefühl, nicht mehr aufhören und kontrollieren zu können, was oder wie viel sie essen. Nach einem solchen Heißhungeranfall ekeln sich Erkrankte oft vor sich selbst oder haben Schuldgefühle.

Etwa 0,3 bis 0,6 Prozent der Frauen zwischen 12 und 35 Jahren sind von Magersucht betroffen. Die Betroffenen nehmen stark ab, leiden an anhaltendem Untergewicht, sehen aber oft nicht, wie schwer sie erkrankt sind. Sie leiden unter der Angst zuzunehmen oder zu dick zu sein. Deswegen kontrollieren sie detailliert, was sie zu sich nehmen: Kalorienreiches Essen vermeiden sie, sie essen langsam, zählen die Kalorien oder erstellen einen Essensplan. Manche Erkrankte erbrechen sich zusätzlich oder treiben übermäßig viel Sport.

Stefanie Hofmann, Psychologische Psychotherapeutin beim Aktionskreis für Ess- und Magersucht Cinderella e. V.

PULS: Wie führen Sie die Beratung in Corona-Zeiten durch?

Stefanie Hofmann:
Wir machen das telefonisch und das läuft auch sehr gut. Ich bin selber überrascht, man kann ziemlich viel miteinander besprechen und rausfinden. Es ist manchmal sogar einfacher, weil ein bisschen mehr Distanz da ist. Ganz viele Psychotherapeuten und auch Ernährungsberater, mit denen wir zusammenarbeiten, bieten außerdem Beratung per Video an. Es gibt sichere Dienstleister, die das mit einer Peer-to-Peer Verbindung machen, die den Datenschutzrichtlinien entspricht. Und da geht es relativ leicht, eine Videosprechstunde zu verabreden. Immer mehr Praxen öffnen auch wieder für persönliche Kontakte, wenn sie die Abstände und Hygieneschutzmaßnahmen einhalten können. Es gibt auf jeden Fall vermehrt Möglichkeiten, trotzdem Therapie durchzuführen.

Fördert die Isolation, in der wir derzeit leben, Essstörungen? Oder hilft es Erkrankten gerade sogar, dass der gewohnte Alltag so nicht mehr existiert?

Ich hab beide Erfahrungen gemacht. Als es noch die strengen Ausgangsbeschränkungen gab, hatten wir teilweise das Gefühl, es ist wirklich schwierig, was das Einkaufen von Lebensmitteln betrifft. Die Umstände haben schon ein bisschen zu Panik geführt und die fehlende Struktur durch Home-Office Essanfälle sehr begünstigt. Auf der anderen Seite ist dadurch, dass die sozialen Verpflichtungen runtergefahren werden, dass teilweise Termine, Arbeitsdruck, alles ein bisschen ruhiger ist, ein bisschen Stress rausgenommen wird. Und eine Essstörung ist ja oft auch tatsächlich eine Stresserkrankung oder zum Stress- und Druckabbau. Und in der Hinsicht habe ich bei den Patienten, die ich betreue, die Erfahrung gemacht, dass bei manchen jetzt ein Stresshahn zugedreht wurde, der es ihnen ermöglicht, ganz anders mit sich umzugehen.

Wenn ihr an einer Essstörung leidet oder ein*e Freund*in, Partner*in oder Familienmitglied daran erkrankt ist, könnt ihr euch an verschiedene Beratungsstellen wenden.

*Name von der Redaktion geändert

Sendung: PULS am 03.06.2020 - ab 15.00 Uhr