26

Transgender und Depressionen Wenn die innere Zerrissenheit dich kaputt macht

Ob erhöhtes Selbstmordrisiko oder Traurigkeit: Wer trans ist, läuft häufiger Gefahr, depressiv zu werden. Aber warum ist das so?

Von: Lisa Altmeier

Stand: 08.09.2016

Transgender Depressionen | Bild: BR

Jim fällt es schwer, zu beschreiben, wie er sich früher fühlte. "Ich musste immer weinen. Ich konnte nicht über das Thema sprechen ohne zu weinen. Ich war traurig, ja. Aber es war mehr als Traurigkeit." Jim ist ein Transmann, er kam als Isabella auf die Welt. Heute ist er ein witziger junger Mann, der offen über seine Vergangenheit spricht. Doch das musste er erst lernen. In seinem kleinen Heimatort im Allgäu waren Eltern und Lehrer überfordert, sie verstanden nicht, warum er keine Röcke anzog und seinen Namen hasste.

Mit 15 suchte er im Netz nach Hilfe - und fand schließlich den Psychotherapeuten Michael Bastian, der auf Transpatienten spezialisiert ist. Also machte er sich auf den Weg vom Allgäu nach München: "Alleine habe ich mich da aber nicht hingetraut, ich habe also einen Freund mitgenommen. Und wir sind ohne Termin einfach mal vorbei gegangen. Ich hatte das Gefühl, dass da endlich jemand ist, der mich versteht und mit dem ich reden kann. Klar, ich kann mit meinen Eltern auch sprechen und mit Freunden, aber es ist einfach noch mal etwas anderes."

Depression - eine nahezu klassische Reaktion

Der Therapeut hielt Jims Gedanken nicht nur für eine schwierige Phase. Er bestätigte, was Jim eigentlich schon lange wusste, aber in seinem Umfeld bis dahin niemand so recht verstanden hatte: Jim ist trans.

"Meiner Meinung nach findet bei nahezu allen transgeschlechtlichen Menschen in der Pubertät eine depressive Phase statt. Man geht davon aus, dass jeder zweite Selbstmord bei jungen Menschen auf sexuelle oder geschlechtliche Hintergründe zurückzuführen ist."

- Michael Bastian, Psychotherapeut

Jim

Aber warum ist das so? Mobbing? Ratlosigkeit bei Eltern und Lehrern? Nein, sagt Therapeut Michael Bastian. Sprüche wie "Man sieht dir an, dass du in echt kein Junge bist!" oder "OPs bringen dir auch nichts!" können die Depression zwar auslösen oder verstärken, die Gründe liegen aber tiefer. "Die innere Zerrissenheit ist das Entscheidende", so der Psychologe. Konkret: Der Widerspruch zwischen Körper und Seele. Der Kopf muss damit fertig werden, dass der Körper nicht zum restlichen Ich passt. Und das führt dann in die Depression.

Jede Woche behandelt Michael Bastian 15 Patienten, die mit dieser Zerrissenheit nicht zurechtkommen. Die jüngsten von ihnen gehen noch nicht mal zur Schule - wissen aber schon genau, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

"Ich habe Kinder mit vier oder fünf hier sitzen, die ganz klar benennen können, dass sie kein Junge oder kein Mädchen sind. Die Geschlechtsidentität ist eigentlich im vierten oder fünften Jahr festgelegt, dahin weisen auch alle Forschungsergebnisse."

- Michael Bastian, Psychotherapeut

Doch bei vielen Kindern wird erst viel später entdeckt, was wirklich los ist. Gerade in US-amerikanischen Medien wurde zuletzt häufiger über Transjugendliche berichtet, die sich umbrachten, weil sie keinen anderen Ausweg sahen.

Für Deutschland gibt es keine offiziellen Statistiken, aber das Risiko für eine Depression und ihre Folgen dürfte bei Transmännern und -frauen höher liegen als bei einer Cis-Person, also jemandem, der sich mit seinem angeborenen körperlichen Geschlecht identifiziert. Michael Bastian sagt: "Es gibt Studien dazu, dass bei Homosexuellen das Selbstmordrisiko zehnmal so hoch ist wie bei Heterosexuellen. Aus meiner Erfahrung und der meiner Kollegen würden ich schätzen, dass es bei Transgeschlechtlichen noch stärker erhöht ist."

Das Gute ist allerdings: Die Depression lässt sich häufig erfolgreich behandeln. "Sobald die Jugendlichen sich mit der Thematik auseinandersetzen sinkt die Suizidalität, also das Risiko für einen Selbstmord, massiv", sagt Michael Bastian. In der Therapie lernt man, mit der Situation besser klar zu kommen. Die meisten Patienten von Michael Bastian sind noch nicht geoutet und merken hier wie es ist, offen über die eigene Identität zu sprechen. Das Ganze wird von der Krankenkasse bezahlt und wer will, kann auch seine Eltern für ein paar Stunden mitbringen. Aber auch die müssen oft erst lernen, mit der Situation klar zu kommen.

Jim hat sich zusätzlich noch eine Transjugendgruppe gesucht. In vielen Orten gibt es zwar leider immer noch zu wenige Beratungsstellen, Michael Bastian empfiehlt aber gerade Selbsthilfegruppen, um sich zumindest mit Gleichaltrigen, die ähnliche Sorgen haben, auszutauschen.

Wer unterstützt mich?

Du bist trans* und auf der Suche nach Ansprechpartnern, die dich unterstützen oder beraten? Das ist manchmal gar nicht so einfach. In Jims Heimat im Allgäu gibt es Seniorentreffen, Anonyme Alkoholiker und einen Trachtenverein - aber lange gab es keine Anlaufstelle für junge Menschen, die trans sind. Mittlerweile hat sich auch dort eine Selbsthilfegruppe gegründet: Sie heißt "Kempten Trans-Ident". Bei Feli in Bamberg gibt es zwar eine Selbsthilfegruppe, aber die ist eher auf die Bedürfnisse von Älteren zugeschnitten. Zumindest in München gibt es aber zwei Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst:

  • Das Lambda Bayern, der Dachverband der LesBiSchwulen- und Trans-Jugendgruppen in Bayern ein Trans-Referat, an das man sich bei Fragen und Problemen wenden kann. Der Referent des Projekts ist selbst auch ein Transmann.
  • Im Diversity München gibt es die Jugendgruppe frienTS für Leute bis 27, die sich jeden zweiten Samstag im Monat trifft und auch Freizeitfahrten anbietet.

Natürlich kann es immer wieder Rückschläge geben - und die Depression zurückkommen. Zum Beispiel, wenn die Leute im Umfeld schlecht reagieren oder man mit dem Ergebnis der geschlechtsangleichenden Operation nicht zufrieden ist. In solchen Situationen helfen Therapeuten wie Michael Bastian dabei, die Enttäuschung zu verarbeiten: "Es geht häufig auch darum, den Personen klar zu machen, was sie akzeptieren müssen. Oft sind die Erwartungen, gerade was zum Beispiel Operationen angeht, sehr hoch. Teil der Therapie ist dann auch, gemeinsam zu überlegen, was realistisch ist und was nicht."

Jim ist heute glücklich darüber, dass er nach Hilfe gesucht und welche gefunden hat: "Ich bin durch diese Gespräche viel selbstbewusster geworden und kann jetzt auch mit anderen Menschen locker darüber sprechen, dass ich trans bin, ohne gleich zu weinen."

Falls du trans bist und dir therapeutische Hilfe suchen möchtest, dann achte darauf, dass es sich um einen Psychotherapeuten handelt, der Erfahrung mit Transpatienten hat.

Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, wende dich schnellstmöglich an deinen Arzt, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notruf.


26