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Spielwiese // Subkultur Subkultur zieht. Um. Immer wieder.

Jede Stadt braucht Subkultur. Aber nicht jede Stadt hat genug Platz dafür. Leipzig hat noch mehr als genug davon. Das Ruhrgebiet sowieso. In Hamburg wird erbittert darum gekämpft. Und in München? Ist alles ganz schön kompliziert.

Von: Ralph Glander

Stand: 21.02.2015

Spielwiese Graphik | Bild: BR

München ist sicher nicht die Stadt, in der man die Spätadoleszenz bis ins Rentenalter verlängern kann. Nein, München ist sicherlich nicht Berlin. Und ganz sicher ist München auch nicht Leipzig. Oder gar Hamburg, wo auch schon mal ein Stadtteil besetzt wird, wenn es sein muss. Attribute wie "hip", "cool" oder "alternativ" werden der Bayernmetropole in naher Zukunft wohl nicht mehr zugeschrieben. Früher schon – im Schwabing der 70er-Jahre. Ganz lange ist das her. Doch Städte verändern sich. Immer wieder ist davon zu hören, wie das einst so aufregende Berlin der 90er bereits von der Gentrifizierungsbirne zerschmettert wurde. Und offenbar ist als nächstes Heldenstadt Leipzig an der Reihe – letztes Jahr noch "Das Detroit Mitteldeutschlands" oder wahlweise "Ein Disneyland des Unperfekten". Ja, wenn es um die hype-überhitzte Trendstadt Leipzig geht, wird das böse G-Wort mittlerweile auch immer öfter in den Mund genommen.

Im Puerto Giesing hatte Münchner Subkultur eine Zeit lang ein attraktives Zuhause. Mittlerweile steht dort ein Einkaufszentrum.

Darüber können die Münchner nur müde lächeln. Denn fast die komplette Subkultur wurde hier schon lange aus der Innenstadt verbannt. Zu gentrifizieren gibt es dort kaum mehr etwas. Wir erinnern uns vielleicht noch an das "Puerto Giesing" - jenem charmanten Party-und Kulturbunker in Obergiesing, der das Viertel einige Zeit kulturell belebt hat.  Wenn man heute an der Silberhornstraße vorbeigeht und in den Schlund der Ladenpassagen einschlägiger Franchise-Unternehmer blickt, kann man sehen, was Gentrifizierung eigentlich bedeutet. Obergiesinger Charme zwischen Tengelmann und Subway – da sah der alte Hertie zu Zwischennutzungszeiten doch irgendwie ansprechender aus. Macherin Zehra Spindler ist mit ihrem neuen Projekt "BieBie" mittlerweile in Freimann angekommen - weit weg von der Innenstadt.

Hier waren letztes Jahr noch die Pappenheim-Studios. Doch der Besitzer Telekom hatte andere Pläne.

Wie schwierig es für Künstler ist, in München geeignete Räumlichkeiten zu finden – das wissen die drei Jungs des Künstlerkollektivs "Super+" nur zu gut. Konstantin Landuris,  Christian Muscheid und Alexander Emil Deubl haben schon einige Zwischennutzungen hinter sich. Ihr letztes, großes Projekt waren die Pappenheim-Studios. Mit knapp 40 jungen Künstlern mieteten sie sich im ersten Stockwerk des historischen, schlossartigen Gebäudes in der Pappenheimstraße 14 ein. Austausch zwischen verschiedenen, kreativen Gewerken, Ausstellungen und natürlich auch Parties. Das Pappenheim war sowohl für die Künstler, wie auch die Besucher ein Volltreffer. Doch die Zusammenarbeit mit dem Besitzer des Gebäudes – der Telekom – verlief unglücklich:

"Anfangs wurden uns anderthalb bis zwei Jahre Aufenthalt versprochen. Aber nach einem halben Jahr hieß es plötzlich, dass wir bis zum 01. Januar ausziehen müssen. Dann standen wir wieder da. Und wenn man jahrelang immer wieder wo ein- und umgezogen ist, ist das natürlich extrem anstrengend."

Alexander Emil Deubl, Super+

Das Raumproblem in München ist in der Tat anstrengend – und oft ernüchternd. Vor allem sollte es gar nicht bestehen. Für Christian Muscheid muss es nämlich eigentlich um etwas ganz anderes gehen. Die Kunst selbst:

"Klar gehört dazu, dass die Künstler auch Raum brauchen, aber das sollte doch mindestens die Voraussetzung sein, dass eine Stadt so etwas bietet. Um eben dann interessante Künstler anzulocken und eine gute Kunstszene zu schaffen."

Christian Muscheid, Super+

Unholzer Ateliers | Bild: super+

Die Unholzer-Ateliers des Künstlerkollektivs "Super+"

Nach der Ernüchterung mit den Pappenheim-Ateliers haben "Super+" aber nicht aufgegeben. Mittlerweile sind sie in der ehemaligen Trachten-Artikel-Fabrik Unholzer in Moosach gelandet. Über 50 Ateliers auf einem historischen Fabrikgelände, zu der eine Villa und eine eigene Parkanlage gehören. Die Ausgangslage ist also vielversprechend. Auch weil "Super+" diesmal die Aussicht darauf hat, ein ganzes Stück länger als bislang die Räumlichkeiten nutzen zu können. Ein hart erkämpfter Erfolg, wie die Jungs sagen. Man würde sich wünschen, dass die Stadt die Erschließung von Räumlichkeiten für Künstler aktiver in die Hand nehmen würde:

"Es wird gerne politisch im Wahlkampf beteuert, dass für die Künstler in der Stadt Platz geschaffen werden sollte. Und was passiert? Ein Atelierhaus nach dem anderen wird eingestampft. Siehe auch die Domagkstraße. Es wird viel versprochen, aber wenig in die Tat umgesetzt. Dieser Begriff 'Kreativwirtschaft' ist irgendwie gerade in aller Munde. Aber es passiert leider wenig."

Christian Muscheid, Super+

Die Stadt sei oft eben einfach ziemlich bequem, meinen die drei Künstler – ein grundsätzliches Interesse der Stadt an einer lebendigeren Subkultur wollen sie der Stadtverwaltung aber dann doch nicht absprechen. Und diese Aussage wiederum sollte Jürgen Enninger freuen, der erleichtert ist, dass es mit dem Projekt "Unholzer-Ateliers" für die drei Künstler geklappt hat. Seit September 2014 ist er der zentrale Ansprechpartner für die Kultur- und Kreativwirtschaft in München. Eines seiner Büros hat er momentan auf dem Gelände der ehemaligen Luitpoldkaserne an der Dachauer-/Schwere-Reiter-Straße. Dort entsteht momentan ein Kreativquartier,  in dem vor allem Künstler, Kulturschaffende und andere Kreative unterkommen sollen. Inwieweit die freie Szene dort einen Platz finden wird, bleibt abzuwarten.

"Natürlich wollen wir diese Szenen in der Stadt halten und natürlich wissen alle Beteiligten, dass das ein Wohlfühlfaktor für die Stadt ist. Ich will, dass Kulturschaffende ihren Platz so finden können, wie sie ihn finden wollen. Und da sind wir die Begleitstruktur, die das anbietet. Und da kann ich aber einfach auch nur Möglichkeiten aufzeigen. Und diese Möglichkeiten haben natürlich an allen Ecken Grenzen. Und die muss man auch akzeptieren."

Jürgen Enninger,  Leiter des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft

Das Kreativquartier auf dem Gelände der ehemaligen Luitpoldkaserne soll Kulturschaffenden eine Perspektive geben.

Grenzen ist dabei ein gutes Stichwort. Immer wieder wird auch darüber diskutiert, dass sich Subkultur nicht mehr in der Innenstadt entfalten kann und immer mehr an den Stadtrand - die Stadtgrenzen - wandert. Zum Beispiel eben nach Freimann oder Moosach. Genau diese Diskussionen kann Jürgen Enninger zwar durchaus verstehen, allerdings beruhen sie für ihn ein Stück weit auch auf einem grundlegenden Missverständnis in Sachen Stadtwahrnehmung:

"Wir müssen gemeinsam verstehen, dass wir Stadt neu denken müssen. Wir sind die drittgrößte Stadt und jeder denkt immer, dass München am Viktualienmarkt aufhört oder nur im Glockenbachviertel existiert. Diese Vorstellung werden weder die Künstler, noch die Industrieunternehmen, noch die privaten Bürger durchhalten können. Und da möchte ich alle ausdrücklich dazu ermutigen, Stadt neu zu denken."

Jürgen Enninger,  Leiter des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft

Jürgen Enninger

Wenn man die Unholzer-Ateliers gesehen und dabei festgestellt hat, dass Moosach in der Tat innerhalb der Stadt München liegt, muss man Jürgen Enninger sicherlich recht geben. Doch leider sieht man immer wieder, dass auch die künstlerische Entfaltung an der Stadtgrenze ihre Grenzen hat und auch dort die kreative Luft immer mal wieder dünn wird. Erst Anfang des Jahres musste das KUPA-West in Pasing dichtmachen. Auf 1600 qm Fläche gab es dort einige Jahre lang Ateliers, Werkstätten und Platz für Parties. Nun sollen dort Luxuslofts entstehen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Neuerdings eben in Moosach.


Mehr darüber, wie Subkultur in deutschen Städten nach Plätzen sucht, erfahrt ihr auch in der Spielwiese. Außerdem wollen wir dort wissen, woher die Identitäten unserer Städte eigentlich kommen und wie Stadt und Städter sie versuchen zu verändern oder zu bewahren. Aber auch, wie Städte sich mittlerweile vermarkten: Von Likezig bis Hafen-City. Vom rauhen Ruhrpott-Charme bis zur Weltstadt mit Herz.


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