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Deutsche Jugendliche im Dschihad "Salafismus ist ein Ventil für die Wut"

In den Dschihad nach Syrien ziehen - vier Jugendliche aus Frankfurt haben das gemacht. Vorher waren sie regelmäßig zu Besuch in einem Jugendzentrum in Ginnheim. Wir haben mit der Leiterin des Jugendzentrums gesprochen.

Von: Lisa Altmeier

Stand: 05.11.2014

Vier Jugendliche aus Frankfurt wurden erst zu Salafisten, dann zogen sie in den Dschihad | Bild: BR

Syrien und Irak - das ist ganz weit weg. Und mit diesen Dschihadisten kommt man nicht so schnell in Kontakt, denken wir. Was aber, wenn man in einem Jugendzentrum arbeitet und merkt, dass sich ein paar Jungs langsam verändern und eines Tages nicht mehr kommen? Wir haben mit Ulrike Fritz gesprochen, die eine Radikalisierung ganz nah miterlebt hat.

PULS: Frau Fritz, wir haben gelesen, dass es bei Ihnen im Jugendzentrum Probleme mit Salafisten gab. Was heißt denn das genau?

Ulrike Fritz: Letztes Jahr habe ich hier miterlebt, dass vier Jugendliche, die ich sehr gut kannte und die hier regelmäßig herkamen, in den sogenannten Dschihad gezogen sind. Der eine ist über die Türkei nach Syrien eingereist, bei den anderen wissen wir nicht genau, wie sie das gemacht haben. Inzwischen sind zwei der Jugendlichen wieder zurück in Deutschland und einer ist noch dort. Der vierte ist vor Ort gestorben. Das Video mit der Tötung hat jemand auf YouTube hochgeladen. Das war für uns alle ein sehr großer Schock.

Was waren das denn für Jugendliche? Kamen die aus gläubigen Familien?

Nein, eher im Gegenteil. Drei von ihnen waren in der Hinsicht gar nicht auffällig. Einer von ihnen war sehr religiös, aber dass das in so eine Richtung geht, war für uns nicht absehbar. Wir hätten das nie für möglich gehalten. Wir konnten das am Verhalten gar nicht ablesen.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich glaube, der Grund für so eine Radikalisierung sind vor allem persönliche Probleme, die nicht mehr anders bewältigt werden können. Probleme in der Schule, Probleme im Beruf, die irgendwann nicht mehr lösbar zu sein scheinen. Und die Radikalisierung wirkt dann wie ein Ausweg aus dieser Situation.

Was für eine Identifikation üben denn Salafisten aus, dass sie sogar Jugendliche kriegen, die nicht mal aus gläubigen Familien kommen?

Ich glaube, da können sich Leute mit einer Sache identifizieren, die ein sehr einfaches und überschaubares Weltbild liefert. Die ganzen schwierigen Dinge, die man erlebt, werden runtergebrochen. Außerdem halten die Leute eng zusammen, man hat eine gemeinsame Sache, für die man einsteht.

Der Salafismus ist für Sie also eine einfache Wahrheit, die man als Erklärung für persönliche Probleme nutzt?

Ja, und außerdem ist es auch eine Art Ventil für die Wut, die man dadurch abreagieren kann.

Haben Sie eine Idee, was man gegen das Problem tun könnte?

Ich glaube, wir müssen der Sache vorbeugen, präventiv arbeiten. Wenn die Entwicklung eines Menschen schon so weit ist, dass er keinen anderen Ausweg mehr sieht, dann ist es vielleicht zu spät. Aber wenn man Leuten frühzeitig hilft, aufklärt, sich mit den Problemen auseinandersetzt, dann kann man so was verhindern. Man muss dafür sorgen, dass die Lebensentwürfe gar nicht erst so schief laufen.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Ihre Jugendlichen in den Krieg nach Syrien gegangen sind?

Wir haben das durch andere Jugendliche hier in Ginnheim erfahren, die uns die Videos auf YouTube gezeigt haben. Die vier wollten, dass jeder weiß, dass sie da hingegangen sind, die haben das aktiv verbreitet.


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