Jetzt Bad Idea Girl In Red

Info Die norwegische Sängerin Marie Ulven aka Girl In Red thematisiert mit der Indierock-Hymne "Bad Idea" (2019) das Gefühl, wenn man etwas unbedingt will und dadurch ganz vergisst, an die Konsequenzen zu denken.

Interview mit Antidiskriminierungs-Expertin Tupoka Ogette Wie wir Rassismus in der Sprache verhindern

People of Color erleben auch heute noch Rassismus im Alltag. Tupoka Ogette ist Expertin für Antidiskriminierung und erklärt, woher rassistische Bezeichnungen kommen und wann Unterscheidungen in der Sprache wichtig sind.

Von: Koku Musebeni

Stand: 12.09.2019 | Archiv

Tupoka Ogette | Bild: Tupoka Ogette

Was bedeutet "Schwarz" und "Weiß"?

Die Begriffe "Schwarz" und "Weiß" werden hier bewusst großgeschrieben und beziehen sich nicht auf die reelle Hautfarbe oder eine biologische Eigenschaft. Die Antirassismus-Bewegung nutzt diese Bezeichnungen, um Rassismus in der Sprache entgegenzutreten: "Weiß" (alternativ: weiß) und "Weißsein" soll auf die sozialen, politischen und kulturellen Privilegien von Menschen hinweisen, die nicht Rassismus ausgesetzt sind und sich deshalb in einer machtvolleren, gesellschaftlichen Position befinden. "Schwarz" und "Schwarzsein" ist eine Selbstbezeichnung. "Schwarzsein" bedeutet, dass Menschen durch gemeinsame Erfahrungen von Rassismus miteinander verbunden sind und auf eine bestimme Art und Weise von der Gesellschaft wahrgenommen werden.

"Bei uns in Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus mehr." Das hören Schwarze Menschen und People of Color oft, wenn sie Weißen Menschen von ihren eigenen Erlebnissen erzählen: Zum Beispiel, wenn sich Menschen im Bus nicht neben einen setzen, sie schlechtere Chancen auf den Traumjob haben oder sogar Opfer direkter rassistischer Angriffe werden.

In ihrem Buch "Exit racism – rassismuskritisch denken" beschäftigt sich die Autorin Tupoka Ogette damit, wie tief Rassismus in unserer Sprache verankert ist. Im Interview mit PULS erklärt sie, wann wir unterschiedliche Bezeichnungen brauchen, obwohl wir idealerweise einfach nur Menschen sind.

PULS: Viele Menschen sind unsicher, welche Begriffe sie gegenüber People of Color und Schwarzen Menschen verwenden können. Was darf man denn noch sagen?

Tupoka: Was Menschen im Alltag oft meinen, wenn sie das sagen ist: Sie möchten nicht für das kritisiert werden, was sie sagen. Ich finde es aber wichtig, dass wir für unsere Sprache Verantwortung übernehmen. Deshalb möchte ich diese Frage von “Was darf ich denn noch sagen?” in “Was möchte ich sagen?” umwandeln. Das Ziel dabei ist: durch mein Sprechen Räume mit weniger Rassismus zu kreieren.

Was macht Rassismus mit Schwarzen Menschen?

Eigentlich wären wir gerne alle nur Menschen. Aber wir leben in einer rassistischen Tradition, in der wir es gewöhnt sind, bestimmte Menschen als fremd zu bezeichnen. Und so ist Rassismus vor 300 bis 500 Jahren entstanden: Weiße Menschen haben im Kontext von Rassismus erst sich selbst und dann "die Anderen" erfunden, diese erniedrigt und als fremd bezeichnet.

Welche Bezeichnungen für Schwarze Menschen sind rassistisch?

(Triggerwarnung) Fremdbezeichnungen wie das N-Wort, farbig, Mischling, Mulatte, schokofarben, capuccinofarben, mokka und so weiter. Das sind alles Bezeichnungen, die Personen nicht für sich selbst gewählt haben. Alle Begriffe, die in einem rassistischen System erfunden wurden, um Schwarze Menschen und People of Color irgendwie zu dämonisieren, als exotisch darzustellen und überhaupt zu den Anderen zu machen, sind rassistisch.

Dagegen stehen Selbstbezeichnungen von People of Color. Welche benutzt du und wie sind diese entstanden?

Selbstbezeichnungen, die ich im deutschen Kontext oft benutze, sind zum Beispiel der Begriff Schwarz mit großem S geschrieben, People of Color und afrodeutsch. So eine politische Selbstbezeichnung ist die Konsequenz einer jahrhundertelangen Fremdbezeichnung. Es ist eine Form des Widerstandes und der Ermächtigung zu sagen: Lasst uns über diese rassistischen Erfahrungen sprechen, die wir im Alltag machen und beim Sprechen über unsere Erfahrungen benutzen wir nicht wieder diese rassistischen Fremdbezeichnungen, sondern selbstgewählte Begriffe.

Was genau bedeuten die Bezeichnungen Weiß und Schwarz in Bezug auf Rassismus? 

Wichtig ist, es geht beim Begriff Schwarz nicht um das Adjektiv oder die Farbe schwarz und es hat auch nichts mit der tatsächlichen Hautfarbe zu tun. Bei der Bezeichnung Schwarz handelt es sich um eine politische Selbstbezeichnung. Die Definition davon ist:
1. Menschen, die Erfahrungen mit Rassismus machen
2. Menschen, die auf eine lange Widerstandsgeschichte gegen diesen Rassismus zurückschauen
Die Bezeichnung Weiß ist auch ein politischer Begriff. Kein Mensch ist weiß im Sinne der Farbe Weiß. Der Begriff bezieht sich auf Menschen, die Privilegien, nämlich Weiße Privilegien haben.

Zum Beispiel?

Eins der großen Privilegien ist, dass Weißsein unbenannt bleiben kann. Dass man es gar nicht benennen muss und es einfach als Individuum existieren darf. Weiße Menschen profitieren also von Rassismus. Mit den Begriffen Schwarz und Weiß können wir ins Gespräch darüber kommen, welche unterschiedlichen Erfahrungen wir in einem rassistischen System machen.

Was empfiehlst du Menschen, die Weiß sind und sich unsicher sind, wie sie Schwarze Menschen bezeichnen sollen?

Ich finde es wichtig für Weiße Menschen, zu schauen: Welche Selbstbezeichnungen gibt es? Und dann zu überlegen: In welchem Kontext will ich über etwas sprechen? Wenn ich nur damit angeben will, dass ich Schwarze Freunde habe, ist die Bezeichnung nicht wichtig. Aber wenn ich zum Beispiel sagen möchte, dass ich gestern mit meiner Freundin zusammen Black Panther geguckt habe, und sie ist Schwarz und ich bin Weiß, dann wäre klar aus welcher Perspektive und mit welchem Erfahrungshintergrund wir den Film gesehen haben. Für meine Schwarze Freundin war der Film vielleicht sehr empowernd. Dann ist es total wichtig.

Wieso sagen Schwarze Menschen das N-Wort zueinander und wieso dürfen Weiße Menschen das nicht?

Wenn Menschen seit 500 Jahren als "fremd" bezeichnet, unterdrückt, erniedrigt werden und eine bestimmte Fremdbezeichnung diese Unterdrückung immer wieder reproduziert, dann ist eine Methode des Widerstands zu sagen: Ich benutze diese Bezeichnung für mich selbst, weil mich dann niemand mehr damit verletzen kann. Man wandelt eine Fremdbezeichnung zu einer Selbstbezeichnung um. Wenn aber Weiße Menschen das N-Wort benutzen, reproduzieren sie immer Rassismus und dafür sollten sie dann Verantwortung übernehmen.

Was empfiehlst du Schwarzen Menschen, wenn Sie mit Rassismus konfrontiert werden?

Mir hat es sehr geholfen, Rassismus verstehen zu lernen. Nicht ich bin das Problem, sondern Rassismus. Maßgeblich dafür war das Kennenlernen und der Austausch mit anderen Schwarzen Menschen, zum Beispiel in Netzwerken wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) oder Adefra. Zusammen sind wir stärker, denn Rassismus erleben kann so schrecklich einsam machen. Und dann sage ich Menschen im Empowerment-Workshop: Sei gut zu dir, fokussiere dich auf deine vielen Ressourcen und nimm dir genug Zeit für dich. Das ist auch Widerstand.

Was können Weiße Menschen gegen Rassismus tun?

Jedes Mal, wenn du schweigst, unterstützt du das rassistische System. Schweigen bei rassistischen Bemerkungen heißt immer Zustimmung. Weiße Menschen können immer unabhängig davon sagen, ob eine Schwarze Person im Raum ist oder nicht: "Ich fühle mich hier gerade nicht wohl, ich möchte nicht in einer Welt leben, wo Rassismus einfach so existieren und gesagt werden kann." Genauso wie Männer immer etwas gegen Sexismus sagen sollten, egal ob eine Frau gerade im Raum ist oder nicht.

Weitere Informationen

Diese Anlaufstellen unterstützen und empowern Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland:
Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein, der es sich zur Aufgabe macht die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland zu vertreten und für Gerechtigkeit in der Migrationsgesellschaft einzustehen.
Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VGRG) bietet Unterstützung in allen Bundesländern. Die professionelle Beratung und Unterstützung der Beratungsstellen richtet sich an direkt und indirekt Betroffene, ihre Angehörigen sowie an Zeug*innen eines Angriffs.
Adefra ist ein kulturpolitisches Forum und eine der ältesten Schwarzen Selbstorganisationen von und für Schwarze Frauen in Deutschland. Ziele von Adefra ist Empowerment, also das Selbstbewusstsein, die Selbstbestimmung und die Selbstorganisation Schwarzer Frauen zu stärken.

PULS am 13.09.2019 ab 15 Uhr