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Leistungsdruck im Fußball Was passieren muss, damit Leute wie Mertesacker ernst genommen werden

Wenn Radiohead depressive Texte schreiben, ist das kein besonderer Aufreger. Wenn Per Mertesacker sagt, dass ihn der Leistungsdruck fertig macht, aber schon. Aber wieso eigentlich? Wir haben mit zwei Experten gesprochen.

Von: Paul Schedelbeck

Stand: 13.03.2018

Per Mertesacker | Bild: picture-alliance/dpa

Unruhiger Schlaf oder Konzentrationsschwierigkeiten, dann aber auch ernstzunehmende psychische Symptome: Die Probleme, die Spieler oder deren Angehörige am Hilfstelefon der Initiative MentalGestärkt schildern, fallen ganz unterschiedlich heftig aus. Das sagt Ulf Baranowski, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. Gemeinsam mit der Deutschen Sporthochschule Köln und der Robert-Enke-Stiftung hat der VDV die Initiative MentalGestärkt gegründet. Deren erklärtes Ziel ist es, psychische Gesundheit im Leistungssport zu erhalten und zu fördern.

Per Mertesacker – nicht das erste prominente Beispiel

Die vergangenen Jahre haben immer wieder gezeigt, welche Auswirkungen Leistungsdruck im Profifußball haben kann. Sebastian Deisler zum Beispiel galt als deutsches Jahrhunderttalent, bekam Depressionen und hing seine Karriere früh an den Nagel. Ralf Rangnick, aktuell Sportdirektor bei RB Leipzig, ist während seiner Zeit als Trainer bei Schalke mit einem Burnout an die Öffentlichkeit getreten. Und dann war da noch die tragische Geschichte von Robert Enke – der Nationaltorwart und Kapitän von Hannover 96 litt ebenfalls unter Depressionen und nahm sich 2009 das Leben.

Seitdem hat das Thema Leistungsdruck im Profifußball große Aufmerksamkeit bekommen. Ronald Reng, Sportjournalist und enger Freund von Robert Enke, warnt aber davor, das Thema allzu hysterisch anzugehen. Die Probleme von Per Mertesacker mit den Erkrankungen von Sebastian Deisler oder Robert Enke zu vergleichen, hält er für einen Fehler. Er sagt: Per Mertesacker leidet an etwas, das auch viele Künstler belastet: Lampenfieber. Und das sei im Profifußball sicher weit verbreitet.

"Ich glaube, der große Unterschied zu Künstlern war bislang, dass Lampenfieber im Sport eben nicht überhöht wurde als etwas Tolles, was zum Sport dazugehört. Sportler haben im Gegenteil immer versucht, sich zurückzuziehen in dieses Image des Unantastbaren, das Image des coolen Typen, dem nichts was anhaben kann. Und deswegen überrascht es offenbar so viele Menschen, dass es bei Sportlern auch vorkommt."

- Ronald Reng im Interview mit PULS

Ein Kopfproblem

"Viele Menschen" – darunter fallen auch Sportler, die vielleicht mit einem etwas dickeren Fell herumlaufen, dafür aber mit weniger Empathie. Beispiel Lothar Matthäus. Der Ex-Nationalspieler hat Per Mertesacker wegen seines Lampenfiebers die Fähigkeit abgesprochen, junge Fußballer auszubilden. Für Ronald Reng ein Beweis dafür, dass in vielen Fußballerköpfen noch ein altes Klischee sitzt: das des starken, durch nichts zu erschütternden Mannes. Die Medien, sagt Reng, sind an diesem Bild mit Schuld: "Dadurch, dass wir sehr oft – logischerweise - eigentlich nur die Oberfläche des Sportlers abbilden, ihn im Moment seiner Stärke zeigen, also während dem Spiel, wo er natürlich ein Schauspieler ist, eine Rolle spielt - nämlich, dass er stark ist."

Doch in Sachen professioneller Hilfe sei man sicher schon weiter als vor 20 Jahren. "Wenn man Lothar Matthäus damals gesagt hätte: 'Das ist ein Psychologe', hätte der sehr wahrscheinlich gesagt: 'Ich bin doch nicht verrückt, was soll ich denn da?'" Tatsächlich tut sich seit Jahren etwas in Sachen professioneller Hilfe, wenn auch nur langsam.

Warten auf den Zeitgeist

Ronald Reng sagt, dass viele Proficlubs und Leistungszentren ihre Teams mit einem Sportpsychologen betreuen. Doch laut der Spielergewerkschaft VDV ist das Angebot in den Vereinen der ersten bis dritten Bundesliga noch lange nicht ausgereift. "Nach unserer aktuellen Befragung haben gerade mal 15 Prozent hier ein professionelles Betreuungsangebot für Spieler, 60 Prozent haben sogar überhaupt kein Angebot", sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Dabei komme es nicht mal unbedingt darauf an, ob es ein großer Verein mit viel Geld sei oder nicht.

Aber der Fußball habe im Vergleich zu anderen Sportarten immer länger gebraucht, sich für wissenschaftliche Hilfe zu öffnen, meint Sportjournalist Ronald Reng. "Ernährungslehre zum Beispiel ist im Fußball auch erst in den letzten Jahren ernster genommen worden. Und so, denke ich, wird auch das Feld der Psychologie erst sehr langsam in den nächsten Jahren richtig ernst genommen werden." Bis dahin braucht es vermutlich noch weitere Spieler wie Per Mertesacker, die öffentlich auf psychische Probleme aufmerksam machen.

Sendung: Filter am 12.03.2018 - ab 15 Uhr.