8

Geschichts-Aufarbeitung Die Enkel, die mehr wissen wollten

Mal ehrlich: was wissen wir über das Leben unserer Großeltern im Zweiten Weltkrieg? War Opa in der Partei? Hat er die Nazis unterstützt? Einige Autoren haben sich diese Fragen gestellt - und ihre Angehörigen damit konfrontiert.

Von: Frank Seibert

Stand: 19.05.2015

Was wissen wir über unsere Großeltern? | Bild: picture-alliance/dpa

Irgendwann ist man alt genug, um zu kapieren, was vor mehr als 70 Jahren in Deutschland passiert ist. Und dann stellt man sich zwangsläufig Fragen, wie: Was hat eigentlich meine Familie im zweiten Weltkrieg getan? Waren sie Teil des Systems? Oder Gegner? Trotzdem schaffen es viele nicht - zum Beispiel, weil die Angehörigen nicht darüber sprechen wollen - die Umstände dieser Zeit aufzuklären.

Die Autoren dieser Bücher haben in Gesprächen, Interviews oder auch Aktenrecherche versucht, Licht ins Dunkle zu bringen. Einige der Bücher verraten auch, dass über manche Themen und Episoden immer noch lieber geschwiegen als gesprochen wird.

Mein Großvater im Krieg 1939-1945: Erinnerung und Fakten im Vergleich (2012)

von Moritz Pfeiffer

Der Historiker hat seinen Großvater befragt - und die Erzählungen anschließend mit Dokumenten und dem aktuellen Forschungsstand verglichen. Dabei muss er feststellen, dass sein Opa viel mehr involviert war, als er es heute zugeben will. Pfeiffer stößt auf Fakten, die bisher verschwiegen wurden. Beispielsweise, dass der Bruder des Großvaters sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. Aus den Erkenntnissen entstand letztlich auch Pfeiffers Magisterarbeit an der Uni Freiburg.

Opa war kein Nazi: Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis (2002)

von Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall

Das Thema in diesem Buch: die Überlieferung in den Familien. Die Autoren beziehen sich auf eine Studie, für die über 140 Interviews geführt wurden. Die Erkenntnis: Einige Geschichten verändern sich von Generation zu Generation. "Aus Antisemiten werden Widerstandskämpfer und aus Gestapo-Beamten Judenbeschützer." Gräueltaten werden ignoriert - und es werden Hinweise gesucht, dass die Großeltern etwas "Gutes" getan haben.

Schweigen tut weh: Eine deutsche Familiengeschichte (2008)

von Alexandra Senfft

Nach dem Tod ihrer Mutter beschäftigt sich Senfft mit der Vergangenheit ihrer Familie. Ihr Großvater, Hanns Ludin, war ein hochrangiger Nationalsozialist: der SA-Mann war Hitlers Gesandter in der Slowakei und verantwortlich für Judendeportationen. Dafür wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet. Trotzdem streiten sich die Angehörigen bis heute über die Rolle des Großvaters im Nationalsozialismus. Sie bewegen sich zwischen Schuld und Loyalität.

Schweigen die Täter reden die Enkel (2006)

von Claudia Brunner, Uwe von Seltmann

Zwei Nachkommen von Tätern erzählen, wie sie mit der NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren umgehen. Alois Brunner organisierte die Deportation vieler Juden, darunter in Österreich und Griechenland. Claudia Brunner ist seine Großnichte. Der Großvater von Uwe von Seltmann war an der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto beteiligt. In ihrem Buch beschreiben die beiden Autoren auch, wie die Erkenntnisse die Familien beeinflusst haben.

Der Schatten meines Vaters (2011)

von Richard von Schirach

Baldur von Schirach saß als Kriegsverbrecher 20 Jahre lang im Gefängnis in Berlin-Spandau, verurteilt bei den Nürnberger Prozessen. Unter Hitler war er Reichsjugendführer und Reichsstatthalter in Wien. Sein Sohn Richard berichtet im Buch von seiner Jugend in Bayern und von den wenigen Besuchen bei seinem Vater. Regelmäßigen Kontakt gab es sonst nur über Briefe. Von Schirach beschreibt auch, wie der "Schatten seines Vaters" die Beziehungen in der Familie strapaziert.

Flut und Boden: Roman einer Familie (2014)

von Per Leo

Der angehende Historiker will die Vergangenheit seines Großvaters Friedrich erforschen. Mit Akribie geht er der eigenen verworrenen Familiengeschichte nach. Dabei stehen die Lebensgeschichten seines Großvaters Friedrich und seines älteren Bruders Martin nebeneinander: ersterer ein Nazi, letzterer ein körperlich behinderter Künstler. So erzählt Per Leo seine Familiengeschichte als Doppelbiografie in Romanform.


8