Kommentar zu oBikes in München Mit den Schrotträdern verschwindet das letzte Stück Punk aus München

Fast zwei Jahre lang wurde München von oBike-Fahrrädern überflutet – jetzt hat die insolvente Firma alle Einzelteile eingesammelt. Das ist schade, findet unser Autor. Denn die Räder haben ein wenig Anarchie in die sonst so spießige Stadt gebracht.

Von: Florian Nöhbauer

Stand: 11.06.2019 | Archiv

Fahrräder hängen über der Mauer | Bild: BR

Irgendwann waren es einfach zu viele. Sie lungerten in Parks, versperrten den Gehweg und nahmen die eh schon seltenen Parkplätze weg. Wo sie auf einmal herkamen, wusste niemand so genau. Ausländer mussten es sein, da war man sich recht schnell sicher.

Als oBike, eine Firma mit Sitz in Singapur, im Sommer 2017 München mit ihren orange-grauen Plastikrädern überflutete, wusste am Anfang niemand so genau, was er davon halten soll. Fahrräder, die man sich via App für wenig Geld leihen kann – an sich keine blöde Idee. Das Problem: Die Fahrräder waren einfach Schrott. Instabiler als Feenflügel und hässlicher als jede Kinderzeichnung. In einer Stadt, in der es sowieso kaum Fahrradwege gibt und die meisten Menschen SUV fahren, stellte sich natürlich bald die Frage: Wer zur Hölle soll diese Crocs-Schuhe auf zwei Rädern benutzen?

Und so kam es, dass sich die über 6.000 Schrottbikes nicht durch die Stadt bewegten, sondern einfach nur im Weg rumstanden. Der Münchner, von Natur aus nicht der besonnenste Mensch, war genervt. Die Räder wurden zu Freiwild erklärt.

Öffentlich geduldeter Vandalismus in der saubersten Stadt Deutschlands

oBikes landeten in der Isar, wurden in ihre Einzelteile getreten oder an Straßenschilder gehängt. Dort nervten sie wieder jemanden, der das Bike dann kurzerhand eine Brücke runter warf. Jeder, der nur den leisesten Hauch einer Aggression verspürte, hatte plötzlich das passende Ventil gefunden. Schlecht drauf? Bier trinken, oBike zamtreten! Von der Arbeit genervt? Bier trinken, oBike auf die Ampel werfen! Beziehungsprobleme? You get the point. Die oBikes wurden zum Rage Room Münchens. Und das Absurdeste daran? Alle waren d’accord damit!

Bleib mal beim nach Hause gehen mit deiner Jacke am Seitenspiegel von nem BMW hängen. Da ist die Polizei schneller am Start als du "Scheiß Gentrifizierung" sagen kannst. Aber wenn du ein oBike in seine Einzelteile trittst? Stille. Vollkommen in Ordnung. Vielleicht sogar Applaus. Es gibt sogar Instagram-Accounts für die kreativsten oBike-Zerstörungen.

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obikesofmunich 06.12.2017 | 09:55 Uhr Usual gathering. First night-out is close! Keep them pictures coming! #obikesofmunich #munich #münchen #münchenistdiegeilstestadtderwelt #minga #gathering #orange

Usual gathering. First night-out is close! Keep them pictures coming! #obikesofmunich #munich #münchen #münchenistdiegeilstestadtderwelt #minga #gathering #orange | Bild: obikesofmunich (via Instagram)


Nach anfänglicher "Uns doch egal"-Haltung wurden die oBikes langsam doch zum Ärgernis für die Stadt. Wie schaut das denn vor den Touristen aus? Nein, die Billigräder mussten weg. Fast ein Jahr lang hatte die Stadtverwaltung versucht, irgendjemand bei der deutschen Vertretung des Unternehmens zu erreichen. Erfolglos. Die Plastikräder wurden weiterhin munter in noch kleinere Teile zerlegt. Erst nachdem oBike monatelang mit einer Beseitigungsanordnung gedroht wurde, knickte das bereits insolvente Unternehmen ein und begann, die Fahrräder einzusammeln. Auch kein großer Act mehr, denn von den 6.000 Bikes waren gefühlt eh nur noch 200 am Leben.

Der Punk wird abtransportiert

Trotzdem schade. Denn die oBikes haben aus den Münchnern das letzte Stück Punk, den letzten Fetzen Anarchie, den letzten glimmenden Funken Vandalismus rausgekitzelt. Endlich konnten mal wieder alle ihren Frust rauslassen! Der sinnlosen Zerstörungslust frönen! Nachts betrunken gegen eine Armee aus grau-orangen Zombies losziehen und sich schon im Sommer so danebenbenehmen, wie sonst nur auf dem Oktoberfest.

Die rollenden Rage Rooms haben der Stadt gutgetan. Wenn irgendwas jemals in München Berlin war, dann die oBikes. Vielleicht hätte die Stadt die Schrotträder noch ein bisschen länger rumliegen lassen sollen. Hätte deren Besitzern ja auch nicht wehgetan. Aber wenn die Leute ihren Frust nicht mehr an den Fahrrädern abladen können, konzentrieren sie sich vielleicht wieder mehr auf das, was ihn ausmacht. Zu hohe Mieten zum Beispiel. Oder das Aussterben der Subkultur… Just saying.

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Sendung: PULS am 13.06.2019 - ab 15.00 Uhr.