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Karriereaussteigerin Alix Faßmann "Du wirst dümmer, wenn du zu viel arbeitest!"

Arbeiten wir alle zu viel? Alix Faßmann findet ja - sie hat ihren Job hingeschmissen und rät es in ihrem Buch "Arbeit ist nicht unser Leben" auch anderen. Denn Karrierestreben macht nicht nur uns kaputt, sondern die ganze Welt.

Von: Sebastian Meinberg

Stand: 17.02.2015

Autorin Alix Faßmann | Bild: Dennis Poser

Karrieremachen - eigentlich eine Idee der Generation unserer Eltern. Und doch will man selbst auch vorankommen: Sei es in der Aubsildung, im Studium oder beim ersten Job. Dafür sagen wir auch schonmal eine Party ab oder reiben uns in mehreren Jobs und Projekten auf. Diesen Anstrengungen erteilt Alix Faßmann eine klare Absage. PULS hat sie erzählt, warum.

PULS: Alix, du hast eine Anleitung zur Karriereverweigerung geschrieben - warum verweigerst du dich denn der Karriere?

Alix Faßmann: Ich verweigere mich der Karriere, weil ich die Karriere, gemessen an unserem normalen Verständnis von Arbeit, als wesentlichen Motor dafür halte, wie wir wirtschaften - und das ist eben auf einem Wachstumsfetisch ausgelegt: Immer mehr, immer höher, immer schneller, immer weiter. Da wissen wir aber, dass das gar nicht mehr geht, die Ressourcen werden irgendwann verbraucht sein und wir können nicht mehr weiter danach streben. Karriere ist also insbesondere nur ein Part für jeden Einzelnen. Dem will ich mich nicht länger zur Verfügung stellen, weil ich sehe, dass ich damit dieses System unterstütze. Ich bin tatsächlich an Fortschritt interessiert, ich verweigere mich auch nicht der Arbeit, aber ich finde das zum Beispiel blödsinnig, wie sie verteilt ist. Manche arbeiten ganz viel, manche arbeiten ganz wenig. Sowas könnte man organisieren, Regeln ändern. Ich verweigere mich auch der Karriere, um mit anderen zusammen (u.a. beim Haus Bartleby - Zentrum für Karriereverweigrung, Anm. d. Red.) an etwas neuem zu forschen und sinnvollere Dinge zu machen.

Was also im Großen das Wirtschaftswachstum ist, ist dann im Kleinen für jeden Einzelnen die persönliche Karriere?

Ja, unter anderem. Was vor allem der jungen Generation beigebracht wurde, ist: Du bist deines eigenen Glückes Schmied, du kannst also alles schaffen, wenn du nur willst. Aber das ist ja momentan nicht mehr der Fall. Das Versprechen Wohlstand und Sicherheit durch Arbeit ist längst gebrochen, insbesondere für die junge Generation, die sich vermehrt in prekären Arbeitsverhältnissen befindet - unabhängig davon, welchen Bildungsabschluss man hat. Das ist ein Trend, dem wir etwas entgegensetzen wollen, indem wir an einem neuen Verständnis von Arbeit forschen wollen und entsprechend dieser frei werdenden Kapazitäten nicht mehr nur nach dem eigenen Vorteil handeln.

Warum ist denn Arbeit, so wie wir sie verstehen, nicht gut für uns?

Ich glaube, dass wir hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. In meinem Buch habe ich ja auch ein paar sehr zugespitzte Thesen, aber tatsächlich macht das, was Karriere impliziert - du musst besonders viel und besonders hart arbeiten - etwas mit deinem Gehirn. Du wirst dümmer wenn du zu viel arbeitest. Zumindest wurde von einem finnischen Arbeitsinstitut belegt, dass Leute, die mehr als 55 Stunden die Woche arbeiten, in der Fähigkeit des logischen Denkens nachlassen oder bei einem Wortschatztest viel schlechter abgeschlossen haben als die, die Dienst nach Vorschrift machen.

Weil sie sich zu sehr mit ihrem Job beschäftigen?

Genau. Die Ursachen liegen oft in den Folgeerscheinungen, also dass man zu viel Alkohol trinkt, zu wenig schläft oder sogar depressiv wird. Aber das sind natürlich auch alles Faktoren, die jedem einzelnen weniger Kapazitäten lassen, zum Beispiel darüber nachzudenken, was besser wäre - nicht nur für einen selbst, sondern auch für seine Umwelt. Darüber hinaus kennen es viele vielleicht auch, dass sie ihren Job mal irgendwann mit Idealen angetreten sind und den nicht nur machen wollten, um irgendwie sein Geld zusammenzusammeln - dann aber gemerkt haben, dass man da in Strukturen festhängt, in denen man nichts verändern kann. Dann verharrt man irgendwann in einer Hoffnungslosigkeit, die tatsächlich so etwas wie eine Lernbehinderung hervorruft, weil man denkt: "Ich kann da eh nichts ändern." Das wird uns ja ständig auch suggeriert, dass es keine Alternative gibt, aber das ist falsch. Davon sollte man sich emanzipieren.

Kapitel Nummer zwei heißt bei dir: Arbeit macht arm. Das klingt ja erstmal paradox...

So war das ja auch eigentlich nicht vorgesehen: Das Versprechen war doch eigentlich für alle immer ein anderes, nämlich Wohlstand und Sicherheit durch Arbeit. Dieses Versprechen ist aber gebrochen und ich glaube diese Ahnung haben mittlerweile viele. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat zum Beispiel einen dicken Wälzer darüber geschrieben, "Das Kapital im 21. Jahrhundert", wo er genau dieses Unbehagen belegt. Insbesondere unsere Generation ist davon betroffen. Das ist keine Frage mehr von schlechter Ausbildung, sondern im Gegenteil: Vier von fünf Geringverdienern haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Auch wahnsinnig viele Akademiker finden nicht die richtigen Jobs. Diesem Mantra von "jeder muss was tun" kann auch der Arbeitsmarkt nicht mehr gerecht werden - was ja vielleicht auch gut ist.

Ziel der Industrialisierung und jetzt auch der Digitalisierung war doch immer, dass wir alle weniger arbeiten müssen, weil wir ganz tolle Maschinen erfunden haben, die das für uns machen können. Da müssen wir natürlich auch sehen, dass wir mit unserer Moral hinterherkommen, dass wir uns nicht selbst unglücklich machen, indem wir uns immer wieder sagen lassen, dass wir immer irgendwas machen müssen - ob das Sinn ergibt oder ob das unsere Gesellschaft voranbringt, wird nicht weiter hinterfragt.

Du sagst damit, das klassische Modell von Arbeit und Karriere ist eigentlich überholt, weil die moderne Gesellschaft viel besser geeignet wäre für ein Modell, bei dem alle weniger tun.

Ja, genau, die Ressourcen sind verbraucht, das hat auch schon der Club of Rome im Jahre 1972 in seinem berühmten Text "Die Grenzen des Wachstums" klargemacht. Was sind diese Mantren, auf die wir uns stützen? Dieser freie Markt, der ständig Angebote macht, die wir nicht ablehnen können - was ist daran eigentlich frei? Dagegen stützen wir uns, indem wir die Karriere verweigern. Weil wir langsam merken: Moment, ich strenge mich doch an, ich bin gut ausgebildet, ich hab tolle Zertifikate und Credit Points und trotzdem komme ich nirgendwohin. Da muss man doch anfangen, das in Frage zu stellen.

Warum sollte denn ausgerechnet die junge Generation die Karriere verweigern?

Das ist zwar ein altbackener Spruch, aber wir sind doch die Zukunft, oder? Dann sollten wir uns von diesen alten Mantren, die ja auch alten Versprechen folgen, lösen. Stück für Stück. Das ist natürlich nicht so leicht - es so radikal wie ich zu tun, mit einer Kündigung. Das kann man nicht jedem raten. Es geht aber auch darum, einfach schon mal diese Selbstermächtigung zu leben. Man kann erste Schritte gehen und mit Kollegen über Geld sprechen. Wieso tut man das eigentlich nicht? Werte wie Demokratie und Freiheit, die wir doch eigentlich ganz hoch halten, gelten in der Wirtschaft überhaupt nicht. Es gibt nur ein paar leuchtende Beispiele, wo zum Beispiel ein Betrieb seinen Chef wählt, aber das ist ja längst nicht Gang und Gäbe. Wenn man demokratische Prozesse nicht will, weil das in größeren Betrieben tatsächlich zu merkwürdigen Strukturen oder Strömungen führen kann, dann gibt es aber noch so etwas wie Soziokratie, was bedeutet, dass das beste Argument entscheidet. Das wäre doch auch ein Weg.


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Nuray Cayir, Montag, 23.Februar, 00:20 Uhr

1. Karriereaussteigerin Alix Faßmann

Ich bin froh, dass es solche Menschen wie Dich gibt, Alix. Meine Hochachtung. Ich, z.B. bin kei Typ, der Karriere machen kann und will.
Ich hatte schon ein paar Chacen, Karriere zu machen, hab aber gemerkt, dass ich diese hohen Anfoderungen der Arbeitgeber nicht erfüllen kann. Diese hohen Anforderungen haben mich psychisch krank gemacht. Natür. sagt die eine Seite in mir, es muss doch noch mit Anf. vierzig noch eine Möglichkeit geben, Vollz. einen einigermassen gut bezahlt. Job zu machen. Auf der anderen Seite mache ich mir auch keine Illusionen mehr. Beruflich habe ich vier Jahre lang Vierig Stunden in einer Behindertenwerkstatt
gear., krieg jetzt eine kleine Rente, mache seit einem Jahr einen Minijob für 8 Stunden die Woche und stocke den Rest auf. Zufriedenheit?! Weiss nicht , wie die für meine Situation noch besser aussehen kann. Auf jeden Fall fühle ich, dass diese A. in der Psychiatrie mich ausfüllt und Hoffnung. Ohne sinnvo Arbeit ist das Leben sinnlos, zuviel A.ma. krank!