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Verhaltensexperte Stefan Verra Woran erkenne ich einen Egoisten?

Ich-Idioten schon von Weitem sehen, das klingt sehr praktisch. Welche Moves einen Egoisten entlarven, warum eigennütziges Verhalten oft nur ein Zeichen von Unsicherheit ist und warum die Egoistenquote im Silicon Valley vielleicht etwas höher ist als woanders – Köpersprache-Experte Stefan Verra kann es erklären.

Von: Kristin Amme, Sebastian Meinberg

Stand: 05.12.2014

Stefan Verra | Bild: Severin Schweiger

Er nennt sich selbst “Körpersprecher” : Der Österreicher Stefan Verra sieht einem den Egoisten vielleicht nicht an der Nasenspitze an, aber an anderen Körperteilen und vor allem daran, was man mit ihnen macht. Im Interview spricht er über die eindeutigsten Ego-Moves, darüber, dass hinter ihnen oft etwas ganz anderes steckt, als wir denken und er sagt, dass man sich Egoismus auch erst einmal leisten können muss.

PULS: Kann man wirklich anhand der Körpersprache feststellen, ob jemand ein Egoist ist?

Stefan Verra: Es gibt nicht das eine Signal, an dem man es hundertprozentig erkennen kann, aber die Körpersprache verrät viel, weil sie, im Gegensatz zu dem, was wir sagen, noch viel unbewusster ist.

Und woran erkennt man ihn nun konkret?

Je nach Situation gibt es natürlich viele Faktoren, aber gute Indikatoren sind die Sinnesorgane und wohin sie gerichtet sind: Schaut die Person andere direkt an, oder nicht, ist seine Haltung zu oder abgewendet, nahe oder mit viel Distanz? Richte ich meine Sinnesorgane auf andere, bin ich an ihnen interessiert und nicht nur an mir. Das gilt im direkten Gespräch genauso wie in einer überfüllten Fußgängerzone. Altruisten schauen dahin, wo die anderen sind, wie sie sich verhalten, weichen ihnen aus und schlängeln sich eher durch die Menge. Egoisten sind bei sich, achten nicht auf die anderen, sondern haben ihr Ziel im Auge und – ihnen wird ausgewichen.

In dem Fall klingt es fast entspannter, ein Egoist zu sein.

Ja, man ist vielleicht etwas rücksichtslos und bekommt nicht die meisten Sympathien, aber man kommt schneller ans Ziel und hat weniger Umwege. Und diese Fokussiertheit ist auch eine Stütze für die anderen, die dann wissen: Ok, da weiß jemand, wo er hin will, da weiche ich lieber aus, oder vielleicht folge ich ihm sogar und hänge mich an ihn ran. Das Prinzip lässt sich übertragen auf das Berufsleben, die Wohnungssuche, oder den Kampf um einen Platz im Hörsaal.

Du sagst also, manchmal muss man egoistisch sein?

Ein gesunder Egoismus ist nicht falsch. Evolutionär gesehen ist er sogar wichtig. Stell dir vor, du hast eine Familie und ich habe eine Familie und da ist nur ein Reh zum essen. Hättest du immer gesagt: Nein, bitte nimm doch du zuerst - dann wärst du evolutionär gesehen wohl nicht sehr erfolgreich gewesen.

Uns wird ja gern vorgeworfen, wir sind die Generation der Egoisten - und zwar negativ gemeint. Trifft das nun zu?

Grundsätzlich wie gesagt: ein gesunder Egoismus ist nicht falsch, übermäßiger Egoismus und die Absicht anderen zu schaden natürlich schon. Der Egoismus nimmt in unserer Generation nicht zu, den gibt es schon immer, nur die äußeren Umstände ändern sich ein wenig. Je mehr ich es mir leisten kann, desto mehr schau ich auf mich. Wir sind momentan nicht mehr so aufeinander angewiesen. Wenn wir zum Beispiel Kinder haben, müssen wir nicht mehr der Nachbarin aushelfen, damit sie mit auf die Kinder aufpasst, denn der Staat stellt Kitas zur Verfügung. In Notsituationen ändert sich das aber auch schnell wieder. Als das Hochwasser war, konnte man beobachten, wie schnell sich das Gemeinschaftsdenken wieder entwickelt hat.

Alles in allem kommt der Egoismus bei dir ganz gut weg, solange er nicht ausartet. Im Alltag, der Uni oder im Berufsleben können Egoisten den Nicht-Egoisten das Leben aber doch ganz schön schwer machen. Was ist denn nun mit den fiesen Jurastudenten, die in der Bibliothek Bücher verstecken?

Stefan Verra auf Tour als "Körpersprecher"

Vieles, was wir im Alltag als egoistisches Verhalten wahrnehmen, hat einen anderen Ursprung. Wir denke vielleicht: Man, der hält sich wohl für wichtiger oder was Besseres. In Wahrheit aber steht oft Unsicherheit und Stress dahinter. Wenn sich alte Menschen an der Supermarktkasse vordrängeln, dann weil sie unsicher sind, den Kassierer etwas fragen wollen und nicht die Geduld haben, diese Unsicherheit auszuhalten. Im Berufsleben oder in der Uni werden Menschen rücksichtslos, wenn sie unter Druck stehen, wenn jemand im Flugzeug dir erst auf den Fuß steigt und dann die ganze Armlehne für sich beansprucht, hat er vielleicht einfach Flugangst. Je größer der Stress ist, desto mehr haben wir einen Tunnelblick und sehen die anderen nicht. Je sicherer wir sind - oder evolutionär gesehen: je weniger es jeden Moment ums Überleben geht, desto mehr können wir auf andere achten und empathisch sein.

Das heißt Egoismus hat so einen schlechten Ruf, weil man Verhaltensweisen dazu zählt, hinter denen etwas ganz anderes steht?

Genau, Egoismus ist nicht nur negativ, es gibt auch positiven Egoismus, den man sogar noch mehr fördern sollte, statt zu versuchen ihn abzutrainieren. Nur wer sich manchmal äußeren Einflüssen verschließt, kann neue Wege eröffnen.

Was heißt das konkret?

Außergewöhnliche Leistungen finden oft nur dann statt, wenn vieles andere dafür ignoriert wird. Und das ist nicht immer einfach. Es braucht viel Energie Partyeinladungen reihenweise auszuschlagen, weil man sich auf das Programmieren einer Superapp konzentrieren will. Nonkonformistischem Denken liegt Egoismus zugrunde und das ist für Innovationen so wichtig. Viele der Unternehmer im Silicon Valley wurden sicherlich in ihrer Heimat als Egoisten abgestempelt, weil sie sich auf etwas konzentriert haben, was nicht viele mit ihnen teilten. Aber dort sind alle auf der Suche nach Partnerschaften und Mentoren. Erfolgreich ist also der, der egoistisch ist, aber nur dort, wo er alleine am besten weiterkommt.


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