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Gehirndoping "Medikinet ist kein Hustenbonbon"

Die Uni hat wieder angefangen und im Job ist eh immer viel los. Kurz: wir sind ständig im Stress. Um das durchzustehen, greifen viele nicht mehr nur zu Kaffee sondern zur Pillen. Gehirndoping nennt man das dann. Die Mittel dazu heißen Modafinil, Medikinet und Ritalin. Wir haben versucht Leute zu finden, die braindopen. Gemeldet hat sich "Jakob".

Von: Ariane Alter und Laura Beck

Stand: 19.04.2016

Gehirndoping Grafik | Bild: BR

Jakob heißt eigentlich anders, ist 24 Jahre alt, und studiert irgendwo in Bayern Jura im vierten Semester. Seit einem Jahr nimmt er Medikinet. Das ist ein verschreibungspflichtiges Mediakament, das eigentlich für ADHS-Patienten gedacht ist.

PULS: Jakob, du nimmst das verschreibungspflichtige Medikament Medikinet, warum?

Jakob: Ich studiere Jura. In meinem Studium geht es ziemlich hart zu – speziell wenn es auf die KO-Prüfungen zugeht. Auch wenn darüber nicht öffentlich geredet wird, bin ich überzeugt, dass viele Kommilitonen es auch nehmen. Ich habe auch mit Bekannten schon über Medikinet gesprochen und da dachte ich, entweder haben die sich sau gut informiert oder sie haben es auch schon genommen. Ich nehme es nicht unbedingt, um mir einen Vorteil zu verschaffen, sondern aus Angst sonst nicht zu bestehen. Das Jurastudium in Bayern ist hart, man darf Prüfungen oft nur einmal wiederholen und wenn es dann nicht klappt, ist das Studium gelaufen. Dazu kommt der extrem umfangreiche Lernstoff. Deshalb nehme ich Medikinet in der Prüfungsphase jeden Morgen, außer wenn ich zum Beispiel an einem Sonntag mal Pause mache – dann nehme ich nichts.

Was macht das mit dir? Und welche Nebenwirkungen hat das?

Der Haupteffekt ist die Konzentrationssteigerung: ich bin produktiver, weil ich mich unglaublich gut konzentrieren kann ohne mich so leicht ablenken zu lassen. Ohne Medikinet brauche ich selbst an einem produktiven Tag nach zwei oder drei Stunden eine Pause und fühle mich auch danach nicht wieder 100%ig fit. Mit dem Medikament kann ich noch ein paar Stunden hoch konzentriert dranhängen.
Auf der anderen Seite sind dann menschliche Kontakte plötzlich nicht mehr so interessant. Wenn ich jemanden treffe, der mit mir eine Kaffeepause machen will, dann gehen ich zwar meistens mit, aber währenddessen denke ich mir "Ich würde lieber wieder lernen". Solange das Medikament wirkt, ist man so im Tunnel, das alles andere in den Hintergrund tritt. Abends ist die Wirkung dann zwar vorbei, aber man hat immer noch einen Energieüberschuss. Das kann zu Schlaflosigkeit führen – steht auch groß im Beipackzettel. Ich hatte auch während den Prüfungen dann so eine Art Herzflattern, aber ich weiß nicht, ob das von der Nervosität oder vom Medikament kam. Aber es ist auf jeden Fall ein schwerer Eingriff in den Körper. Medikinet ist kein Hustenbonbon. Auch der Stoffwechsel wird angekurbelt: Wasser läuft quasi durch, das Hungergefühl bleibt lange aus – das sollte man definitiv als Warnzeichen des Körpers sehen und ernst nehmen.

Der Beipackzettel ist sieben DIN A4 Seiten lang. Woher kriegt man Medikinet, wenn man kein Rezept dafür hat?

Unterschiedlich. Ich hab da jemanden im Bekanntenkreis. Im Internet zu bestellen wäre mir persönlich zu gefährlich. Da weiß man nicht, was drin ist und wie gut das dann ist. Man kann es auch direkt am Campus kriegen, wenn man die richtigen Leute kennt – aber woher die das dann haben, weiß ich nicht.  

Wenn du sagst, dass Medikinet dich sozial erkalten lässt – was ist mit deinem Freundeskreis oder deiner Freundin?

Meine Freunde wissen ja, dass ich viel lernen muss und dann einfach nicht zur Verfügung stehe. Schwieriger wird es, wenn mir meine Freundin schreibt, und ich dann ziemlich kurz angebunden, mechanisch und distanziert antworte. Vor allem weil sie gar nicht weiß, dass ich es nehme – davon wäre sie sicher nicht begeistert.

Im Sport ist Doping Betrug und man wird disqualifiziert. Hältst du dich in deinem Studium für einen Betrüger?

Nein, definitiv nicht. Betrüger sind für mich Leute, die sich ihre Hausarbeiten schreiben lassen, bei den Prüfungen spicken oder sich die Fragen vorher schon irgendwie organisieren. Ich denke, ich würde auch so bestehen, aber mit viel mehr Aufwand, Angst und Stress. So kann ich mir das sparen. Trotzdem fände ich es cooler, wenn ich es nicht nehmen müsste und der Druck nicht so hoch wäre. Ich finde, dass die Universitäten und die Gesellschaft offen über das Thema diskutieren muss: Brauchen wir so eine Leistungsgesellschaft? Wie sinnvoll ist diese Akkordarbeit wie am Fließband, bei der es am Ende nur um die Noten geht und nicht um den akademische Schwerpunkt im Studium? Die Uni sollte nicht nur die Zuchtanstalt für die Wirtschaft sein – so kommt es einem aber vor.


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