Interview mit Autor Johannes Kram Warum jeder Mensch homophob ist

Wir sind alle homophob, sagt Johannes Kram. In seinem Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber … Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ spricht er über den neuen Sound der Homophobie in Deutschland.

Von: Laury Reichart

Stand: 28.09.2018

Autor Johannes Kram | Bild: Julian Wenzel/ BR

Johannes Kram ist Autor, Textdichter und Blogger. Seit 2009 führt er einen Blog mit dem Namen „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ und hat auch ein gleichnamiges Buch geschrieben, in dem er die komplexen Facetten der Homophobie beschreibt. Für sein Engagement hat er den Tolerantia Award verliehen bekommen. Johannes will aber nicht nur meckern, sondern Mut machen und Strategien finden, die Homophobie in unserer Gesellschaft zu überwinden.

PULS: Johannes, wann wurdest du das letzte Mal homophob blöd angemacht?

Johanes Kram: So richtig blöd, aggressiv sehr lange nicht mehr angemacht, aber es passieren so Nettigkeiten, die aber doch homophob sind. Zum Beispiel wenn man dafür gelobt wird, dass man kein „richtiger“ Schwuler ist oder nicht so ein lauter Schwuler. Das ist dann irgendwie nett gemeint, aber doch ganz schön böse.

Du stellst in deinem Buch die These auf: Es gibt eine neue Art von Homophobie, die vor allem auch gebildete, liberale linkere Schichten betrifft. Wie unterscheidet sich diese neue Homophobie von der alten Homophobie?

Früher hat man gesagt: Homos sind böse, das ist Sünde, das ist krank und das sagt man so heute nicht mehr. Wenn man gebildet ist, findet man das ganz toll und hat viele nette Schwule und Lesben in seinem Freundeskreis. Und jeder kennt sich auf einmal auch mit der Kultur von Schwulen und Lesben aus. Und das kommt dann so lobend daher: „Ich habe ja nichts gegen euch, aber müsst ihr denn immer so viel Terz um eure Identität machen?“ oder „Warum müsst ihr immer so laut sein?“ Und es gibt es ein neues Narrativ vor allem von Linken, die sagen: Das ist ja super mit der Ehe für alle, aber weil wir uns nur um die Ehe für alle gekümmert haben, haben wir den Industriearbeiter vergessen. Man versucht gerade Lesben und Schwule dafür verantwortlich zu machen, was im letzten Jahr in diesem Land falsch gelaufen ist, als ob wir jemandem etwas wegnehmen würden.

Autor Johannes Kram

Was sagst du denn jemandem, der sagt: Ich habe schwule oder lesbische Freunde, ich habe nix dagegen, aber müsst ihr denn zum Beispiel immer so laut mit eurer eigenen Identität hausieren gehen?

Naja, Heteros machen das andauernd, dass sie einem von ihrem Partner erzählen und so mit ihrer Heterosexualität hausieren gehen. Also wenn man das zurück spiegelt, dann wird es meisten sehr still. Und dann kommt: „Wieso das ist doch was ganz Anderes? Das hat ja nichts mit Sex zu tun“, hat meine alte Deutschlehrerin neulich gesagt. Es wird schon sehr dumm und nett-dumm, irgendwie. Es ist wirklich so, wenn wir um unsere Rechte kämpfen, dann wird gesagt „Jetzt macht mal nicht so einen Aufwasch!“ Aber niemand will so richtig zuhören, wo die Probleme sind. Nur ein Drittel aller Beschäftigten, die lesbisch und schwul sind, haben sich in ihrem Job geoutet. Also irgendwas stimmt in unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht.

Du sagst, selbst Menschen, die homo- oder bisexuell sind, können homophob sein. Aber warum sind diese Menschen homophob, wenn sie selbst mit Unterdrückung und Beleidigungen zu kämpfen haben?

Ich bin ja selber homophob. Ich glaube, man kann in unserer Gesellschaft gar nicht nicht homophob sein. Genau wie jeder rassistisch oder sexistisch ist. Weil wir in einer Gesellschaft aufwachsen, die mit diesen Erklärmustern lebt. Wir leben in einer heteronormativen Ordnung, die alles, was dagegenspricht, so als „unangenehm“ empfindet. Das ist etwas, was durch die Erziehung und die Medien kommt und das haben wir als Homosexuelle selbst verinnerlicht. Wir sollten nicht Menschen abwerten, für das was sie sagen. Wir sollten das, was sie sagen, betrachten und dann konkret darüber reden, was daran problematisch ist.

Durch die Medien konnte sich eine neue Homophobie etablieren, behauptest du in deinem Buch. Das verstehe ich nicht.

Homophobie wird in vielen TV- oder Radio-Sendungen als Meinung dargestellt. Homosexuelle müssen sich in Talkshows oft für ihre Sexualität rechtfertigen. Ein einfacher Vergleich zeigt, wie absurd das ist: In keiner Sendung müsste sich ein Schwarzer gegen einen Rassisten für seine Hautfarbe rechtfertigen. Homosexuellen dagegen, wird das zugemutet. Da fehlt noch eine Diskussionskultur in den deutschen Medien. Wer dieses Problem ankreidet, bekommt zu hören: „War ja nicht böse gemeint“.  Egal ob es so gemeint war oder nicht, böse ist es trotzdem.

Du findest den deutschen Kinohit „Der Schuh des Manitu“ homophob, weil in diesem Film sehr klischeehafte Schwulen-Witze gemacht werden. Aber es gibt ja Leute, die sagen, dass dieser Humor das Thema eher entkrampft hat. Wieso soll man darüber nicht lachen können?

Natürlich darf man über diese Witze lachen. Ich bin ja nicht die Witze-Polizei. Aber ich finde es traurig, dass mit „Traumschiff Surprise“ ausgerechnet die deutschen Filme am erfolgreichsten sind, wo man über die dummen Schwuchteln lacht. Natürlich darf man über Klischees lachen, natürlich darf man Klischees strapazieren. Das ist ja auch befreiend. Aber wenn es immer wieder so verwendet wird, wenn es lustig ist, weil es schwul ist und deswegen dumm ist, dann ist es homophob. Darüber muss man auch reden können, warum ausgerechnet die Deutschen diese Art von 50er Jahre Humor haben. In England zum Beispiel ist das anders. In Serien, wie „Little Britain“ wo Schwule auch klischeehaft dargestellt werden, aber wo sie stark sind, wie sie witzig sind aber nicht nur sich verarschen lassen, sondern auch kontern.

Und wie können wir dieses Problem deiner Meinung nach lösen?

Da habe ich ein ganz konkretes Beispiel. Ich frage immer bei meinen Lesungen: Habt euren Kinder denn schon mal gesagt - bevor sie mit ihrer ersten Freundin oder Freund kommen - dass es völlig okay wäre, wenn sie homosexuell wären? Die sagen die immer: „Das wissen unsere Kinder doch.“ Nee, das wissen sie nicht. Das ist eine existenzielle Erfahrung. Es reicht meistens, das einmal glaubwürdig zu sagen, dass das überhaupt kein Problem wäre, dass man sich freuen würde, sie unterstützen würde, für sie kämpfen würde. Es muss doch möglich sein, das einmal innerhalb von 13 Jahren zu sagen. Das kriegen die meisten heterosexuellen Eltern nicht hin. Ich frage mich, warum. Das einmal zu sagen und die Ängste zu nehmen, erspart sehr viel Leid und vielen Homosexuellen viele Jahre des Rumstotterns, des sich Verkriechens. Das ist eine Kleinigkeit, die sehr Großes bewirken kann.

Das Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…: Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft” von Johannes Kram ist Querverlag erschienen.

Sendung: Filter, 29.09.2018 - ab 15 Uhr