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Info LORiiA aus München hat ursprünglich Jazzgesang studiert und macht mittlerweile mysteriösen Neo-Pop. Sie schreibt - ähnlich wie Lana Del Rey - intime und gleichzeitig nachdenkliche Songs, die auf ein Minimum reduziert sind.

02:37 Uhr Nil SOHN

Gewissensfrage Tierversuche Wie es sich anfühlt, Tiere für die Forschung zu töten

Tiere töten, um Menschen zu heilen - für Immunologin Selina ist das der moralische Konflikt, vor dem sie täglich steht. Wie geht sie damit um? Und warum ist es wichtig, dass sie die Tiere selbst umbringt?

Von: Maximilian Sippenauer

Stand: 14.01.2019

Maus im Glas | Bild: BR

"Die Maus wird erst in ein Gefäß gesetzt, das dann mit einem Narkotikum geflutet wird. Sie wird praktisch betäubt. Und wenn sie dann soweit eingeschlafen ist, wird ihr die Halswirbelsäule durchtrennt."

Es ist der schrecklichste Part an Selinas Job. Erst muss sie Mäuse krank machen, dann töten. Als Immunologin erforscht sie Krankheitsbilder, die der Medizin immer noch riesige Probleme bereiten. Für neue Therapiemethoden müssen Tiere sterben. Ein Dilemma, das der Wissenschaftlerin auch nach Jahren noch zu schaffen macht. "Ich habe ja nicht Biologie studiert, um dann Tierversuche zu machen, sondern weil ich jedes Lebewesen schätze."

"Manchmal denkt man: Warum mache ich das?"

Im Labor öffnet Selina eine kleine blaue Kiste voller Eiswürfel. Im Eis stecken Petrischalen mit winzigen, fingernagelgroßen Knochen und Organen. Selina hat die Proben ein paar Minuten zuvor einer Maus entnommen und seziert sie jetzt mit Schere und Pipette. Die Proben werden später gescannt und dann am Computer weiter untersucht. Je abstrakter die Arbeit wird, desto entspannter wirkt Selina. Denn erst hier beginnt die eigentliche Forschungsarbeit und wird die Krankheit, die es letztlich zu heilen gilt, Stück für Stück verständlicher.

Eine Versuchsreihe kann sich über mehrere Monate ziehen. Ein paar Dutzend Mäuse sind dabei notwendig, um gesicherte Ergebnisse zu erzielen. Während dieses Zeitraums kommt Selina fast täglich in Kontakt mit den Tieren und baut zu ihnen ein Verhältnis auf. Die Mäuse dann nacheinander eigenhändig töten zu müssen, lässt selbst eine routinierte Wissenschaftlerin nicht kalt. "Manchmal denkt man schon: Warum mach ich das ganze? Aber man darf es auch nicht zu sehr an sich heranlassen, weil man weiß ja von Beginn an, dass man die Tiere töten muss."

Harte Kritik an Tierversuchen

An Tieren forschen zu müssen ist ein undankbarer Job. Auch weil die Kritik von außen extrem ist. Und das nicht ganz ohne Grund. Jahrelang wurde vor allem im Bereich der Kosmetik, aber auch in der Wissenschaft großes Schindluder getrieben. Mittlerweile herrschen zumindest in Deutschland strenge Auflagen durch das Arzneimittel- und Tierschutzgesetz. Forscher können nicht wild experimentieren, sondern müssen den Nutzen jeder einzelnen Versuchsreihe erklären und von mehreren Instanzen absegnen lassen. Und sobald für ein Forschungsfeld alternative Prüfverfahren funktionieren, wie etwa die Forschung an Zellkulturen, müssen Tierversuche abgeschafft werden. Gerade hier machen heute viele Tierschützer und Forscher ihre Kritik fest. Die medizinische Forschung sei immer noch zu sehr auf Tierversuche fixiert und setze viel zu wenig auf Prüfverfahren, in denen kein Tier sterben müsse. Selina versteht die Kritik: "Leider ist es aber so, dass zumindest mein Forschungsbereich zu komplex ist, als dass wir das Tiermodell aktuell durch Zellkulturen oder reine Computermodelle ersetzen könnten."

Forscher müssen Tiere selbst töten

Trotzdem hat der öffentliche Streit über Tierversuche zuletzt viel verändert. Heute wird viel Wert darauf gelegt, dass Forscher ihre Tiere selbst töten und es nicht den Tierpflegern überlassen. Dieser direkte Kontakt soll verhindern, dass die Lebewesen leichtfertig getötet werden. Dieses Bewusstsein fordert aber auch einen hohen Preis. Denn auf das, was es heißt, jährlich hunderte Tiere töten zu müssen, werden gerade junge Forscher und Forscherinnen oft wenig vorbereitet. Viele leiden unter der psychischen Belastung und werfen deshalb nach einiger Zeit hin. Wie etwa Eliana, die am selben Institut an Ratten Krebs erforschte. "Das Schlimmste für mich war nicht einmal das Töten, sondern Tiere leben zu lassen und mit in den Versuch zu nehmen, denen es eindeutig schon schlecht ging", erzählt Eliana und selbst heute kippt ihr die Stimme dabei noch weg. "Da musste ich schon extrem mit meinem Gewissen kämpfen. Ich sehe, dem Tier geht’s schlecht, eigentlich müsste ich es töten, was aber bedeuten würde, dass ich nächste Woche neue Tiere ins Krankheitsmodell nehmen muss, denen es dann wieder genauso schlecht geht."

"Viele Kollegen würden hinwerfen"

Eliana wollte das irgendwann nicht mehr und verließ die Wissenschaft. Selina, ihre Kollegin aus der Immunologie kennt das. Viele Kollegen würden hinwerfen, für Studierende sei es oft besonders schwer. Und auch sie habe immer wieder Zweifel. Woher nimmt sie dann also ihre Motivation? "Ich glaube, man muss sich irgendwann bewusst dafür entscheiden. Ich brauche den Bezug zum Patienten. Deswegen ist es für mich immer wichtig zu wissen, warum ich das mache. Ich mache das, weil ich den Menschen helfen will. Sonst könnte ich’s auch nicht machen."

Sendung: Filter vom 14. Januar 2019 ab 15 Uhr