Interview mit den Wochenendrebellen Gesucht: ein Verein für Jason

Jason ist 12, ist Autist und will Fußballfan werden. Doch er hat strenge Kriterien, die ein Verein einhalten muss, Emotionen spielen keine Rolle. Im Interview erzählen er und sein Vater Mirco von der Suche nach dem einen Club.

Von: Kevin Ebert

Stand: 21.05.2018

Wochenendrebellen | Bild: Sabrina Nagel

Wie wird man Fußballfan? Man lernt einen Verein zu lieben. So läuft es: über Emotionen. Bei Jason ist das anders. Er ist zwölf Jahre alt und ist Apserger-Autist. Vor einigen Jahren war er mit seinem Vater Mirco bei einem Leverkusenspiel, seitdem will auch Jason Fan einer Mannschaft sein. Doch er braucht für seine Entscheidung eine fundierte, logische Grundlage. Emotionale Entscheidungen kommen für ihn aufgrund seines Autimsus nicht in Frage. Und so reisen Jason und Mirco Woche für Woche durch die Stadien der Republik - und darüber hinaus - um den perfekten Club für Jason zu finden. Ihre Geschichten erzählen sie im Blog "Wochenendrebell", für den sie 2017 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurden, und in ihrem Buch "Wir Wochenendrebellen". Es sind Geschichten, in denen Groundhopping zur Therapie wird. In denen Vater und Sohn lernen, einander zu verstehen. Ein anderer Blick auf den Mikrokosmos Fußballstadion. Und es ist die Suche nach einem Verein, der nicht existiert. Oder doch? Wir haben nach einer Lesung ihres Buches mit beiden über die Liebe zu einem Verein, Fußball aus der Perspektive eines autistischen Jungen und über Elefanten in Aalen gesprochen.

PULS: Jason, welche Kriterien müsste ein Verein erfüllen, um dein Lieblingsverein zu werden?

Jason: Viele. Er darf vor Anpfiff keinen Spielerkreis machen und kein Maskottchen haben. In Stuttgart hatten wir zum Beispiel beides vereint. Da haben die Spieler einen Kreis gebildet und in diesem Kreis stand auch Fritzl das Krokodil. Das ist natürlich schlecht. Dann sollte das Stadion in der Natur liegen und es sollte solche Details wie einklappbare Flutlichtmasten geben. Der Verein muss umweltbewusst und gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein. Gleichzeitig sollte es aber die Möglichkeit einer besonderen Anfahrt geben, per Nachtzug oder so. Also, es ist schon kompliziert.

Klingt zumindest danach. Bist du ein Fan, Mirco?

Mirco: Ich bin versorgt, ich bin Fortuna Düsseldorf Fan. Das ist auch wieder genau das, was Jason hinterfragt: Er versteht nicht, wie man so eine enorm wichtige Entscheidung treffen kann, ohne irgendwelche logischen Kriterien zu beachten. Aber mich hat’s halt einfach erwischt.

Genau so geht es ja auch den meisten Fußballfans. Hast du schon mal versucht, Jason in Richtung Fortuna zu schubsen?

Mirco: Ja, große Teile unseres Buchs handeln genau von diesem sanften Druck, den ich auf Jason ausübe, um ihn zum Düsseldorf Fan zu machen. Aber an wichtigen Stellen hat mich die Fortuna dann im Stich gelassen und verloren, oder die Fans haben sich daneben benommen oder so. Düsseldorf wird’s definitiv nicht.

Jason für dich ist vor allem wichtig, immer eine logische Grundlage für deine Entscheidungen zu haben. Wirst du im Stadion aber trotzdem manchmal emotional?

Ich weiß nicht, wie viel es mit Emotionen zu tun hat, wenn ich hoffe, dass der VFR Aalen Eckbälle bekommt. Weil dann ein Elefant durchs Stadion trötet.  

Elefant? Bei Eckbällen? Was war da los in Aalen?

Jason: Paps hat gesagt, wir hätten nur zwei Tage Zeit und ich könnte mir aussuchen, wohin wir fahren. Ich hatte also die gesamte Planungsgewalt. An diesem Tag gab es wirklich interessante Spiele. Dynamo Dresden gegen Köln zum Beispiel, Union Berlin spielte zuhause, oder der 1. FC Kaiserslautern. Aber ich habe mich für VFR Aalen gegen den SV Sandhausen entschieden. Es gibt dort in Aalen Sponsoringpakete für 699 Euro. Das enthält ein VFR-Spiel deiner Wahl, ein handsigniertes Spielertrikot und das Eckballsponsoring auf der Anzeigetafel. Man kann sich als Sponsor also ein Geräusch aussuchen, das bei Eckbällen ertönt, zusammen mit einem kurzen Clip, der gespielt wird. An diesem Tag war der Sponsor die "Jumbo Waschstraße" und weil die in ihrem Logo einen Elefanten hat, hat bei jeder Ecke ein Elefant getrötet. Das fand ich ziemlich cool. Am Ende des Spiels war die Eckballstatistik 16:17. Das war das einzige Mal auf unseren gesamten Reisen, dass ich wirklich mitgefiebert hatte.

Mirco: Stell dir vor, du bist mit deinem Sohn jedes Wochenende teilweise 14 Stunden im Zug und hoffst so sehr, dass er irgendwann so etwas wie Emotionen für einen Verein entwickelt. Und dann hofft und zittert er um Eckbälle, damit ein Elefant trötet. Das ist schon sehr speziell (lacht). Aber wie bei den meisten Dingen ist es auch nachvollziehbar, wenn Jason seine Sicht, sein was, wo, wie, warum, erklärt. Ich meine, wenn man jetzt diesen Spielerkreis nimmt. Da machen sich die Spieler nochmal vor dem Anpfiff heiß und schauen nach oben - dann steht da Fritzl das Plüschkrokodil mit im Kreis. Da kann ich die Einschränkung mit dem Maskottchen schon verstehen.

Ja wenn man sich wirklich Mühe gibt, dann ist einiges nachvollziehbar und macht Sinn. Kann man bei Autismus dann überhaupt von einer Behinderung sprechen?

Jason: Es hat ganz klar Teile einer Behinderung, aber eben nicht nur. Mittlerweile sind die Vorteile sogar stärker ausgeprägt. Zum Beispiel, dass ich Sachen enorm schnell verstehe und sie mir einprägen kann.

Helfen die Reisen Jason, besser mit seinem Autismus umzugehen?

Mirco: Als wir damals die Diagnose bekommen hatten, hieß es: Ihr Sohn ist behindert und wird eine Förderschulkarriere vor sich haben. Heute ist er der jüngste Grimme-Preisträger aller Zeiten, erfolgreicher Podcaster und hat mit mir zusammen ein Buch geschrieben. Und er hat sich auch persönlich enorm entwickelt. Ich glaube schon, dass das auch viel mit unseren Reisen zusammenhängt. Aber ganz elementar ist sicherlich auch das, was seine Mama leistet. Die Therapien, die vielen Gespräche mit Ärzten, Lehrern, Therapeuten und mit Jason. Vor allem dadurch hat Jason gelernt, sich mit einer Menge Dingen zu arrangieren, die früher unmöglich waren.

Mit euren Geschichten erreicht ihr wirklich viele Menschen. Wenn man sich mal das Publikum anschaut, das auf eure Lesungen kommt: Da sind Rentner dabei und Familien, da sitzen Ultras und normale Fußballfans. Wie fühlt ihr euch dabei?

Jason: Ganz ehrlich, ich achte während der Lesungen sehr wenig aufs Publikum. Mir fällt nur auf, dass die Fragen am Ende sehr unterschiedlich sind.

Mirco: Mich freut es natürlich, wenn man in die Runde schaut und ein ganz buntes Publikum sieht. Da sind auch Menschen dabei, die gar nichts mit Fußball am Hut haben, sondern das einfach für eine schöne Geschichte halten. Oder Menschen, die mehr so aus dem Erziehungs-Kosmos kommen. Und darum geht es ja auch. Der Fußball bietet den Rahmen unserer Geschichte, aber es ist sicherlich nicht der Haupterzählstrang.

Denkst du, dass du deinen Lieblingsverein noch finden wirst, Jason?

Es ist möglich. Also wenn man sieht, welche Vereine es auf der ganzen Welt gibt, dann erscheint es möglich. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein Verein der ersten, zweiten und dritten Bundesliga wird.

Sendung: Filter vom 22.05.2018 - ab 15 Uhr