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Festivalmode Vom Festival zur Fashionshow

Auf Festivals geht’s nur um die Musik? Von wegen! Immer mehr Modemarken entdecken Musikfestivals wie das Glastonbury oder das Coachella als ideale Werbefläche für ihre Klamotten.

Von: Gesine Kühne

Stand: 19.06.2015 | Archiv

Festivalmode | Bild: BR

Woodstock, 1969: Drei Tage Flower Power im Staat New York. Tausende feiern friedlich und demonstrieren so gegen den Vietnamkrieg. Auch mit ihren Klamotten setzen sie ein Zeichen – für Freiheit, Frieden und die Liebe: mit Blumen, Peacezeichen und grellen, fröhlichen Farben. Geboren ist der Festivallook.

Subkulturen prägen den Festivallook

Aber nicht so schnell. Denn bevor der Hippielook zum offiziellen Dresscode für Musikfestivals wird, vergehen nochmal fast fünfzig Jahre. Festivalmode, wie wir sie heute kennen, ist lange Zeit kein Thema. Was auf Festivals getragen wird, sind die Looks bestimmter Subkulturen. Als in den 80ern zum ersten Mal Rockfestivals wie das Rock am Ring stattfinden, geht die alternative Underground- und Rockszene in Schwarz und Leder. Musikjournalist und Radiomoderator MC Lücke erinnert sich: "Mein erstes Festival war am 13. Juni 1981. Damals ganz in Leder, das habe ich bereut, soweit ich mich erinnern kann, war es ziemlich heiß."

Musikfestivals sind überschaubar und klein und ziehen vor allem Insider an, die über ihre Klamotten zeigen, zu welcher Gruppe sie gehören.

Kate Moss macht Festivals zur Fashionshow

Aber das nimmt Anfang der 2000er eine schlagartige Wendung. Schuld daran ist das Internet: Gossip und Celebrity News verbreiten sich viral in Windeseile. Zum Beispiel, als Model Kate Moss 2005 schlammverschmuddelt in kürzestem Kleidchen und Gummistiefeln mit ihrem damaligen Freund Pete Doherty über das Glastonbury Festival in England stolpert. Plötzlich haben Gazetten und Modemagazine auch etwas zu berichten, obwohl sie sich noch nie für Musik interessiert haben.

Kate Moss und ihre Freunde verwandeln Musikfestivals in matschige Laufstege und machen ausgerechnet den Woodstock-Look der konsumkritischen Hippies zum offiziellen Festival-Dresscode: Kurze Jeansshorts, Boho-Schmuck, Fransen, Flatterblusen und große Hüte. Wer seine Festivalgarderobe vorher noch nach rein praktischen Gesichtspunkten gewählt hat, ändert das beim nächsten Besuch. So auch Festival-Fan Laura: "Im ersten Jahr, da war man noch ganz neu. Da bin ich mit einer Wollmütze losgelaufen. So ein bisschen Glitzer und Blumenketten - viele sagen, das ist typisch. Ich finde, es passt."

Besonders Instagram-Posts vom Coachella Festival inspirieren Laura. Das Coachella in der kalifornischen Wüste ist in den letzten Jahren zum modischen Taktangeber für Open Airs schlechthin geworden. Denn dort ist die Dichte an gestylten IT-Girls und gutaussehenden Celebrities am höchsten – für die meisten Normalsterblichen ist das Festival eh viel zu teuer.

Modemarken machen Festivalmode zur Dritten Saison

Damit ist das Coachella die ideale Werbefläche für große Marken: H&M sponsort das Festival seit mehreren Jahren, errichtet dort einen exklusiven Pop-Up-Store und hat sogar eine Coachella-Kollektion herausgebracht. Andere Marken - von Absolut bis Garnier - springen mit auf, veranstalten exklusive Coachella-Partys, um ein bisschen was vom Woodstock-Flair abzugreifen, das sich viral über die Stars so gut vermarkten lässt.

Und weil das Coachella im April stattfindet, unmittelbar vor der Sommersaison, hat auch der Handel noch Zeit, die Trends aufzugreifen und als Festivallooks weltweit in die Läden und Online-Shops zu bringen.

Festivalmode ist zu einer kleinen Mini-Industrie geworden, bestätigt auch Joyce Binneboese, Besitzerin der Boutique WALD, aus Berlin. Sie sieht die Entwicklung kritisch, obwohl auch ihre Kundinnen festivaltaugliche Klamotten suchen: "Ich denke, dass das ganz abgespeiste Konsumwirtschaft ist. Ich finde, man sollte Teile kaufen, die man in den Alltag so integrieren kann, dass es passt. Nur zu konsumieren, damit man auf dem Festival den perfekten Look hat, nee!"


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Natalie, Freitag, 03.Juli 2015, 10:35 Uhr

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Finde ich eigentlich ziemlich traurig. Ich gehe immer noch auf Festivals in alten Bandshirts und verratzten Hosen. Ich verstehe nicht, warum ich mich für ein Festival aufbrezeln soll, wenn ich die Musik und Stimmung genießen möchte - duschen ist kaum möglich, man versinkt in Schlamm, Matsch oder Staub und wenn man zu seiner Lieblingsband in den Circlepit geht, ist das Outfit doch sowieso dahin. Dieses Jahr habe ich es außerdem kaum beobachten können, dass wirklich welche so rumliefen: Es gab ein paar Mädels in Kleidchen, aber das war die absolute Ausnahme. Die meisten deutschen Festivalbesucher scheinen noch zu denken, dass es eher darauf ankommt, wie angenehm die Kleidung ist und nicht wie modern. :-)