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Denken wir nur noch an uns? Hauptsache Ich

Ein Haufen unsozialer Egomanen - so werden wir anscheinend gesehen. Junge Menschen interessieren und engagieren sich für nichts mehr und das Rebellieren ist komplett an ihnen vorbeigegangen. Soweit der Vorwurf, aber sind wir derart egoistisch? Und wenn ja, ist das wirklich so schlimm?

Von: Teresa Fries

Stand: 05.12.2014

Unsere Generation hat es so gut: Ständig erzählen uns andere Generationen - vor allem in Form von Wissenschaftlern und Medien - was wir falsch machen, wo unsere Defizite sind, was wir wollen und wie wir ticken. Luxus! Da müssen wir nicht selbst reflektieren und wissen trotzdem, dass wir gelangweilt, überfordert, unmotiviert, karrieregeil, Privatfernsehen-verblödet, Internetporno-verroht, Smartphone-haltungsgeschädigt und neuestens auch noch krass egoistisch sind. Wissenschaftlich erwiesen versteht sich.

Sind wir einfach schlechte Menschen?

“Generation Ich” nennt uns der Spiegel in einem Artikel Ende Oktober. Studenten mit dem “Hauptfach Egoismus”. “Sich schöne Dinge leisten zu können”, stehe bei uns auf der Agenda ganz oben und “nicht wenige Studenten scheinen für die klassischen Ressentiments der Rechtsextremen empfänglich, wonach Ausländer die Jobs wegnehmen”. Wummm - ein Schlag mittenrein in unsere Generations-Magengrube: Egoistisch bis zur Ausländerfeindlichkeit. Aber was genau bedeutet Egoismus eigentlich?

Dass wir bei dem, was wir tun, darauf achten, dass es uns gut geht und wir im besten Fall noch einigermaßen glücklich werden? Ist das Egoismus, dann ist das Gegenteil wohl Blödheit. Dass sich jeder selbst irgendwie am nächsten ist, ist nun mal alleine anatomisch gesehen nur schwer zu ändern. Stefan Verra, Experte für Körpersprache, sagt, an ihr erkenne man einen Egoisten am besten. Die Körpersprache verrät einen jederzeit. Aber was hinter dem egoistischen Verhalten steht, das können wir nicht sehen.

Umso wichtiger ist es zu wissen, dass es nicht immer Selbstsucht, Ignoranz oder reine Boshaftigkeit ist. Wenn von uns als der “Generation Ego” die Rede ist, dann ist das zu 99 Prozent negativ konnotiert und klingt, als wären wir von innen heraus einfach schlechtere Menschen. Dass es durchaus einen gesunden Egoismus gibt, von dem auch Stefan Verra spricht, wird oft nicht berücksichtigt. Ebensowenig, dass es Gründe gibt, warum wir egoistischer wirken und es an manchen Stellen vielleicht auch sind, die zum einen logisch sind und zum anderen definitiv nicht alleine unserer Generation entspringen.

Fünf Gründe, warum wir nicht einfach nur fiese Egoisten sind:

Vielleicht ist also etwas dran, vielleicht sind wir etwas egoistischer. Uns findet man nicht mehr so oft in Vereinsheimen oder Parteisitzungen und vielleicht sind einige von uns nicht so gut darin, Zeit und Geld völlig selbstlos zu investieren. Aber ist das wirklich so falsch?

Engagement muss kein Opfer sein

Unsere Prioritäten haben sich verschoben, aber das heißt noch lange nicht, dass wir nur noch an uns selbst denken und alles andere egal ist. Noch nie gab es so viele Vegetarier und den meisten davon geht es nicht nur um ihre eigene Gesundheit. Ständig entstehen neue Projekte und Startups von jungen Menschen, die sich zum Ziel gemacht haben, etwas für die Umwelt und gegen Verschwendung, unfaire Arbeitsbedingungen oder übermäßige Müllproduktion zu tun. Und immer mehr junge Menschen suchen nach Wegen, die Situation der Flüchtlinge in Deutschland zu verbessern. Wären wir alle Egoisten, wäre uns das doch völlig egal.

Der Unterschied ist nur: Viele von uns haben erkannt, dass es nicht Entweder/Oder sein muss. Melden wir uns auf Sharing-Plattformen an - egal ob es um Essen, Autos, oder Werkzeug geht - dann bringt das uns selbst etwas, aber eben auch anderen. Verschenken wir unsere Pfandflaschen, dann freut sich der, der sie bekommt und wir, dass wir sie los sind. Wir suchen uns unsere eigenen Projekte zu Themen, die uns beschäftigen, Projekte, die anderen helfen oder mit denen wir versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen, die aber auch uns nützen oder Spaß machen. Wenn das egoistisch ist, okay, dann ziehen wir uns den Ego-Generationsschuh vielleicht sogar gerne an.


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