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Die Frage Was wurde aus meiner Grundschulklasse?

Clown, Streber, Zicke - in der Schule hat jeder seine Schublade. Aber bestimmen die auch, was später aus uns wird? PULS Reporterin Christine Auerbach hat ihre Grundschulfreunde aufgespürt, um genau das herauszufinden.

Von: Christine Auerbach

Stand: 24.07.2015

Ich war eher still, jetzt bin ich Radioreporterin. Den Eltern meiner damaligen Banknachbarin Sonja war klar, dass die Tochter später studieren wird - jetzt ist sie Schreinerin in Barcelona. Wir haben alle an der gleichen Stelle angefangen: gleiche Schulbank, gleiche Lehrerin, gleicher Scout-Rucksack mit dazu passendem Turnbeutel. Die Lebensläufe danach könnten aber unterschiedlicher nicht sein.

Was mich vor allem interessiert: Wie sind wir zu dem geworden, was wir heute sind? Wer oder was beeinflusst uns dabei? Können wir uns verändern oder bleiben wir eigentlich immer dieselben Klassenclowns oder stillen Streber wie damals? Das Freundebuch von damals ist mein erster Anhaltspunkt. Ich will herausfinden, wie viel von dem, was mir meine Freunde aus der ersten Klasse dort reingeschrieben haben, noch stimmt. Sind immer noch alle Fans von David Hasselhoff, DEM Held unserer ersten Klasse? Naja, zumindest in dem Punkt habe ich Hoffnung, dass sich Menschen tatsächlich ändern können...

Schon nach den ersten Telefonaten und Treffen ist schnell klar: Wir haben uns tatsächlich alle ziemlich verändert. Der Klassenclown ist jetzt glücklicher Familienvater. Der Unruhestifter, der schon in der ersten Klasse fast von der Schule geflogen wäre, ist mittlerweile der Oberchecker bei einer Computerspiele-Schmiede, die weltweit Millionen Fans hat. Einige haben also ganz schöne Wendungen in ihrem Leben hingelegt.

Aber das meiste davon war wahrscheinlich schon in der Grundschule da und ich habe es einfach nicht gesehen. Denn Frank Spinath, Psychologie-Professor von der Universität des Saarlandes, macht klar: Sich um 180 Grad in der Persönlichkeit zu wenden und dann dauerhaft jemand anderes zu werden, ist sehr schwer. Die Grundeigenschaften von uns sind genetisch festgelegt. Wie sie sich dann letztendlich ausprägen, liegt an unseren Umwelteinflüssen. Aber dass aus dem schüchternen Streber plötzlich die plärrende Rampensau wird, ist zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich.

Chancengleichheit gilt nicht für alle

Insgesamt bin ich ziemlich beschaulich aufgewachsen, das wird mir erst jetzt im Nachhinein so richtig klar. Zwar nicht die reichste Gegend, aber auch kein Problemviertel. Bei Patrick Bauer war das anders. Er hat ein ähnliches Experiment wie ich gestartet und seine alten Klassenkameraden aus der Grundschule gesucht. Er ist in Berlin-Kreuzberg zur Schule gegangen. Schon damals ein ziemlich durchmischtes Viertel: Kinder mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Elternhäusern oder, so wie er, mit eher linken, intellektuellen Eltern.

Aus seiner Recherche ist ein Buch geworden: "Die Parallelklasse". Sein Fazit bestätigt das, was Soziologen in Deutschland schon lange sagen: Wer aus einem sozial schwachen Elternhaus kommt, der hat es sehr viel schwerer aufzusteigen oder Erfolg zu haben.  Patrick Bauer sagt außerdem: "Nostalgie muss man sich leisten können". Denn wenn es um die Grundschulzeit geht, werden wir ja gerne mal nostalgisch… Wenn man aber schon damals nicht mitgekommen ist, weil man nicht so gut Deutsch konnte oder die Eltern einem nicht bei den Hausaufgaben geholfen haben, dann schaut man auf die Schule wahrscheinlich mit gemischten Gefühlen zurück. Und wenn man dann auch noch vier Jobs gleichzeitig jongliert, damit man über die Runden kommt, dann ist für Nostalgie eben schlicht keine Zeit.

Gefahr für den sozialen Frieden

Beim Thema Chancengleichheit oder soziale Mobilität sieht es in Deutschland also nicht gut aus. Das sagt auch der Soziologe Florian Hertel von der Universität Bremen. Er vergleicht unter anderem, welche Jobs wir im Gegensatz zu unseren Vätern haben. Sein Ergebnis: Für unsere Generation ist es sehr viel schwerer aufzusteigen, als für die Nachkriegsgeneration. Im Deutschland des Wirtschaftswunders gab es nämlich neben verbesserten Bildungsmöglichkeiten auch noch viele gute Jobs: mit festen Verträgen, Rentenansprüchen, Perspektive und Ansehen. Diese Jobs sind weniger geworden. Dafür gibt es immer mehr der sogenannten prekären Arbeitsverhältnisse: Zeit-, Frist- oder Minijobs, aus denen man nicht so leicht wieder herauskommt und die in der Regel eine ungewisse Zukunft bedeuten.

Gibt es in einer Gesellschaft wie der unseren aber keine Möglichkeit auf Aufstieg mehr, gerät das soziale Gefüge ins Wanken: Der Kapitalismus, so der Soziologe Florian Hertel, legitimiert die Ungleichheit der Gesellschaft mit dem Versprechen, dass jeder aus eigener Leistung und Fleiß aufsteigen kann. Egal welche Voraussetzungen er hat. Wenn das nicht mehr der Fall ist, und man nicht mehr aus eigener Kraft sein Leben verbessern kann, dann kann das Potential für soziale Proteste und Unruhen steigen. Natürlich kann auch er nicht in die Glaskugel der Zukunft schauen, aber Pegida oder Occupy sind für ihn erste Anzeichen dieses Unmuts wegen fehlender Chancengleichheit.

Meine Eltern und wohl auch die meisten Eltern meiner damaligen Schulfreunde haben uns ziemlich unterstützt - oder zumindest darauf geachtet, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Von dieser Seite aus hatten die meisten also einen ziemlich guten Start. Trotzdem war nicht alles rosig. Denn es gehört ziemlich viel Mut dazu, den ehrgeizigen Eltern klar zu machen, dass man vielleicht lieber aussteigt, als aufsteigt und Karriere macht - wie sie sich das vorgestellt haben. Das geht wahrscheinlich tatsächlich nur, wenn der Rebell schon in den Genen verankert ist. Viel Ausdauer braucht es auch dann, wenn sie einen in die typischen Schubladen gesteckt haben: Schläger, Streber, Langweiler, Nerd, Prinzesschen. Hut ab, wer da sein Ding einfach so lange weiter durchzieht, bis er das gefunden hat, was wirklich zu ihm passt. Also: Was wurde jetzt aus meiner Grundschulklasse? Eine ganze Menge, finde ich.

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